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Boris Johnsons Ja zum Brexit: Camerons Horst

Von , London

Boris Johnson: Attraktiv für die Wähler, anstrengend für die Verbündeten Zur Großansicht
DPA

Boris Johnson: Attraktiv für die Wähler, anstrengend für die Verbündeten

Boris Johnson wirbt für den Austritt der Briten aus der EU - und bringt damit Premier Cameron in Bedrängnis. Der Londoner Bürgermeister genießt seine Rolle als Störenfried unter den Tories.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Londons Bürgermeister Boris Johnson ist glücklich, wenn er Unruhe stiften kann. Seit er am Sonntagnachmittag aus seiner Haustür trat und verkündete, er werde für den Austritt aus der EU stimmen, ist er noch glücklicher. Denn er schaffte damit auch noch, was er ohnehin immer anstrebt: dass das britische Archipel über nichts anderes redet als ihn.

Die Zeitungen sind jetzt voll mit Geschichten über den Kampf der Alphamänner bei den Konservativen. Boris Johnson gegen David Cameron, der Londoner Bürgermeister gegen den Premierminister. Der Krieg der Tories, Eintritt frei.

Monatelang hatte Westminster darüber spekuliert, auf welche Seite sich Johnson vor dem EU-Referendum schlagen würde - auf die Seite der Brexit-Kämpfer, die die EU verlassen wollen, oder auf die europafreundlichere Seite. Johnson ist einer der beliebtesten Politiker des Königreichs, ein begnadeter Populist und nach dem Premier der Mann, dem die Briten in der Europafrage am meisten vertrauen. Es galt also womöglich sogar als kriegsentscheidend für das Referendum, zu welchem Lager er sich bekennen würde. In einer aktuellen Umfrage antworteten 32 Prozent, dass Johnsons Position für ihre Wahl beim Referendum am 23. Juni wichtig sei.

Öffentlich bekannte sich Johnson stets zu Camerons Strategie der milden Erpressung - entweder Großbritannien bekommt von Europa, was es will, oder das Königreich verlässt die EU. Wäre es nach dem Bürgermeister gegangen, hätte man die Verhandlungen der vergangenen Monate aggressiver führen sollen. Ein bisschen erinnert sein Vorgehen an Horst Seehofer, der gegenüber Merkel solidarisch und quengelig zugleich ist.

Seit seiner Zeit als Brüssel-Korrespondent des konservativen "Daily Telegraph" ist Johnson ein ausgesprochener Gegner der europäischen Einigung. Damals hat er auch das heitere Europa-Bashing miterfunden, das Teile der englischen Presse seither mit großer Freude zelebrieren. Einmal meldete der Reporter Johnson weltexklusiv, die Kommission werde ihr eigenes Gebäude in die Luft sprengen, wegen Asbest-Gefahr. Das stellte sich milde gesagt als Übertreibung heraus. Das Gebäude steht bis heute.

Johnson ging es nie um Wahrheit, sondern um die saftigste Überschrift. Er ist ein Unterhalter und Verführer, auch jetzt als Politiker. Notfalls korrigiert er sich eben. Während der Zeit in Brüssel festigte sich sein Bild einer machthungrigen, detailversessenen Eurokratie, die sich immer aggressiver in britische Belange einmischt, in das Arbeitsrecht etwa. Nicht Großbritannien habe sich verändert, sondern die EU, schreibt Johnson in seiner jüngsten "Telegraph"-Kolumne. Die Union habe in den vergangenen Jahren expandiert und dehne ihre Macht weiter aus. Sie betreibe einen Prozess unsichtbarer Kolonialisierung. Seine Botschaft lautet: Brüssel ist schuld, nicht wir.

Johnson achtet darauf, unberechenbar zu bleiben

Johnson äußert sich als ein Enttäuschter, der sich von seinen Parteifreunden in der Regierung chronisch unterschätzt und übergangen fühlt. Bürgermeister von London ist zwar kein schlechter, aber ein einflussarmer Job. Man beschäftigt sich viel mit Abwasser, Polizei und Verkehr. Zuletzt schrieb er eine Biografie Winston Churchills, was wesentlich besser zu seinem intellektuellen Selbstverständnis passt. Er wollte immer mehr sein als Rathauschef. Gerade sitzt er an einem Buch über Shakespeare.

