Bradley Manning: "Der Freieste von uns allen"

Aus Fort Meade berichtet

Seinen 24. Geburtstag verbrachte er vor dem Untersuchungsrichter: Der mutmaßliche WikiLeaks-Flüsterer Bradley Manning geht einem Leben in Haft entgegen - während vor den Toren die Heldenverehrung beginnt.

US-Soldat Bradley Manning: WikiLeaks-Informant erstmals vor Militärgericht Fotos
AFP

Es ist kalt. Die Anführerin mit dem Megaphon hat schon blaue Lippen. "Free, free, Bradley Manning", gibt sie den Ton vor. Nur rund 200 Demonstranten geben ihr ein Echo, die meisten kommen von der Washingtoner Occupy-Bewegung. Die Polizei hat zwei Spuren der Straße gesperrt, die Protestierenden können gerade mal die rechte füllen. Sie hatten sich für diesen Samstag mehr erhofft, hier draußen vor dem Stacheldraht von Fort Meade. Gerade an diesem Tag.

Es ist der 24. Geburtstag von Bradley Manning. Jenes Mannes mit dem Bubengesicht, der ein paar hundert Meter hinter diesem eisernen Tor, das der Protestmarsch gerade erreicht hat, im Militärgerichtssaal sitzt. "Unterstützung des Feindes": Das ist der schwerwiegendste Vorwurf, den ihm die Ankläger machen. Der Obergefreite Manning soll hinter den WikiLeaks-Enthüllungen stecken, soll auf einem US-Außenposten in der irakischen Wüste an die US-Geheimdokumente gelangt sein und sie weitergegeben haben. Die Afghanistan-Protokolle, die Irak-Protokolle, die Botschaftsdepeschen - es ist das größte Datenleck in der US-Geschichte. Jetzt drohen ihm 52 Jahre Gefängnis.

Draußen tritt Dan Choi ans Mikrofon. Choi, das ist der Mann, den sie vor zwei Jahren aus der Armee geworfen haben, weil er sich zuvor als schwul geoutet hatte. Seither kämpft er gegen die zugrundeliegenden Gesetze, seit wenigen Wochen sind sie außer Kraft. Choi hat etwas dabei gegen die Kälte und die scheinbar aussichtslose Lage des Obergefreiten Manning: Pathos.

"Der Freieste von uns allen"

"Mister President", ruft er, "kommen Sie hier zu uns ans Tor!" Und dann das Reagan-Zitat, 1987 vor der Berliner Mauer: "Reißen Sie diese Mauer nieder! Öffnen Sie dieses Tor, Mister President!" Manning sei ein Kämpfer für die Wahrheit: "Er ist der Freieste von uns allen." Barack Obama selbst sei noch im Wahlkampf für Transparenz eingetreten. Und nun?

Es ist ein starker Auftritt, den Choi da hinlegt. Er versucht, Mannings Schicksal eine Erzählung zu verpassen. "Held", haben sie in Großbuchstaben auf die Protestplakate geschrieben. Darunter das skizzierte Gesicht Mannings. Ein kleiner Mensch wird zur Ikone.

Drinnen im Gerichtssaal ist es David Coombs, der ein Bild von Bradley Manning zu zeichnen versucht. Nur ist es ein ganz anderes. Coombs, der Verteidiger und Irak-Veteran, will seinen Mandanten als einen seelisch und emotional angeschlagenen Menschen verstanden wissen.

Als einen, der durch seine Homosexualität und seinen Wunsch, zur Frau, zur "Breanna", zu werden, in Konflikt geriet mit der Welt des Militärs. Vor allem als einen, den seine Vorgesetzten nie und nimmer ins SIPRNet hätten lassen dürfen, wo die geheimen Dokumente des Außen- und Verteidigungsministeriums abzurufen sind. Warum haben sie ihm nicht den Zugang gesperrt, als ihnen ein Psychologe sogar riet, Manning keine Nachtschichten zu übertragen und ihm die Waffe zu nehmen, weil er eine Gefährdung für sich und andere sein könnte?

Die Anhörung soll klären, ob die Beweise für die Eröffnung eines richtigen Militärprozesses ausreichen. Am Samstag treten die ersten Zeugen in dem wohl bis Weihnachten laufenden Verfahren auf. Es sind einige jener Beamten, die den Fall Manning untersuchten, seine Computer durchleuchteten, seine Kameraden im Irak befragten. Das Ziel der Anklage: Verbindungen zwischen Manning und WikiLeaks herstellen. Doch auch am Ende des Tages ist noch immer jenes Protokoll eines Internetchats das zentrale Beweisstück. Unter dem Nickname "Bradass87" hat sich darin mutmaßlich Manning dem bekannten Hacker Adrian Lamo anvertraut. Der aber war ein Informant des FBI.

