Präsidentschaftswahl in Brasilien Fünf Gründe für Bolsonaros Erfolg

Er ist ein Rechtsextremer, ein Rassist und verachtet große Teile der Bevölkerung. Trotzdem haben 55 Prozent der Brasilianer Jair Bolsonaro zu ihrem Präsident gewählt. Wie hat er sie überzeugt?

Siegerpose: Jair Bolsonaro am Wahltag
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Siegerpose: Jair Bolsonaro am Wahltag

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Für die einen ist das Ergebnis der Präsidentschaftswahl ein lange erwarteter Durchbruch: "Los geht's", "Brasilien ist aufgewacht", "Nun geht es wieder aufwärts mit unserem Land", "Die Demokratie hat gesiegt", freuten sich die Anhänger von Jair Bolsonaro. Sie waren an die Strände gekommen, fuhren in Autokorsos durch die Städte, veröffentlichten auf Facebook Videos von ihrem Hoffnungsträger: "Ele sim", "Er ja".

Für die anderen ist das Ergebnis der Anfang vom Ende der Demokratie in Brasilien, die Rückkehr der Militärdiktatur und des Faschismus, eine Bedrohung für Minderheiten. Hier waren es Worte der Aufmunterung, der Unterstützung, der Aufruf zum Widerstand, die auf Twitter, Facebook und Instagram dominierten: "Ele não", "Er nicht". Und noch eine Nachricht tauchte immer wieder in den sozialen Netzwerken auf: Wer für Bolsonaro gestimmt habe, solle doch bitte die Freundschaft beenden.

Das Wahlergebnis und die Reaktionen darauf machen deutlich, wie tief gespalten die brasilianische Gesellschaft ist. Die Erkenntnis ist nicht neu: Schon immer gab es riesige Unterschiede zwischen Arm und Reich, Schwarz und Weiß, Nord und Süd. Doch in den vergangenen Jahren haben sich auch diese Lager gespalten - einer der Gründe, warum der rechtsextreme Kandidat der PSL am Ende gewinnen konnte. Lesen Sie hier, welche anderen Faktoren zum Erfolg Bolsonaros beigetragen haben:

Hoffnung auf Ende der wirtschaftlichen und politischen Krise

Die Brasilianer leiden seit Jahren unter den Folgen der schweren wirtschaftlichen Krise ihres Landes: Millionen Menschen verloren in Folge der Rezession ihre Jobs, die Gesundheitsversorgung wird immer schlechter, es fehlt an Perspektiven.

Diese verspricht ihnen Bolsonaro: Das Volk solle wieder alle Chancen haben, er wolle Arbeit für alle schaffen. Der Jugend stellt er ein Ende der unsicheren wirtschaftlichen Zeiten in Aussicht. Außerdem wettert er immer wieder gegen das linke Umverteilungssystem seiner politischen Gegner - und greift damit ein Lieblingsthema der reicheren Brasilianer auf.

Krankenhaus in Rio de Janeiro
AP

Krankenhaus in Rio de Janeiro

Mit Paulo Guedes hat Bolsonaro zudem einen Banken- und Börsenveteran als künftigen Superminister für Wirtschaft, Finanzen, Industrie und Privatisierung aufgestellt - eine Personalie, die bei Unternehmern im Land gut ankam (lesen Sie hier mehr über den Superminister in spe). Für viele Unternehmer war er ein oder sogar der Grund, für Bolsonaro zu stimmen.

Sein Konkurrent Fernando Haddad hingegen kandidierte für die Partei, die viele im Land für die Krise (mit-)verantwortlich machen: Die linke Arbeiterpartei PT, die von 2003 bis 2016 mit Luiz Inácio Lula da Silva und Dilma Rousseff zwei Präsidenten stellte.

Kein Ende der Korruption

Offiziell setzen sich Politik und Justiz seit Jahrzehnten gegen Korruption und Vetternwirtschaft in Brasilien ein. In den vergangenen hat die Justiz auch den milliardenschweren Korruptionsskandal "Lava Jato" (Geldwäsche) aufgedeckt und unter anderem auch zahlreichen Politikern Korruption, Geldwäsche und krude Geschäfte nachgewiesen. Doch nachhaltig hat sich noch nichts geändert.