Außerdem hätte Johnson sich von Cameron bei den Verhandlungen in Brüssel wie viele Tory-Abgeordnete mehr Ehrgeiz gewünscht. Vergeblich wartete er darauf, dass der Premier einen Teil der britischen Souveränität von Brüssel zurückerobert. Hardliner in seiner Partei diskutierten unter anderem über einen Gerichtshof, der ähnlich wie das deutsche Verfassungsgericht europäische Gesetze auf ihre Vereinbarkeit mit dem Grundrecht prüfen sollte. Doch auch das kam nicht, wie vieles, was sich die Euro-Gegner unter den Tories gewünscht haben.

Johnson achtet darauf, unberechenbar zu bleiben. Er ist damit ein politisches Irrlicht, aber er sagt, was er denkt. Das macht ihn attraktiv für Wähler - und anstrengend für Verbündete. Dem SPIEGEL sagte er vor ein paar Monaten, es sei nicht das Ende der Welt, wenn Großbritannien den europäischen Staatenbund verlasse. Er sagte aber auch: "Idealerweise bleiben wir in der EU und versuchen, sie besser zu machen." Er klang, als würde er sich für den Verbleib in der Union entscheiden, wenn auch schweren Herzens, aber sicher kann man bei ihm nie sein.

Sein Bekenntnis zum Brexit ist ein unschätzbarer Gewinn für die EU-Gegner. Vorige Woche hatte sich bereits Justizminister Michael Gove für einen Austritt aus der EU ausgesprochen, ein Intellektueller, der vor allem bei der unentschlossenen konservativen Mittelschicht ankommt. Mit Gove und Johnson verfügt das Brexit-Lager nun über ein schlagkräftiges Team, das womöglich von der Hälfte der Tory-Abgeordneten unterstützt wird. Der Brexit ist jetzt ein bisschen wahrscheinlicher geworden.

Im Video: Boris Johnson wirbt für den "Brexit"


Zusammengefasst: Soll Großbritannien die EU verlassen? Mit Londons Bürgermeister Boris Johnson hat sich ein prominenter Politiker der Konservativen für den Brexit ausgesprochen. Seinen Parteifreund David Cameron setzt die Äußerung unter Druck. Denn für die Wähler ist die Meinung von Johnson von großer Bedeutung.

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insgesamt 66 Beiträge
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1. Cameron braucht keinen Horst
tadano 23.02.2016
Er ist selber schon genug Horst.
2. Boris Jonhnson
bürgerl 23.02.2016
Boris Jonhnson will Comeron als Premier ablösen !
3.
richardheinen 23.02.2016
Ein egomaner Irrwisch. Gerade er als Lord Mayor Londons sollte wissen, welchen Schaden ein Austritt Großbritanniens dessen Wirtschaft und natürlich dem Dienstleistungszentrum London zufügt. Ich bin überzeugt, dass er, wäre er Premier, die gegenteilige Position einnähme. Er macht mit seiner Haltung Innenpolitik, Richtung Downing Street will er.
4. EU Caos
Nofretete 23.02.2016
Bei dem Chaos in der EU und steigenden Schulden ist ein Brexit die logische Konsequenz. Zudem verschlechtert sich sie Sicherheitslage täglich. Sie auch steigen Anzahl bei den Wohnungseinbrüchen. Die EU Kohl/Merkel scheitert gerade. Ich beneide sie Engländer jetzt sogar.
5. Mayor, nicht Lord Mayor
LarsLondon 23.02.2016
Zitat von richardheinenEin egomaner Irrwisch. Gerade er als Lord Mayor Londons sollte wissen, welchen Schaden ein Austritt Großbritanniens dessen Wirtschaft und natürlich dem Dienstleistungszentrum London zufügt. Ich bin überzeugt, dass er, wäre er Premier, die gegenteilige Position einnähme. Er macht mit seiner Haltung Innenpolitik, Richtung Downing Street will er.
Johnson ist Mayor of London, nicht Lord Mayor.
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