Mord an Kreml-Kritiker Nemzow Gegen die Angst

Tausende erinnern in Moskau an den Mord an Boris Nemzow vor zwei Jahren. Sie lassen sich nicht einschüchtern und kritisieren Putins Politik - auch wenn sie wissen, dass die Opposition kaum eine Chance hat.

Teilnehmer beim Gedenkmarsch für Boris Nemzow
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Teilnehmer beim Gedenkmarsch für Boris Nemzow

Von , Moskau


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


"Russland ohne Putin" rufen sie. Und: "Wir werden nicht vergessen, nicht vergeben." Gemeint ist der Mord an Boris Nemzow.

Er wurde am 27. Februar 2015 auf der Großen Moskwa-Brücke in Moskau erschossen. Mehr als 15.000 Menschen erinnern Zählungen zufolge am Sonntag im Zentrum der russischen Hauptstadt an diesen Tag. Er hat sich im Gedächtnis all jener festgesetzt, die noch glaubten, die Opposition in Russland, auch wenn sie bereits durch Rufmordkampagnen und andere Repressionen aufgerieben war, habe noch eine Chance.

Nemzow war für sie einer, der noch Hoffnung gab. "Klug", "sehr talentiert", "furchtlos", so beschreiben den Putin-Gegner viele Teilnehmer des Marsches. Nemzow war ein umtriebiger Politiker, führte die Straßenproteste nach den gefälschten Duma-Wahlen mit an, mobilisierte viele junge Aktivisten und fand selbst mit politischen Gegnern Kompromisse.

Kaum einer hatte es für möglich gehalten, dass ein ehemaliger Vizepremier wie Nemzow, ermordet werden könnte. Seit dem 27. Februar 2015 scheint in Russland alles möglich.

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Boris Nemzow: Erschossen auf der Brücke

Mitja, 23 Jahre, trägt ein Schild mit der russischen Fahne, in das Löcher eingebohrt sind, sie stehen für die Schüsse auf Nemzow. Er sagt: "Es gibt Zuversicht, dass so viele gekommen sind, der Mord nicht vergessen wird."

Der Student glaubt wie viele an diesem Sonntag nicht daran, dass die fünf Tschetschenen, die sich derzeit vor einem Moskauer Militärgericht verantworten müssen, allein hinter dem Verbrechen stecken. Zu viele Fragen sind ungeklärt: Was war das Motiv der Männer, wirklich nur Gewinnsucht? Und was wusste Ramsan Kadyrow, Chef der Republik Tschetschenien, der die Einheiten dort de facto befehligt, auch die des mutmaßlichen Schützen, die Einheit "Sewer" (lesen Sie hier mehr)? Dass die eigentlichen Auftraggeber des Mordes bekannt werden, daran glauben Mitja und seine Freunde nicht.

"Dem Volk ist größtenteils alles egal"

Ilja Jaschin, einer der Organisatoren der Marsches, läuft vorne weg mit einem Megafon. "Wenn die Auftraggeber nicht festgenommen werden, dann werden wir weitere politische Morde in Russland erleben müssen."

Die Furcht geht rum. Der Nemzow-Freund und Putin-Kritiker Wladimir Kara-Mursa, der mit zu dem Marsch aufgerufen hat, wurde gerade zum zweiten Mal mutmaßlich vergiftet (lesen Sie hier mehr), er hat Russland wieder verlassen.

"Die Stimmung ist sehr traurig, dem Volk ist größtenteils alles egal", sagt Nikolaja, 37 Jahre, der eine russische Fahne schwingt. Es sei, als habe sich Russland an politische Morde gewöhnt.

