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Boris Johnson: Die EU? Ein Gefängnis für Geiseln mit Stockholm-Syndrom

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Boris Johnson

Boris Johnson, der schrille Bürgermeister von London, ist ein Freund klarer Worte. Zurzeit profiliert er sich als Befürworter des Brexit, des britischen EU-Ausstiegs. Und wie.

Boris Johnson ist eine höchst kontroverse Figur. Londons Bürgermeister ist ein Meister darin, auf der Klaviatur des Populismus zu spielen. Zurzeit profiliert er sich als lauteste, bissigste und witzigste Stimme für den britischen EU-Ausstieg, den man als Brexit verniedlicht.

Johnson hält ihn für notwendig und gut und bringt sich damit in Stellung gegen seinen eigenen Parteichef. Denn sein mitunter schrill-clowneskes Auftreten lässt manchmal vergessen, dass Johnson ein Konservativer ist. Die Brexit-Frage macht ihn zu David Camerons gefährlichstem parteiinternen Gegner, denn Cameron versucht, Großbritannien in der Europäischen Union zu halten.

In der Polit-Talkshow des BBC-Journalisten Andrew Marr lieferte Johnson an diesem Sonntag den Medien ein Stakkato an verbalen Steilvorlagen, die sich Cameron in den nächsten Tagen wohl vermehrt wird anhören müssen. Johnson attestierte den EU-Befürwortern das "Stockholm-Syndrom". Damit bezeichnet man, wenn Geiseln in ihrer Haft positive Gefühle für ihre Entführer entwickeln.

"Der EU zu entkommen wäre, wie aus dem Knast auszubrechen"

Denn der Ausstieg, so Johnson, sei gut für Großbritannien. Wie weiland Helmut Kohl beschwor er blühende Landschaften für den Fall eines Brexit: "Sonnige Ebenen" lägen hinter den Toren des "Gefängnisses", als das er die EU sieht. Johnson: "Der EU zu entkommen wäre, wie aus dem Knast auszubrechen."

Er hielte es zwar für möglich, dass ein Ausstieg wirtschaftliche Konsequenzen haben könne, "aber vielleicht auch nicht". Camerons Warnung, der Brexit sei ein "Sprung ins Dunkel", beantwortete Johnson mit dem Versprechen, jenseits der EU-Mitgliedschaft warteten "goldene Chancen".

Die EU-Befürworter verfolgten ein "Project Fear", eine Angst-Kampagne, die Brexit-Befürworter einschüchtern solle. Er selbst sei dazu geworden, weil er nicht bereit sei, irgendeine Einbuße an staatlicher Souveränität hinzunehmen. Der Regierung Cameron unterstellte er, genau das zuzulassen.

Wie schon am Vortag äußerte sich Johnson wütend über die vorläufige Suspendierung von John Longworth, dem bisherigen Chef der britischen Handelskammer BCC. Der soll bei einem Besuch des deutschen Bundesfinanzministers gegenüber Wolfgang Schäuble seine persönliche Präferenz für einen Brexit zum Ausdruck gegeben haben. Johnson behauptet, Longworth sei deshalb abgesetzt worden und das sei "vollkommen skandalös". Die Regierung Cameron bestreitet, irgendetwas mit Longworths Beurlaubung zu tun zu haben.

Die Marr-Show: Ein Interview, das an Debatte grenzte

TV-Journalist Marr hielt oft dagegen, unterbrach und hinterfragte. Und zwar 57-mal, wie der als konservativ geltende "Telegraph" süffisant aufrechnete: David Cameron sei an gleicher Stelle vor zwei Wochen von Marr nur 23-mal unterbrochen worden. Eine Aufrechnung, die Ungleichbehandlung suggeriert.

Tatsächlich gerieten Interviewer und Gast teils heftig aneinander. Ab einem gewissen Zeitpunkt war Marr nicht mehr bereit, Johnson seine Bühne zu belassen.

Marr: "Diese Show heißt Andrew-Marr-Show, ich stelle hier die Fragen."
Johnson: "Richtig. Sie sind souverän."
Marr: "Ich besitze absolute Souveränität über meine Show."
Johnson: "Im Gegensatz zum Vereinigten Königreich."

Der "Daily Mirror" verglich das Interview mit einem "Autounfall". Die Bewertung erwies sich als Frage des Standpunkts: Für die einen gab "Marr dem schwatzenden Johnson eins auf die Finger" ("Australian News"), für die anderen zeigte der Verlauf die Ungleichbehandlung der Brexit-Befürworter - "Project Fear" in Aktion, sozusagen.

Großbritannien stehen, wie schon im letzten Jahr durch das Schottland-Referendum, bis zur Abstimmung Monate heißer politischer Debatten bevor. Am 23. Juni sollen die Briten über Brexit oder Verbleib abstimmen. Boris Johnson wird den Ton dieser Debatte maßgeblich mitprägen.

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