Bosnien-Herzegowina Kroatiens Präsident warnt vor neuem Balkan-Konflikt

Alarmsignal vom Balkan: Nach Einschätzung des kroatischen Präsidenten Stipe Mesic steht der fragile Drei-Völker-Staat Bosnien-Herzegowina vor dem Zusammenbruch. Wenn der Serbenrepublik die Abspaltung gelinge, sagte Mesic SPIEGEL ONLINE, drohe Europa ein neuer Krieg.

Von Olaf Ihlau


Berlin - Der Mahnruf des kroatischen Präsidenten klingt alarmierend: Ein Auseinanderbrechen der Republik Bosnien-Herzegowina - forciert vom dortigen Serbenführer Milorad Dodik - könne in einer Katastrophe enden, sagt Stipe Mesic gegenüber SPIEGEL ONLINE in Zagreb. Er warnt die Europäer vor der Gefahr eines neuen, blutigen Konflikts auf dem Balkan. Schlimmstenfalls werde ein fundamentalistischer Rumpfstaat der Muslime um Sarajevo übrigbleiben, "Europas Palästina und ein Hort für Terroristen".

Kroatischer Staatschef Mesic: "Die Serbische Republik ist ein Pulverfass"
AP

Kroatischer Staatschef Mesic: "Die Serbische Republik ist ein Pulverfass"

Mesic, Staatschef Kroatiens in der zweiten Amtsperiode, war bis 1991 letzter Präsident des alten Jugoslawiens vor dessen Auflösung. Der aus Slawonien stammende, 73 Jahre alte Jurist gilt als der erfahrenste Akteur unter den Politikern der sieben Nachfolgestaaten. Seine Sorge, dass es nach den verheerenden Bürgerkriegen der neunziger Jahre erneut zu ethnischen Konfrontationen und Vertreibungen sowie der gewaltsamen Verschiebung von Grenzen auf dem Balkan kommen könnte, gilt vor allem dem innerlich zerrissenen Dreivölkerstaat Bosnien-Herzegowina.

Die Republik besteht seit Kriegsende unter einer schwachen Zentralregierung aus zwei Landesteilen: der muslimisch-kroatischen Föderation und der serbischen Teilrepublik. Über diesem Gebilde thront, gleichsam als Oberaufpasser der internationalen Gemeinschaft, der "Hohe Repräsentant", derzeit der Slowake Miroslav Lajcak.

"Ein neuer Milosevic"

Starker Mann im Lande ist der bullige Serbenführer Milorad Dodik, 49, ein umtriebiger Geschäftsmann und ehemaliger Basketballspieler. Bei den Kommunalwahlen am vergangenen Sonntag, bei denen jeweils die Nationalisten siegten, waren in der Republika Srpska die sogenannten Unabhängigen Sozialdemokraten Dodiks erfolgreich. Das dürfte die Stellung des selbstherrlichen Premiers der serbischen "Entität" weiter stärken. Mehrmals hat Dodik - zumal nach der Unabhängigkeit Kosovos von Serbien - mit einer Volksabstimmung gedroht, um die Abspaltung seines Landesteils von Bosnien-Herzegowina als eigenständigen Staat durchzusetzen.

Dodik sei "ein neuer Milosevic", sagt Kroatiens Präsident Mesic anklagend. "Sein Werk, die auf ethnischen Säuberungen und Völkermord gegründete Serbische Republik, lebt noch immer". Bosniens Serbenführer betreibe die gleiche Politik wie der einstige Belgrader Machthaber, der sich vor dem Den Haager Kriegsverbrechertribunal zu verantworten hatte und während seines Prozesses an Herzinfarkt starb.

Das ständige Infragestellen der Existenz von Bosnien-Herzegowina durch Dodiks Drohungen mit einem Abspaltungsplebiszit dürfe von der internationalen Gemeinschaft nicht länger hingenommen werden. Deshalb fordert Mesic die sofortige Amtsenthebung des Serbenpremiers durch den Hohen Repräsentanten Lajcak, wozu der alle Vollmachten besitze: "Wenn Dodik sagt, er erkenne Bosnien-Herzegowina nicht an, dann muss er morgen weg vom Tapet sein. Aber dafür müsste Lajcak Kraft haben und die Unterstützung aus Brüssel, Washington und von der Nato bekommen".

Sarajevo als Zentrum des Terrorismus?

Dodik sei fest davon überzeugt, so Mesic, "dass Europa ermüdet ist und er seine Macht festigen kann". Das dürfe indes nicht geschehen, denn die Folgen wären verhängnisvoll, "dieser Mann hält Sprengstoff in seinen Händen". Käme es zu einer Abspaltung der Serbischen Teilrepublik, würden unweigerlich die bosnischen Kroaten ebenfalls ausscheren und sich dem Nachbarland Kroatien anschließen. Viele bosnische Kroaten besäßen bereits den kroatischen Zweitpass, "und das ist sehr gefährlich".

Solch ein Szenario ist für Kroatiens Staatschef eine Horrorvision. Nach dem Auseinanderbrechen von Bosnien-Herzegowina "hätten wir als Rest dort einen islamischen Staat, ein neues Palästina. Und dieser Staat wäre umzingelt von Feinden". Um überhaupt existieren zu können, wäre dieses Gebilde auf die Unterstützung durch fundamentalistische Regime angewiesen und auf die Zusammenarbeit mit radikalen Islamisten. "In Sarajevo würde dann ein Zentrum des Terrorismus entstehen".

Europa nehme Dodik auf die leichte Schulter, fürchtet Mesic, "die Serbische Republik ist ein Pulverfass, das jederzeit in die Luft fliegen kann".



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