Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Obamas Krisenstrategie: Ruhe statt Racheschwur

Von , New York

US-Präsident Obama und Berater-Team im Situation Room: Ruhe, Umsicht und Mäßigung Zur Großansicht
DPA/ The White House/ CNP

US-Präsident Obama und Berater-Team im Situation Room: Ruhe, Umsicht und Mäßigung

Während Boston in Terrorangst zitterte, agierte US-Präsident Obama betont behutsam. Als alles vorbei war, trat er vor die Nation - und mahnte zu Besonnenheit. Anders die erzkonservativen Scharfmacher im Land: Sie schlugen sofort martialische Töne an wie nach 9/11.

Im Weißen Haus verbunkerte man sich erst mal. US-Regierungssprecher Jay Carney sagte seine Pressekonferenz ab. Nur Banalitäten drangen nach draußen. Der Präsident werde stets auf dem Laufenden gehalten. Der Kongress auch.

Zwischendurch wurde ein einzelnes, offizielles Foto veröffentlicht. Krisensitzung im Situation Room: Barack Obama, Vizepräsident Joe Biden, das Sicherheitsteam. Wasserflaschen auf dem Tisch, vor Obama eine Kaffeetasse. Soll heißen: Wir haben hier alles im Griff.

Boston zitterte, doch Washington schwieg. Während der gesamten, fast 24-stündigen Terror-Nervenprobe gingen Obama und seine Leute auf Tauchstation. Kein Wort zu Boston. Kein Wort zu Tschetschenien, aus dem die mutmaßlichen Täter stammen. Man müsse erst sicher sein, hieß es, bevor man vorpresche.

Das war das politische Motto dieses ganzen Tages, an dem lange gar nichts sicher schien.

Erst spätabends, als auch Dschochar Zarnajew in Haft war, der zweite Gesuchte, und nachdem die Kommunalbehörden Gelegenheit hatten, sich vor den TV-Kameras zu feiern, trat Obama vor die Nation. Er war den Ereignissen gefolgt wie die meisten Amerikaner - am Fernseher.

Fotostrecke

12  Bilder
Bombenanschlag von Boston: Mutmaßlicher Attentäter auf Boot gefunden
Doch selbst jetzt, als "die Gerechtigkeit gesiegt hat", wie die Polizei in einem Tweet jubelte, als in Boston die Menschenmassen auf den Straßen feierten und "USA! USA!" skandierten, scheute Obama große politische Statements. Er lobte Boston, die Cops, das FBI. Und er schwor restlose Aufklärung: "Warum haben junge Männer, die hier aufwuchsen und hier studierten, zu solcher Gewalt gegriffen?"

Die Herkunft der mutmaßlichen Täter ließ er wohlweislich weg - in alter US-Tradition, den Tschetschenien-Konflikt zu ignorieren. Statt dessen appellierte er an die Vielfalt der USA: "Dem amerikanischen Geist entspricht, dass wir der Einheit und Diversität, die uns stark machen, treu bleiben." Man dürfe deshalb keine Gruppe vorverurteilen: "Wir heißen Menschen aus der ganzen Welt willkommen."

Beratung über Einwanderungsreform

Die US-Regierung hat aus Fehlern gelernt. Anders als nach dem 11. September 2001, als Washington erst hilflos wirkte und dann martialisch überreagierte, bestimmen diesmal Ruhe, Umsicht und Mäßigung das Bild. Nicht Racheschwüre.

Aber auch Obama konnte sich die obligatorisch-patriotischen Durchhalteparolen nicht verkneifen: "Als Amerikaner lassen wir uns nicht terrorisieren." Sonst aber verfolgte er eine PR-Politik der betonten Besonnenheit.

Was man von manchen anderen nicht sagen konnte. Sofort schlachteten einige Konservative die nur tröpfchenweise bekannt werdenden Erkenntnisse über die mutmaßlichen Täter Dschochar und Tamerlan Zarnajew für ihre eigenen politischen Zwecke aus - gegen Fremde, andere, unerwünschte Ausländer.

Anlass war ein Zufall des Terminkalenders. Der Justizausschuss des Senats beriet am Freitag über Obamas Einwanderungsreform. Prompt witterten einige Republikaner darin die Chance, die Reform nun zu ihren Gunsten zu verbiegen.

"Angesichts der Ereignisse dieser Woche ist es wichtig, dass wir auf Lücken und Schlupflöcher in unserem Einwanderungssystem achten", sagte Senator Charles Grassley, ein Kritiker der Reform. "Wie kann es sein, dass Einzelne auf US-amerikanischem Boden derartige Attentate planen, ohne dass die Behörden das mitbekommen? Wie können wir die Überprüfung derjenigen verschärfen, die in die USA kommen wollen?"

Aufruf zu mehr Waffen

Dass die beiden Verdächtigen als Kinder in die USA kamen, schon lange Staatsbürger waren und zuletzt offenbar auch gut ins Bostoner Studentenleben integriert waren, das spielte für Grassley offenbar keine Rolle. Er stand nicht alleine: "Zeit, die Einwanderungspolitik zu verschärfen, statt zu lockern", twitterte auch der erzkonservative Radiotalker Bryan Fisher.

