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Moskauer Reaktionen auf den Nemzow-Mord: "Tot ist er für den Westen interessanter"

Von und , Moskau

DPA

Die Reaktionen auf den Tod von Boris Nemzow zeigen die Gräben, die sich durch Russland ziehen. Die Hardliner beschuldigen den Westen, die Opposition den Kreml. Der schickt keinen prominenten Vertreter zur heutigen Trauerfeier.

Moskau nimmt Abschied vom erschossenen Oppositionspolitiker Boris Nemzow. Ab 14 Uhr Ortszeit (12 Uhr in Deutschland) geben ihm Freunde und Anhänger im Moskauer Sacharow-Zentrum das letzte Geleit. Anschließend wird Nemzow auf dem Moskauer Prominentenfriedhof Trojekurowo beigesetzt.

Zu der Beerdigung wird Moskauer Prominenz erwartet; auch die Botschafter westlicher Staaten haben ihr Kommen zugesagt. Die Führung des Landes bleibt dagegen fern. Weder Wladimir Putin noch Mitglieder der Regierung werden an den Trauerfeierlichkeiten teilnehmen. Der Präsident schickt als Vertreter einen auch in Russland weitgehend unbekannten Abgeordneten namens Garri Minch.

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Abschied von Boris Nemzow: Trauer, Wut, Entsetzen

Die Reaktion des Kreml auf die Tat zeigt: Auch der schockierende Mord hat die Gräben zwischen Staatsmacht und liberaler Opposition nicht geschlossen. Im Gegenteil: Der bekannte russische TV-Moderator Dmitrij Kisseljow - inzwischen auch Chef der Kreml-Medienholding Russland Heute - nutzte das Attentat umgehend für einen seiner traditionellen Ausfälle gegen Andersdenkende und das Ausland.

"Es ist paradox: Als lebenden Oppositionellen hat der Westen Nemzow nicht mehr gebraucht, aber als Toter ist er umso interessanter. Wer hat ihn umgebracht? Wer kann das jetzt wissen? Klar brauchen wir Ermittlungen. Der Mord löst aber schon jetzt eine Reaktion des Westens aus. Das ist ein Vorgehen wie beim Maidan. Es braucht Blut."

Der Kreml hatte sich zuvor ähnlich geäußert. Dmitrij Peskow, Pressesprecher von Wladimir Putin, sprach zwar von einem "furchtbaren Mord", wähnte dahinter aber auch umgehend eine "große Provokation":

"Eine Provokation in der Hinsicht, dass Boris Nemzow in Opposition stand zur Führung Russlands, er stand in Opposition zu dem Kurs, den die Führung Russlands durchführt, der unterstützt wird von der überwältigenden Mehrheit der Russen."

Das war eine seltsam kalte Formulierung angesichts des Zeitpunkts des Interviews. Der Radiosender Kommersant FM strahlte es um kurz nach 4 Uhr am Samstagmorgen aus, Nemzow war keine fünf Stunden zuvor in Sichtweite des Kreml gestorben.

Weiter sagte Putins Sprecher, man müsse die Tat zwingend vor dem "Hintergrund der verschiedenen Aktionen betrachten, welche die Opposition in den kommenden Tagen plant, vor dem Hintergrund der insgesamt sehr emotionalen Lage".

Das ist offenbar kein Konsens innerhalb der Kreml-Elite. Premierminister Dmitrij Medwedew übermittelte am Samstag um 14:30 Uhr den Angehörigen in einem Telegramm sein Mitgefühl. Medwedew war bis 2012 Präsident und verfolgte einen liberaleren Kurs. Vor drei Jahren wurde er von Putin wieder ins zweite Glied versetzt. Große Gestaltungsmöglichkeiten hat der Premier seitdem nicht mehr. Im Fall Nemzow wählte Medwedew aber versöhnlichere Töne:

Premier Medwedew: "Das ist eine enorme persönliche Tragödie für uns" Zur Großansicht
REUTERS/ RIA Novosti

Premier Medwedew: "Das ist eine enorme persönliche Tragödie für uns"

"Ich bin erschüttert von dem brutalen, zynischen Mord an Boris Jefimowitsch Nemzow. Das ist eine enorme persönliche Tragödie für uns, seine Familie und jene, die ihm nahestanden. Es ist ein großer Verlust für unsere Gesellschaft, deren Freiheit und Werte er immer verteidigt hat. Boris Nemzow war einer der talentiertesten Politiker in der Epoche des demokratischen Wandels unseres Landes. Bis zum letzten Tag blieb er eine charismatische Persönlichkeit, ein prinzipientreuer Mensch. Er handelte offen, konsequent und verriet nie seine Überzeugungen. So wird er uns im Gedächtnis bleiben."