Es ist ein friedlicher Gedenkzug durch das Zentrum Moskaus. Überschattet wird er nur von einem Angriff auf den ehemaligen Ex-Ministerpräsidenten Michail Kassjanow. Ein Unbekannter schüttet ihm eine grüne Flüssigkeit ins Gesicht. Viele der Teilnehmer gehen später mit ihren Nelken und Chrysanthemen noch zu der Großen Moskwa-Brücke, auf der Nemzow in Sichtweite des Kreml starb. Der Gedenkmarsch darf dort nicht hinziehen - ohnehin unternehmen die Behörden vieles, um das Erinnern dort zu unterbinden (Lesen Sie hier die Reportage).

Walentin Niktinschenko
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Walentin Niktinschenko

"Nemzow war der einzige Kandidat, der Putin ersetzen hätte können", glaubt Walentin Niktinschenko. Der 66-Jährige hat sich ein Schild mit dem Foto der Brücke umgehängt, jedem Ort, an dem Nemzow starb. Darauf steht: "Der Kreml fürchtet ihn mehr als uns 'Lebendigen'".

Warum er lebendig in Anführungszeichen gesetzt habe? "Wir sind zu passiv." Wenn sich etwas ändert, dann nur auf der Straße, sagt Niktinschenko. Er ist extra aus Sankt Petersburg angereist.

Präsidentschaftswahl ohne Kandidaten der Opposition?

Für ihn ist dieser Marsch Ausdruck des Protestes gegen Präsident Wladimir Putin. Dessen Namen hat Niktinschenko lieber nicht auf sein Schild schreiben wollen - "nicht erlaubt". Die Polizei beschlagnahmt Berichten zufolge solche Plakate auch an diesem Sonntag.

Niktinschenko und viele Demonstranten nutzen die Gelegenheit, ihren Unmut über Putins Politik kundzutun. Das Volk werde "drangsaliert", es werde geklaut, meinen die einen. Andere fordern die Freilassung politischer Gefangene oder prangern den Krieg in der Ukraine und die Krim-Annexion an, kritisieren die Korruption, den überbordenden Patriotismus, die schlechte wirtschaftliche Lage und die steigenden Lebenskosten in Russland.

Putin wird, wenn es seine Gesundheit zulässt, im März 2018 bei der Präsidentschaftswahl wieder antreten. Es soll Medienberichten zufolge sein letzter Wahlkampf sein. Kaum einer glaubt, dass der Oppositionelle Alexej Nawalny, der sich mit seiner Frau in den Protestzug eingereiht hat, bei der Abstimmung zugelassen wird. Vor Kurzem wurde er zum zweiten Mal in einem fragwürdigen Prozess zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Erleichtert reagieren aber viele auf die Nachricht, dass der Aktivist Ildar Dadin, der Einzige, der in Russland wegen friedlicher Demonstrationen und Einzelprotesten zu Lagerhaft verurteilt wurde, nun endlich am Sonntag freigelassen wurde.

Jelena Rostowa (l.)
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Jelena Rostowa (l.)

"Unser Vorteil gegenüber dem Regime ist die Ehrlichkeit", hat Jelena Rostowa auf ihr Schild geschrieben. Mit dem Mord an Nemzow sollte das Volk eingeschüchtert werden, sagt sie.

Habe sie denn keine Furcht? "Nein, er hatte keine Angst", sagt sie und zeigt auf Nemzows Foto. Die Zahl der Demonstranten würde leider weniger werden. Am ersten Todestag seien noch 24.000 Menschen durch Moskau gezogen. Sie komme dennoch immer wieder, sagt die 65-Jährige. "Wenn meine Enkelin groß ist und fragt, was ich damals getan habe, dann kann ich zumindest sagen, dass ich die Kundgebungen besucht habe."


Zusammengefasst: Tausende erinnern mit einem Marsch an den Mord des Putin-Gegner Boris Nemzow im Jahr 2015. Die Teilnehmer nutzen den Protestzug, um ihren Unmut über den Präsidenten Wladimir Putin und dessen Politik kundzutun. Ein Jahr vor der Präsidentenwahl hat die Opposition aber wenig Hoffnung, an der Abstimmung teilnehmen zu können.

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