Waren Mannings Probleme bekannt?

Anwalt Coombs dagegen fragt mit seinem Verteidiger-Team immer wieder nach Mannings seelischem Zustand. Gab es Anhaltpunkte dafür, dass er an einer Geschlechtsidentitätsstörung litt? Schließlich habe sich Manning per E-Mail einem Vorgesetzten in Bagdad anvertraut und sogar ein Bild von sich in Frauenkleidern beigefügt.

Doch stets heißt es von den Zeugen: Die sexuelle Orientierung Mannings habe nicht im Fokus der Untersuchung gestanden. "Wir wussten ohnehin von Anfang an, dass er homosexuell war", sagt etwa die per Telefon zugeschaltete Armee-Ermittlerin Toni Graham. In der Rückschau, meint Special Agent Troy Bettencourt, "hätte ich einiges anders gemacht, würde ich das Kommando haben". So hätte er Manning nicht in den Einsatz geschickt. Einer der früheren Vorgesetzen Mannings im Irak, Hauptmann Steven Lim, betont, man hätte Mannings Zugang zum geheimen Netzwerk aussetzen sollen wegen all seiner Probleme.

Waren es frühe Warnsignale? Oder waren die Hinweise, wie es die Anklage behauptet, irrelevant?

Coombs jedenfalls fährt eine Doppelstrategie: Zum einen will er die absehbare Strafe für Manning durch Verweis auf dessen Identitätsprobleme wohl zumindest mindern, einen Freispruch schließen Experten ohnehin aus. Und zum anderen versucht er, das Anhörungsverfahren selbst öffentlichkeitswirksam in Zweifel zu ziehen.

Technische Pannen im Gerichtssaal

Coombs hat am ersten Tag der Anhörung dem Untersuchungsrichter Paul Almanza wieder und wieder Befangenheit vorgeworfen, weil der im zivilen Leben Ankläger fürs Justizministerium ist. Das führt wiederum ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren gegen WikiLeaks-Gründer Julian Assange. Ein möglicher Interessenkonflikt. Doch Coombs blieb letztlich ohne Erfolg und Almanza auf seinem Posten.

Dessen Image aber ist angekratzt. Schon recken die Demonstranten draußen ein Plakat in die Höhe, auf dem Almanza als Marionette dargestellt ist, die an den Fäden einer übermächtigen Hand hängt. Zudem hat Almanza an diesem Samstag mit technischen Pannen im Gerichtssaal zu kämpfen, die die Anhörung nicht gerade professionell erscheinen lassen. Schon bei Toni Graham, der ersten Zeugin überhaupt, hakt es. Es dauert einige Zeit, bis eine telefonische Verbindung nach Hawaii besteht, wo sich Graham gerade befindet.

Dann aber stellt sich heraus, dass sie kein Festnetztelefon hat, sondern über Handy zugeschaltet ist. Es geht ein bisschen hin und her, zerhackte Sätze hallen durch den Saal. Der Empfang auf Hawaii ist offenbar schlecht, das gegenseitige Verstehen ebenso. Der genervte Almanza verordnet schließlich eine Pause, Graham fährt derweil ins Büro, um von dort zu telefonieren.

Es ist ein Auftakt, mit dem Anwalt Coombs zufrieden sein kann. Aber wird das dem schmalen, ewig mitschreibenden Private First Class Bradley Manning da vorne rechts auf dem Stuhl des Angeklagten am Ende wirklich nützen? Seine eigene Zeugenliste jedenfalls ist Coombs von Almanza fast komplett zusammengestrichen worden; entfallen ist auch der prominenteste Zeuge, den er vorladen wollte: der Präsident. So wird Barack Obama wohl nicht an jenem Tor auftauchen, an dem Dan Choi ihn empfangen wollte.

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1. Wie weit kann Transparenz gehen?
prandtner 18.12.2011
Zitat von sysopSeinen 24. Geburtstag verbrachte er vor dem Untersuchungsrichter: Der mutmaßliche WikiLeaks-Flüsterer Bradley Manning geht einem Leben in Haft entgegen - während vor den Toren die Heldenverehrung beginnt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804433,00.html
Bradley Manning wäre ein Held, wenn es lediglich um das unsägliche Hubschrauber-Video gehen würde, in dem US-Army-Piloten unbewaffnete Menschen jagen und sogar zwei Kinder in einem Auto schwer verletzen (dass sie nicht gestorben sind, war nur Glück im Unglück). Die Veröffentlichung von Tausenden Geheimdokumenten hingegen ist tatsächlich etwas, das sich kein Staat der Welt gefallen lassen kann. Politik kann nicht unter Bedingungen vollständiger Transparenz durchgeführt werden. Das gilt schon im Kleinen und das hat primär nichts mit Mauschelei zu tun. Bestimmte Gespräche muss man vertraulich führen können und der Inhalt muss dann auch vertraulich bleiben. Leider wird dadurch natürlich auch Mauschelei möglich und die agierenden Politiker und Sicherheitskreise nutzen das mitunter in unerträglicher Weise aus. Sicher muss man da eine neue Balance finden. Aber man kann nicht Leute straffrei lassen oder sogar als Helden verehren, die ohne Rücksicht auf Verluste Tausende vertraulicher Dokumente veröffentlichen. (Freilich sollten die USA in Zukunft auch nicht mehr den Oberlehrer in Bezug auf freie Meinungssäusserung in China spielen).
2. Weg damit?
maybee 18.12.2011
Zitat von sysopSeinen 24. Geburtstag verbrachte er vor dem Untersuchungsrichter: Der mutmaßliche WikiLeaks-Flüsterer Bradley Manning geht einem Leben in Haft entgegen - während vor den Toren die Heldenverehrung beginnt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804433,00.html
Der Umgang der USA mit Mannning, erinnert stark daran wie Diktatoren mit missliebigen angeblichen Staatsfeinden (Dissidenten) umgehen. Die Wahrheit zu sagen wird unterdrückt, verboten, bestraft.
3. .
kuddel37 18.12.2011
Zitat von sysopSeinen 24. Geburtstag verbrachte er vor dem Untersuchungsrichter: Der mutmaßliche WikiLeaks-Flüsterer Bradley Manning geht einem Leben in Haft entgegen - während vor den Toren die Heldenverehrung beginnt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804433,00.html
Erst wird er unter Folterbedingungen weggesperrt und nun macht dieser Schurkenstaat ihm den Schauprozess.
4. Es muss ja tatsächlich sehr unangenehm
uinen_osse 18.12.2011
Zitat von sysopSeinen 24. Geburtstag verbrachte er vor dem Untersuchungsrichter: Der mutmaßliche WikiLeaks-Flüsterer Bradley Manning geht einem Leben in Haft entgegen - während vor den Toren die Heldenverehrung beginnt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804433,00.html
für einen Friedensnobelpreisträger sein wenn Kriegsverbrechen veröffentlicht werden für die er direkt oder indirekt mit verantwortlich ist. Seine - die Friedensliebe - des Friedensnobelpreisträgers Obama - jedenfalls ist nicht das Papier wert auf dem der Preis bestätigt ist. Das Kommitee in Oslo hat den Friedensnobelpreis degradiert zu einer Farce. DAS ist das Schlimme. Die sexuelle Orientierung des Mister Bradley hingegen geht niemanden etwas an und ist als Grund nur vorgeschoben. Er hat ganz einfach geholfen Kriegsverbrechen öffentlich zu machen welche die USA und ihre Verbündeten zu gerne im Dunkeln gelassen hätten.
5.
stormking 18.12.2011
Zitat von prandtnerBradley Manning wäre ein Held, wenn es lediglich um das unsägliche Hubschrauber-Video gehen würde, in dem US-Army-Piloten unbewaffnete Menschen jagen und sogar zwei Kinder in einem Auto schwer verletzen (dass sie nicht gestorben sind, war nur Glück im Unglück). Die Veröffentlichung von Tausenden Geheimdokumenten hingegen ist tatsächlich etwas, das sich kein Staat der Welt gefallen lassen kann. Politik kann nicht unter Bedingungen vollständiger Transparenz durchgeführt werden. Das gilt schon im Kleinen und das hat primär nichts mit Mauschelei zu tun. Bestimmte Gespräche muss man vertraulich führen können und der Inhalt muss dann auch vertraulich bleiben. Leider wird dadurch natürlich auch Mauschelei möglich und die agierenden Politiker und Sicherheitskreise nutzen das mitunter in unerträglicher Weise aus. Sicher muss man da eine neue Balance finden. Aber man kann nicht Leute straffrei lassen oder sogar als Helden verehren, die ohne Rücksicht auf Verluste Tausende vertraulicher Dokumente veröffentlichen. (Freilich sollten die USA in Zukunft auch nicht mehr den Oberlehrer in Bezug auf freie Meinungssäusserung in China spielen).
Dazu ein ganz klares Nein! Es ist richtig, daß manche Informationen aus Sicherheitsgründen kurz- und mittelfristig geheim bleiben müssen. Aber eben nur kurz- und mittelfristig. Auf lange Sicht hat der Souverän - Sie erinnern sich doch, wer das nochmal war? - das gottverdammte Recht, alle Informationen einzusehen, über die seine Regierung zu einem beliebigen Zeitpunkt verfügt hat. Wie sonst soll er ihr Handeln bewerten und seine Wahlentscheidung treffen? Etwa aufgrund von Wahlversprechen?
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Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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