Boston-Attentäter Zarnajew: Die Heimat der Wölfe

Von , Moskau

Boston-Attentäter: "Einsame Wölfe" aus dem Kaukasus Fotos
REUTERS/ The Sun of Lowell, MA/ FBI

Die mutmaßlichen Attentäter von Boston wuchsen im Kaukasus und in Zentralasien auf. Tamerlan und Dschochar Zarnajew stammen aus einer chaotischen Krisenregion, in der Gewalt und Instabilität seit Jahrzehnten um sich greifen. Für die Ermittler sind die Brüder "einsame Wölfe".

Der Anschlag von Boston hat nicht nur in den USA für Entsetzen und Verwirrung gesorgt. Das Attentat macht offenbar auch die Untergrundkämpfer ratlos, die in Russlands Nordkaukasus einen islamischen Gottesstaat herbeibomben wollen. Auf der Webseite kavkazcenter.com der islamistischen Terroristen heißt es fast entschuldigend, die "kaukasischen Mudschahidin kämpfen nicht gegen die Vereinigten Staaten von Amerika". Eine Kriegserklärung an Washington sieht anders aus.

Die Kämpfer im Kaukasus lieben die USA nicht, ihr Feind aber heißt Russland. Für gezielte Schläge gegen Washington, das zuletzt nicht gerade als Verbündeter Moskaus auffiel, fehlen ihnen das Motiv und für den Aufbau einer Terrorzelle in Übersee derzeit wohl auch die Mittel. Russische Terrorexperten rechnen eher damit, dass Terroristenführer Doku Umarow seine verbliebenen Kräfte für die Winterolympiade 2014 in Sotschi mobilisiert, ein Prestigeprojekt des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Nach Sotschi sind es nur 460 Kilometer, bis nach Boston dagegen 8600 Kilometer.

Das FBI hat mit der Befragung von Dschochar Zarnajew begonnen. Schriftlich, weil ein Schuss Zunge und Hals verletzt hat, möglicherweise bei einem Selbstmordversuch. Sie wollen wissen, warum Dschochar offenbar gemeinsam mit seinem 26 Jahre alten Bruder Tamerlan in Boston Bomben neben Menschen zündeten, unter denen sie mehr als ein Jahrzehnt friedlich gelebt hatten.

Es gibt Hinweise, die nach Tschetschenien und in die unruhige Nachbarrepublik Dagestan weisen. Dort gingen die verdächtigen Brüder von September 2001 an ein halbes Jahr in die Schule, bevor sie nach Amerika auswanderten. Dort leben heute Verwandte, die Mutter etwa, die über Mittelsmänner Interviews gibt. Der Islam habe ihren älteren Sohn, Tamerlan, sehr verändert, sagt sie westlichen Zeitungen. Tamerlan soll im vergangenen Jahr auch sechs Monate nach Dagestan gereist sein. Bekannte erinnern sich an einen freundlichen jungen Mann mit Bart und coolen Schuhen aus Amerika. Konkrete Hinweise auf ein Terrortraining aber fehlen. Die Spur in den Kaukasus zerfasert.

Die Ermittler neigen mehr und mehr der Einschätzung zu, dass die Brüder Einzeltäter waren, "einsame Wölfe", und nicht direkt verstrickt in ein Terrornetz aus dem Kaukasus. Die bisher bekannten Bruchstücke der Biografien der beiden Attentäter lassen zugleich erahnen, dass Boston von einem Echo jener Gewalt und Instabilität getroffen wurde, die seit Jahrzehnten zwischen Kaspischem Meer und Tian-Shan-Gebirge um sich greifen.

Stalin hatte die Zarnajew-Familie 1944 wie Hunderttausende Tschetschenen nach Zentralasien deportieren lassen. Die Brüder, 1986 und 1993 geboren, wuchsen in Tokmak in Nordkirgisien auf, am Rand der zerfallenden Sowjetunion.

1990 starben bei Auseinandersetzungen von Usbeken und Kirgisen im Landessüden 40 Menschen, im Juni 2010 mehr als 400. Auch Tokmak im Norden war betroffen: Als die Opposition 2010 in der Hauptstadt Bischkek Präsident Kurmanbek Bakijew gestürzt hatte, plünderte der Mob in Tokmak Waffenlager und zündete Geschäfte, die ausschließlich der usbekischen und uigurischen Minderheit gehörten.

Die Wahl des Vornamens Dschochar für den 1993 geborenen jüngeren Bruder spricht dafür, dass Vater Ansor Zarnajew gewisse Sympathien für Unabhängigkeitsbestrebungen Tschetscheniens hegte. Die abtrünnige Teilrepublik führte damals Präsident Dschochar Dudajew. 1999 zog die Zarnajew-Familie nach Tschetschenien, floh aber vor dem kurz darauf beginnenden zweiten Tschetschenienkrieg nach Dagestan.