Die Korruption ist dabei auch dem politischen System immanent: Weil es keine Fünfprozenthürde gibt, sitzen regelmäßig Dutzende Parteien im Parlament. Der Präsident muss sich für jedes Gesetzesvorhaben neue Mehrheiten sichern - das begünstigt Korruption.

Auch hier hatte Bolsonaro einen entscheidenden Vorsprung gegenüber Haddad: Dessen linker Arbeiterpartei PT warfen viele Brasilianer vor, nichts gegen Korruption getan zu haben.

Lulas Fehler oder der Hass auf die Arbeiterpartei

Monatelang drehte sich der Wahlkampf in Brasilien vor allem auch um eine Frage: Wird Lula wirklich noch einmal antreten (dürfen)? Dabei ging es vor allem um die juristische Frage, denn Lula war zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Am Ende schickte der Ex-Präsident seinen Stellvertreter Haddad ins Rennen - personell eine gute Wahl.

Ex-Präsident Lula
REUTERS

Ex-Präsident Lula

Das Problem war vielmehr, dass Lula die Stimmung im Land falsch eingeschätzt hat. Er selbst mag bei vielen Brasilianern noch sehr beliebt sein, doch ebenso viele Brasilianer können ihn nicht ausstehen - noch größer ist der Hass auf seine PT. Nur mit viel Mühe gelang Rousseff 2014 die Wiederwahl, schon das hätte der Partei eine Lehre sein müssen.

Die PT konnte die Menschen nicht davon überzeugen, dass sie es dieses Mal besser machen würde. Bolsonaro hingegen inszenierte sich als Antipolitiker und Garant für einen Politikwechsel: "Mehr Brasilien, weniger Brasilia", wettert er gegen das Establishment in der Hauptstadt. Das kommt an.

Haddad hat unter diesen Umständen mit 29 Prozent im ersten und 45 Prozent im zweiten Wahlgang ein sehr gutes Ergebnis eingefahren. Um auch Kritiker von Lula und der PT auf seine Seite zu ziehen, hatte er sich vor der Stichwahl zudem vom Ex-Präsidenten distanziert, um als unabhängiges und neues Gesicht wählbar zu werden. Aber dennoch ist es Haddad in diesen Wochen nicht gelungen, die Unterstützung aller anderen Lager zu gewinnen und eine geeinte Front gegen Bolsonaro aufzubauen.

Brasilien hat ein Problem mit Rassismus und der Aufarbeitung der Militärdiktatur

Bolsonaro hat im Wahlkampf gegen Frauen, Schwule und Indigene gehetzt, er macht aus seinem Rassismus gegenüber der schwarzen Bevölkerung keinen Hehl und lästerte über Arme. Dennoch wurde er auch von diesen Bevölkerungsgruppen gewählt. Auch seine Verharmlosung der Militärdiktatur und die Ankündigung, Militärs in seine Regierung zu holen, schreckte die Mehrheit der Wähler offenbar nicht ab.

Rassismus ist in Brasilien kein neues Phänomen, sondern vielmehr eine anschlussfähige Haltung. "Wir haben in Brasilien eine extrem ungerechte Gesellschaft. Wir leben mit einer Rassentrennung. Es gibt Indianer und Schwarze. Und es gibt eine Elite in der Gesellschaft ohne jegliche Verantwortung für das Land, in dem sie leben", beschrieb der brasilianische Autor Luiz Ruffato unter anderem auf der Frankfurter Buchmesse den Rassismus in seinem Heimatland.

Im Gegensatz zu anderen Ländern hat Brasilien zudem die Schrecken seiner Militärdiktatur nie wirklich aufgearbeitet oder gar verarbeitet. Das führt dazu, dass zum Beispiel viele Jüngere die Äußerungen Bolsonaros schlichtweg nicht einordnen können. Das Versprechen von mehr Härte, die Bolsonaro mit dem Einsatz von mehr Militär verbindet, kommt hingegen an: So könnte die Gewalt im Land eingedämmt werden, hoffen viele Brasilianer.

