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Abschied in Moskau: Tausende erweisen Boris Nemzow die letzte Ehre

DPA

Trauer in Moskau: Tausende Anhänger und Freunde warteten stundenlang, um sich von dem getöteten Oppositionellen Boris Nemzow zu verabschieden.

Moskau - Sie halten sich in den Armen, weinen: Freunde und Weggefährten haben Abschied von dem erschossenen Oppositionspolitiker Boris Nemzow genommen. Sie kamen mit roten und weißen Rosen zum offenen Sarg des 55-jährigen Kreml-Kritikers, der in den Räumen des Sacharow-Zentrums aufgebahrt ist. Bereits kurz nach der Öffnung des Menschenrechtszentrums war der Sarg von einem Blumenmeer umgeben.

Tausende Menschen warteten stundenlang bei leichtem Schneefall, um sich von Nemzow zu verabschieden. Die Menschenschlange zog sich die Straße entlang. Die Polizei ist mit einem massiven Aufgebot vor Ort, das Gelände rund um das Sacharow-Zentrum ist weiträumig abgesperrt. Am Nachmittag gegen 13.30 Uhr soll Nemzow auf dem Moskauer Prominentenfriedhof Trojekurowo beigesetzt werden.

Unter den Trauernden waren neben Nemzows Mutter Dina Eidman zahlreiche russische Oppositionelle sowie Botschafter mehrerer EU-Länder. Auch der deutsche Gesandte in Moskau, Rüdiger Freiherr von Fritsch, nahm an der Zeremonie teil. Der US-Botschafter in Russland, John Tefft, wird mit den Worten zitiert: "Er stand für das Beste in Russland, repräsentierte die russischen Menschen und ihre Ideale."

"Ob er Gouverneur war oder Vizeregierungschef oder Oppositioneller, das hat nichts geändert. Auf jedem Posten blieb er Mensch - hell und aufrichtig", sagte Naina Jelzina, die Witwe des russischen Ex-Präsidenten Boris Jelzin, über Nemzow. Dieser war 1997/1998 unter Jelzin stellvertretender Ministerpräsident.

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Abschied von Boris Nemzow: Trauer, Wut, Entsetzen
Auch der litauische Außenminister Linas Linkevicius, der britische Ex-Premierminister John Major sowie die FDP-Politiker Wolfgang Gerhardt und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger besuchten die Trauerfeier. Zudem war der Russland-Beauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler (SPD), anwesend, "um ein Zeichen zu setzen, dass wir glauben, dass es ein anderes Russland gibt", wie er zuvor im "Morgenmagazin" des ZDF sagte. Der Mordfall veranschauliche die schwierige Lage in Russland, sagte Erler. Nemzows Ermordung habe dazu geführt, "dass jetzt auch mal der Blick darauf gelenkt wird, wie hasserfüllt und gespannt die Atmosphäre in Russland ist".

Scharfe Kritik übte Erler daran, dass Moskau dem polnischen Senatspräsidenten Bogdan Borusewicz die Einreise zu der Trauerfeier verwehrt habe. Dieses Verhalten sei "eine Kleinlichkeit, die man kaum nachvollziehen kann", sagte Erler. Mit dem Einreiseverbot reagierte Moskau auf die von der Europäischen Union im Zuge des Ukraine-Konflikts verhängten Einreisesanktionen gegen die Präsidentin des russischen Föderationsrates, Walentina Matwijenko.

Die Führung des Landes bleibt der Trauerfeier dagegen fern. Weder Wladimir Putin noch Mitglieder der Regierung werden an den Trauerfeierlichkeiten teilnehmen - was die tiefen Gräben im Land verdeutlicht. Der Präsident schickt als Vertreter einen auch in Russland weitgehend unbekannten Abgeordneten namens Garri Minch.

Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte indes eine umfassende Aufklärung. "Wir erwarten, dass alles darangesetzt wird, dass dieser Mord aufgeklärt wird", sagte Merkel in Berlin. Sie sprach von einem schwerwiegenden Vorgang und betonte: "Wir werden uns dafür einsetzen, dass auch die, die anders denken in Russland, eine Chance haben, ihre Gedanken zu artikulieren - wenngleich ich weiß, dass das alles andere als einfach ist."