Um 15:30 Uhr am Samstag richtete dann auch Wladimir Putin ein Telegramm an Nemzows Mutter Dina Eidman:

Präsident Putin: "Ich teile aufrichtig das Leid, das Ihnen widerfahren ist" Zur Großansicht
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Präsident Putin: "Ich teile aufrichtig das Leid, das Ihnen widerfahren ist"

"Nehmen Sie mein tiefes Beileid entgegen im Zusammenhang mit Ihrem unwiederbringlichen Verlust. Ich teile aufrichtig das Leid, das Ihnen widerfahren ist. Boris Nemzow hat seine Spur in der Geschichte Russlands hinterlassen, in der Politik und im gesellschaftlichen Leben. Ihm kam das Los zu, während einer schwierigen Periode für unser Land auf wichtigen Posten zu arbeiten. Er hat immer geradeheraus und ehrlich seine Position kundgetan, seine Meinung verteidigt.

Es wird alles getan werden, damit die Organisatoren und Ausführenden dieses niederträchtigen und zynischen Mordes die verdiente Strafe erfahren."

Der bekannte Moskauer Anwalt Genri Resnik übt scharfe Kritik an der Art und Weise, wie sich Putin nach den Schüssen auf Nemzow verhielt. Resnik ärgert, dass der Kreml gleich nach der Tat suggerierte, die Opposition habe ihren eigenen Anführer erschossen, nur um Putin zu schaden. Putin habe Recht mit der Einschätzung, dass vieles auf einen Auftragsmord hindeute.

"Danach aber wurde gesagt, es handle sich ausschließlich um eine Provokation. Wenn der Staatschef von Anfang an solche Äußerungen tätigt, drängt das die Behörden, Bestätigungen genau für das zu finden, was der Präsident gesagt hat.

Ich stelle die Hypothese auf, dass diese Kugeln aus dem radikalen Untergrund kamen. Falls das zutrifft, dann war es die Staatsmacht selbst, die das Startsignal für so ein Verbrechen gegeben hat, ohne es selbst zu wollen."

Russlands Gesellschaft sei "voll von Soziopathen, besessen von Hass". Sie würden noch aufgewiegelt von der Propaganda. "Eine größere Anstachelung zum Hass als auf unseren zentralen TV-Kanälen habe ich noch nirgendwo gesehen", so Resnik. Bemerkenswert war allerdings nicht nur seine Kritik am Kreml an sich - sondern auch die Tatsache, dass er sie in einer Talk-Show des staatlichen Fernsehens selbst formulieren konnte.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
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1. Prominenter Vertreter des Kreml
heinerkarin 03.03.2015
Warum sollte bei der Trauerfeier ein prominenter Vertreter des Kreml anwesend sein?
2. Politiker
Blaumilchvor, 03.03.2015
Wer immer auch dahinter stecken mag...all diese politischen Aggitatoren...hätten die meißten nicht den Beruf des Politikers gewählt hätten sie sich fast ausnahmslos im kriminellen Milieu wieder gefunden... Die mächtigsten Männer und Frauen verhalten sich wie trotzige Kinder und sind nicht in der Lage die anstehenden Konflikte zu lösen, sei es aus Großmannsucht, aus Gründen des Machterhalts, aus Unfähigkeit oder einfach nur weil sie persönlich nicht geeignet sind. So steuern wir unweigerlich auf die Katastrophe zu...als ob die Zeit wieder reif dafür wäre...So viel hirn kann der Herr gar nicht vom Himmel werfen das die das noch in den Griff kriegen...
3.
werimmer 03.03.2015
"Es ist paradox: Als lebenden Oppositionellen hat der Westen Nemzow nicht mehr gebraucht, aber als Toter ist er umso interessanter." Die Argumentation ist durchaus stringent. Ich selber halte mich für einen gut informierten Zeitgenossen, Namen wie Gaidar und Chubais kann ich einordnen. Nemtsov hatte ich aber bis zu seinem Tod nicht registriert.
4. Proxy
Walther Kempinski 03.03.2015
Putin --> FSB --> Kadyrow --> tschetschenische Mafia oder ehemalige Militärs. So wie gehabt...
5.
obertroll 03.03.2015
So ganz unrecht hat der TV-Moderator Dmitrij Kisseljow ja dann doch nicht. Wenn man mal die Suche bei SPON bemüht gibts etwa einmal im Jahr einen Beitrag wo Nemzow erwähnt wird. Aber wird sind alle jetzt Nemzow, oder so.
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Nemzow-Mord: Trauerzug durch Moskau

Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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