Die Radikalen haben in Dagestan großen Zulauf

Der Krieg wurde von Seiten Moskaus ebenso wie von den Tschetschenen brutal geführt, Berichte von Gräueltaten machten in der hundert Kilometer von der Grenze entfernten dagestanischen Hauptstadt Machatschkala die Runde.

2002 wanderte die Familie in die USA aus. Wäre Dschochar in Tschetschenien groß geworden, er könnte heute wie die meisten tschetschenischen Teenager von Klassenkameraden berichten, die "in den Wald" zu den Terroristen gingen oder sich als Selbstmordattentäter in die Luft sprengten.

Tamerlan, der ältere Bruder, mochte einen tschetschenischen Sänger, der in seinen Liedern den Heiligen Krieg gegen Russland preist. Russlands Geheimdienst FSB kontaktierte das FBI 2011 wegen Tamerlan, gab aber auch keine Daten über mögliche Terrorverbindungen preis. Im vergangenen Jahr reiste Tamerlan, der nicht trank und nicht rauchte und sich einen Bart wachsen ließ, nach Dagestan.

Ob er dort in Trainingscamps der Terroristen ausgebildet wurde, ist fraglich. Dass er dort aber keinerlei Kontakt zu radikalen Islamisten hatte, wie manche Verwandten betonen, ist unwahrscheinlich. In den vergangenen Jahren hat sich Dagestan immer stärker zum eigentlichen Krisenherd im Nordkaukasus entwickelt, im Schnitt explodieren in der Teilrepublik jeden Monat zwei bis drei Bomben.

Die Radikalen haben in Dagestan großen Zulauf. Die Jugendarbeitslosigkeit ist höher als irgendwo sonst in Russland, der Stolz groß bei den jungen Männern, die der Volksmund wegen ihrer Aggressivität "junge Stiere" nennt, und das Vorgehen der russischen Sicherheitskräfte oft rücksichtslos. Die junge Autorin Alissa Ganijewa beschreibt das in einem Werk so: "Osman sagt, in einer Wohnung war ein Einsatz, keiner wurde evakuiert, die tragen einfach so die Leichen raus. Einer war noch am Leben, den haben sie gleich mit der MP erledigt, die Sondereinheit hat den anderen den Rest gegeben."

Ganijews Kurzgeschichte "Salam, Dalgat" ist preisgekrönt. Sie beschreibt das Schicksal haltloser junger Männer. Sie lassen sich treiben, manche pressen Passanten das Handy ab, flirten mal mit einem schönen Mädchen und dann wieder mit dem radikalen Islam. Russische Kritiker loben die Kurzgeschichte als "realistisch bis zur Unanständigkeit".

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1. optional
porkypork 23.04.2013
Wie viel Not und Elend gibt es in Afrika und wie viele Afrikaner haben bislang Bombenanschläge in den USA und Europa verübt?
2. Naja...
spon-facebook-10000024664 23.04.2013
Zitat von porkyporkWie viel Not und Elend gibt es in Afrika und wie viele Afrikaner haben bislang Bombenanschläge in den USA und Europa verübt?
Wie vielen Amerikanern und Europäern geht es gut und wie viele (Anti-)Terrroranschläge wurden auf die östliche Zivilbevölkerung gemacht?
3. ...
janne2109 23.04.2013
Für die Ermittler sind die Brüder "einsame Wölfe". Ich hoffe dieser Satz ist nicht als Entschuldigung gedacht!!!! Das ist auch kein junger wütender Stier der da sprachlos im Bett liegt, das ist ein abgebrühter Mörder, der nach dem Mord genau mit Teilen der Bevölkerung, denen er großen Schaden zugefügt hat, Party feiert.
4. Tja...
TiloS 23.04.2013
da haben die zwei der Tschetschenischen Unabhängigkeitsbewegung einen Bärendienst erwiesen. Russland hat jetzt in seinem Antiterrorkampf Amerika auf seiner Seite.
5. Was soll die blöde Überschrift?
Jay's 23.04.2013
Es gibt viele Menschen, die aus Krisengebieten kommen. Sind die alle Terroristen geworden? Es tut mir leid, das so sagen zu müssen, aber viele dieser Terroristen inklusive Al-Quaida sind einfach verwöhnte Blagen, denen die Religion das letzte bisschen Gehirn ausgepustet hat. Jeder von uns hat manchmal das Verlangen (nur in Gedanken natürlich), irgendwas oder jemanden in die Luft zu sprengen, was uns zur Raserei bringt. Aber natürlich tun wir das nicht und entladen uns auf andere normalerweise konstruktive Weise. Ausserdem was haben die Boston Marathoner mit Tschetschenien zu tun. Aber die Wut am Putin Regime auszulassen, its ja garnicht so einfach. Die sind vielleicht besser abgesichert.
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