Nemzow, ein bedeutender Gegner Putins, war am späten Freitagabend mit vier Schüssen in den Rücken auf einer Brücke in der Nähe des Kreml getötet worden. Er starb am Tatort. Der Attentäter entkam unerkannt. Eine Fahndung blieb bisher erfolglos. Nemzows Begleiterin, die Ukrainerin Anna Durizkaja, blieb unverletzt. Sie konnte am Montagabend Moskau verlassen.

heb/mxw/dpa/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 90 Beiträge
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1. mein tiefes beileid
Schönwetterfrosch 03.03.2015
dass er als ex Vizepräsident und gouvernor kein Staatsbegräbnis bekommt wundert mich. und die zynistische doppelzüngigkeit pütins, der angeblich Beileid wünscht, gleichzeitig der opposition diesen Mord unterschieben lässt und diesem Begräbnis fern bleibt, sagt uns doch alles.
2. Putins Angst vor einem russischen Maidan
syracusa 03.03.2015
Nun wird auch der breiten Bevölkerung im Westen deutlich vor Augen geführt, wie tief gespalten das russische Volk ist. Es rächt sich nun die seit 25 Jahren überfällige, von Putin aber unterdrückte Aufarbeitung der Verbrechen der Sowjetunion und ins besondere ihrer imperialistischen Züge. Russland braucht einen zivilisatorischen Durchbruch, wie ihn im Westen die 68er Revolution geschafft hat. Putins Angst vor einem russischen Maidan trägt paranoide Züge. Die Vermutung, dass seine Paranoia ihn zum Mord an Nemzow veranlasst hat, ist nicht ganz abwegig.
3. Volle
matrjoschka 03.03.2015
Zitat von syracusaNun wird auch der breiten Bevölkerung im Westen deutlich vor Augen geführt, wie tief gespalten das russische Volk ist. Es rächt sich nun die seit 25 Jahren überfällige, von Putin aber unterdrückte Aufarbeitung der Verbrechen der Sowjetunion und ins besondere ihrer imperialistischen Züge. Russland braucht einen zivilisatorischen Durchbruch, wie ihn im Westen die 68er Revolution geschafft hat. Putins Angst vor einem russischen Maidan trägt paranoide Züge. Die Vermutung, dass seine Paranoia ihn zum Mord an Nemzow veranlasst hat, ist nicht ganz abwegig.
... Zustimmung! Es fehlt an der Aufarbeitung - die Unterschiedsverhältnisse zwischen Recht und Unrecht müssen - neu - justiert werden! Dazu ist es unabdingbar, das Unrecht der Vergangenheit zu benennen! Dann wird auch nach und nach offenbar, dass das Recht nicht nur auf der Seite des Stärkeren, Reicheren, Korrupteren steht!
4. Bericht über den Ukraine Krieg
axth 03.03.2015
Ich bin mal gespannt, was denn so in Nemzows Bericht drinstand, der jetzt wahrscheinlich niemals ans Licht der Wahrheit kommt. Das Interview an seinem letzten Abend ließ ja tief blicken: »Ex-Präsident Janukowitsch sei in der Nacht zum 23. Februar aus dem Land geflohen, auf der Medaille für die »Befreiung der Krim« sei aber vom 20. Februar als dem Beginn der Operation die Rede.« Mir wird immer schleierhafter, wieso Nemzows eigene Leute ihren Chef umbringen sollen, wenn der gerade ein Riesen-Fass aufmacht. Wer jetzt in Russland eins und eins zusammenzählt, für den werden die Widersprüche der Putin-Propaganda unübersehbar.
5. Bei der bekannten
ornitologe 03.03.2015
Zitat von syracusaNun wird auch der breiten Bevölkerung im Westen deutlich vor Augen geführt, wie tief gespalten das russische Volk ist. Es rächt sich nun die seit 25 Jahren überfällige, von Putin aber unterdrückte Aufarbeitung der Verbrechen der Sowjetunion und ins besondere ihrer imperialistischen Züge. Russland braucht einen zivilisatorischen Durchbruch, wie ihn im Westen die 68er Revolution geschafft hat. Putins Angst vor einem russischen Maidan trägt paranoide Züge. Die Vermutung, dass seine Paranoia ihn zum Mord an Nemzow veranlasst hat, ist nicht ganz abwegig.
Zustimmungsrate im russischen Volk muss Putin vor allem Möglichen Angst haben, aber nicht vor einem russischen Maidan. Auch wenn es Einigen nicht schmeckt.
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Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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