Nur Senator Marco Rubio, der republikanische Jungstar mit Präsidentschaftsambitionen, der die Einwanderungsreform unterstützt, hielt dagegen: "Es ist zu früh, voreilige Schlüsse zu ziehen, geschweige denn, die Tragödie auszunutzen, um politisch zu punkten."

Andere schlugen Töne an wie nach 9/11. Man müsse Zarnajew als Kriegsgefangenen halten, forderte der republikanische Senator Lindsey Graham. Sprich: ab nach Guantanamo Bay.

Und dann gab es auch diesmal die ganz Harten. So machte sich der Republikaner Nate Bell, ein Landesabgeordneter aus Arkansas, über Bostons langen Belagerungszustand lustig - und verband das mit einem Aufruf zu mehr Waffen, namentlich dem halbautomatischen Lieblingsgewehr Amerikas: "Ich frage mich", twitterte Bell, "wie viele Bostoner Linke sich über Nacht in ihren Häusern verkrochen und gewünscht haben, sie hätten ein AR-15?"

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. der sympathische despot auf pr tour...
der autobahn 20.04.2013
und unsere pressehure steht spalier. man sollte für unsere degenerierten medien die in kriecherischer heuchelei herrn obama als den grossen friedenstifter/menschenfreund darstellt einen neuen preis entwickeln. in anbetracht der mittlerweile völligst am volk vorbeigehenden wahrheitsfernen einseitigen berichterstattung. könnte ich mir für den umgang des spiegel mit den eliten/regierenden den preis "aktuelle kamera in gold"einfallen...
2. Vorbeugen statt heilen !
paoloDeG 20.04.2013
Der USA President Barack Obama will Laizität , daher die Angst von FBI iins Fettnäpfchen zu treten ! Laizität ist nicht einfach zu verstehen und die Behörden landen ins Chaos ! Diese Attentaten hätte man vorbeugen können, wenn die FBI den Verdächtigen strenger beobachtet hätte ! Es gbt Terrorismus und auch seine Netzwerken organisierter internationaler Kriminalität um Terrorismus zu fienanzieren und um genau so viele Schäden zu verursachen! In Europa besonders in Frankreich existieren Netzwerke von Mafiosi, von Terroristen islamisten und von anderen Übermenschen, die Leute als Untermenschen mit barbarischen Methoden behandeln ! Alle diese kriminellen Netzwerken ausüben die Sklaverei, mit der Entführung vor allem von jungen Frauen, jungen Mädchen und kleinen Mädchen, GruppenVergewaltigungen, Peinigungen, barbarischen Taten, GehirnWäsche, gezwungene Verabreichung von Drogen, gezwungene Prostitution, Pädophilie, Pedopornographie, Pornographie, gezwungene Heirat, Menschenhandel, Handel von menschlichen Organen und Geweben, Erpressungen von Fonds und Gütern, Drogenhandel, u.s.w..! Es gibt zuviel Geld im Spiel, das Leute aus allen ethnischen Gemeinschafte treibt, diese kriminellen Netzwerken zu unterstützen! Die Korruption versteckt sich überall und garantiert oder unterstützt die Straflosigkeit und macht diese kriminellen Netzwerke unbesiegbar! Die doppelte Moral gibt diesen hypergewaltsamen kriminellen Netzwerken ein Gefühl von Straflosigkeit, und sie werden immer mehr einflußreicher und reicher ! Und sie bezahlen keine Steuern!
3. Fear Rather Than Foresight
spontifex 20.04.2013
Zitat von sysopREUTERSWährend Boston in Terrorangst zitterte, agierte US-Präsident Obama betont behutsam. Als alles vorbei war, trat er vor die Nation - und mahnte zu Besonnenheit. Anders die erzkonservativen Scharfmacher im Land: Sie schlugen sofort martialische Töne an wie nach 9/11. http://www.spiegel.de/politik/ausland/boston-wie-republikaner-die-situation-politisch-ausnutzen-a-895524.html
Die "erzkonservativen Scharfmacher im Land" (http://nation.time.com/2012/12/15/in-the-shadow-of-sandy-hook-a-powerful-pro-gun-organization-keeps-silent/#lf_comment=48289165), sind das die, die den NDAA wollten, oder die, die ihn nicht wollten? Obama jedenfalls hat den NDAA unterschrieben ("signed into law") und sich für ihn stark gemacht. Dann hat eine amerikanische Bundesrichterin ihn wieder kassiert.
4. Herr Pitzke
delponte 20.04.2013
bekommen Sie eigentlich noch irgendeinen halbwegs objektiven Artikel hin ohne "bias", oder ist das alles Teil Ihrer Stellenbeschreibung?
5. Verallgemeinerungen
Apologet 20.04.2013
Verallgemeinerungen tragen Gefahren in sich. Aber der Mangel an Konkretisierung ebenfalls. Der Mensch ist durchaus in der Lage, Kategorien zu bilden und zuzuordnen. Das ist eine seiner Stärken. Das waren keine einfachen vernachlässigten Jugendlichen. Die bauen keine Schnellkochtöpfe zu Bomben für Zivilisten um? Das kauft Euch keiner mehr ab.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fläche: 9.833.517 km²

Bevölkerung: 318,857 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | USA-Reiseseite



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: