Ermittlungen in Brasilien Bolsonaro Junior und das "Büro des Todes"

Flávio Bolsonaro hat Ärger mit der Justiz wegen dubioser Finanztransaktionen. Nun soll der Sohn des Präsidenten auch noch Verbindungen zu einer Todesschwadron haben, die im Verdacht steht, eine Politikerin getötet zu haben.

Flávio Bolsonaro
REUTERS

Flávio Bolsonaro

Von , Rio de Janeiro


Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos verkündete Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro diese Woche, dass dem Land unter seiner Regierung eine strahlende Zukunft bevorstehe. In der Heimat holte ihn hingegen die Vergangenheit ein.

Am Dienstag wurde bekannt, dass sein ältester Sohn Flávio bis November vergangenen Jahres die Mutter und die Ehefrau eines berüchtigten Ex-Polizisten als Beraterinnen in seinem Abgeordnetenbüro in Rio de Janeiro beschäftigt hat. Der Name des Mannes: Adriano da Nobrega. Er gilt als Kopf einer Todesschwadron, die mit dem Mord an der linken Stadträtin Marielle Franco vor einem Jahr in Zusammenhang gebracht wird. Er ist flüchtig.

Begräbnis von Marielle Franco (Archiv)
AP

Begräbnis von Marielle Franco (Archiv)

Der Skandal könnte auch den Präsidenten in Bedrängnis bringen: Bolsonaro arbeitet eng mit Flávio und zwei weiteren seiner insgesamt vier Söhne zusammen. Sie sind ebenfalls in der Politik aktiv. Als Abgeordneter hat er mehrmals Verständnis für illegal agierende paramilitärische Gruppen in Rios Armenvierteln geäußert, die als Hauptverdächtige im Mordfall Franco gelten.

"Wo die Miliz bezahlt wird, gibt es keine Gewalt"

Die Politikerin Franco beriet Anwohner aus Armenvierteln im Westen der Stadt im Kampf gegen die Milizen. Diese paramilitärisch organisierten Banden werden vorwiegend von Ex-Polizisten gebildet. Sie finanzieren sich unter anderem durch Schutzgelderpressung, illegalen Immobilienhandel und verbotenes Glücksspiel. In einigen Favelas haben sie eine wahre Terrorherrschaft errichtet. Bei Teilen der Anwohner sind sie dennoch angesehen, weil sie die Drogengangs vertreiben.

Favela in Rio
AFP

Favela in Rio

Die von Milizen beherrschte Westzone von Rio ist zugleich die politische Heimat des Bolsonaro-Clans. "Wo die Miliz bezahlt wird, gibt es keine Gewalt", sagte Jair Bolsonaro im vergangenen Jahr.

Sein Sohn Flávio, der im Oktober zum Senator gewählt wurde, hatte als einziger Abgeordneter gegen die posthume Verleihung eines hohen Ordens an die im vergangenen April ermordete Stadrätin Franco gestimmt.

Adriano da Nobrega: Ex-Polizist, Scharfschütze - und Mörder?

In mehreren Reden als Abgeordneter lobte er die Milizen. Zwei Ex-Polizisten, die einer Miliz angehörten, agierten für Flávio als Wahlhelfer. Und nun der Fall Adriano da Nobrega:

  • Er gilt der Zeitung "O Globo" zufolge als äußerst gewalttätig und war früher Scharfschütze in einer Polizei-Spezialeinheit.
  • Im Jahr 2003 wurde er auf Anregung von Flávio Bolsonaro mit dem höchsten Orden des Bundesstaats Rio ausgezeichnet.
  • Später wurde er aus der Polizei entlassen, weil er sich dem organisierten Verbrechen angeschlossen hatte.

Die Staatsanwaltschaft will da Nobrega als Zeugen im Fall Franco vernehmen. Er soll der Todesschwadron Escritório da Morte ("Büro des Todes") angehören, die im Auftrag des Organisierten Verbrechens zahlreiche Menschen ermordet haben soll. Diese Gruppe wird von der Polizei verdächtigt, auch in den Mord an der Politikerin Franco verwickelt zu sein. Da Nobrega ist selbst wegen Mordes in einem anderen Fall angeklagt.

Sein Hauptquartier lag in der Favela Rio das Pedras im Westen von Rio. In dem riesigen Armenviertel leben über 130.000 Menschen. Da Nobrega soll hier eine Miliz geleitet haben, die eng mit der Todesschwadron zusammengearbeitet haben soll. Am Dienstag wurden im Rahmen einer großangelegten Polizeiaktion in Rio fünf Männer festgenommen, die dieser bewaffneten Gruppe angehören sollen. Da Nobrega wurde nicht angetroffen.

Und trotzdem arbeitete die Ehefrau von da Nobrega von September 2007 bis November 2018 als Beraterin im Abgeordnetenbüro von Flávio Bolsonaro. Und die Mutter des flüchtigen Ex-Polizisten war in dieser Funktion von 2016 bis 2018 tätig. Flávio Bolsonaro behauptet, dass er die Frauen auf Bitte seines damaligen Fahrers und Vertrauten Fabrício Queiroz eingestellt habe.

Ein Chauffeur, 48 Überweisungen - und viele Fragen

Queiroz gilt als Schlüsselfigur in einem weiteren Skandal um den Bolsonaro-Sohn, der in den vergangenen Tagen publik wurde. Er soll, angeblich im Auftrag Flávios, 48 Überweisungen abgewickelt haben. Der Gesamtwert: umgerechnet rund 22.500 Euro - ein Beitrag, der das Einkommen des Ex-Chauffeurs bei weitem übersteigt.

Eine Regierungsbehörde zur Aufklärung illegaler finanzieller Aktivitäten ermittelt nun gegen ihn und Bolsonaro Junior. Queiroz, der zwischenzeitlich untergetaucht war, soll sich in der Favela Rio das Pedras versteckt haben. Dort betreibt er angeblich einen Van zur Personenbeförderung. Die Kleinbusse gelten wiederum als eine der Haupteinnahmequellen der Milizen.

Flávio Bolsonaro bestreitet, dass er zu irgendeinem Zeitpunkt illegal gehandelt habe. Seine finanziellen Transaktionen erklärt er mit Immobiliengeschäften.

Vater und Sohn Bolsonaro
REUTERS

Vater und Sohn Bolsonaro

Der Präsident hat sich unterdessen von seinem Sohn distanziert. Wenn Flávio sich etwas zuschulden kommen lassen habe, müsse er "dafür bezahlen", sagte er am Mittwoch in Davos in einem Interview mit Bloomberg. Weitere Auskünfte mochte er nicht geben: Eine für Mittwoch angesetzte Pressekonferenz sagte er überraschend ab.



© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.