Der Einfluss der Evangelikalen nimmt zu

Zu den treuesten Unterstützern Bolsonaros gehören die Anhänger der evangelikalen Pfingstkirchen in Brasilien. Ihr Einfluss ist nicht zu unterschätzen, während die katholische Kirche an Einfluss verliert, schließen sich immer mehr Brasilianer den Freikirchen an. Beim Zensus im Jahr 2000 waren es 26 Millionen, zehn Jahre später bereits 46 Millionen - das sind 22 Prozent der Bevölkerung. Mittlerweile dürften bis zu dreißig Prozent der Brasilianer Evangelikale sein.

Evangelikale Messe in Brasilien
DPA

Evangelikale Messe in Brasilien

Religion spielt in Brasilien ohnehin eine große Rolle, doch der Glaube der Evangelikalen ist oft deutlich fundamentalistischer als der der Katholiken. Viele Freikirchen verfügen durch ihre Mitglieder über Geld und politischen Einfluss.

Bolsonaro hat die Evangelikalen als Wählergruppe gezielt angesprochen: Der Katholik ließ sich öffentlichkeitswirksam in Jordanien taufen, er griff in seinen Reden evangelikale Predigten auf. Sein Wahlkampfmotto "Brasilien über allem" ergänzte er um die Aussage "Gott über allen". Mit seiner schwulenfeindlichen Haltung, der Ablehnung von gleichgeschlechtlichen Ehen und Abtreibungen bedient er ihre Einstellungen.

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the_tetrarch 29.10.2018
1. Fatal
Was reife von unreifen Demokratien unterscheidet, ist die Bereitschaft der Wahlbevölkerung, an einen Deus ex Machina zu glauben (vulgo: Versprechungen). Der wievielte Rattenfänger in Folge ist das jetzt? Die Dritte Welt krankt an der alles durchwirkenden Korruption und an ihrer Unfähigkeit, verlässliche Rechtsstaatlichkeit aufzubauen und dauerhaft zu gewährleisten. Solange dieses Grundproblem nicht gelöst wird, wird es immer Armut und Rückständigkeit geben.
adrian.ruest 29.10.2018
2. Schade
Einige Menschen sind vermutlich wirklich einfach zu dumm, zu selbstgerecht, zu bigott oder zu rassistisch für eine Demokratie. Wir haben das Privileg auf knapp 200 Jahre neuzeitliche, demokratische Feldversuche und ihr zahlreiches Scheitern zurückschauen zu können, aber die Menschen können oder wollen nicht lernen. Schade.
nimue15 29.10.2018
3. Eines steht fest:
Je ärmer, ungebildeter und verzweifelter Menschen sind, umso anfälliger werden sie offensichtlich für vermeintliche Heilsbringer - egal ob politischer oder religiöser Natur. Beides dann so radikal wie möglich, Opfer muss sein - und wenn es der Verstand ist. Nationalsozialismus, Islamismus, Rechtsradikalismus, Evangelikalismus - es ist zum Verzweifeln!
LDaniel 29.10.2018
4. @2:
Also Demokratie ist es nur dann, wenn jemand gewählt wird, den sie gutheißen? Interessante Einstellung. Warten wir doch erstmal ab, was passiert. Ihn verteufelt man - vielleicht zu Recht, vielleicht liegt man aber auch falsch! Venezuelas „Sozialismus des 21Jhd. wurde völlig kritiklos gefeiert hier, niemand sprach vom Ende der Demokratie. Was ist passiert? Diktatur, Armut, Gewalt.
wiesenflitzer 29.10.2018
5. Es braucht keine Inhalte um gewählt zu werden!
Das lässt sich auf der ganzen Welt beobachten. Populistisches Gedröhne, brüllen beim Lügen, unbestimmte Einfachheiten raushauen, die man gar nicht weiter belegen muss, usw. USA, Russland, Italien, die deutsche AFD, um nur ganz wenige zu nennen. Das immer bildungsfernere Volk ist halt nur noch „Wahlvieh“, sonst reicht es oft im Oberstübchen nicht mehr. Jedoch; dies ist jahrzehntelang durch die etablierten Parteien erst entstanden. Merkel, Nahles und Co. haben es bis heute noch nicht begriffen. Deren leeres Geschwätz hat das Volk einfach satt. Dann wird halt, oft auch wider besseren Wissens, der lügende Schreihals gewählt. Verteilt das Geld (jedenfalls ein Teil davon) gerecht unter die Bevölkerung, zahlt vernünftigen Lohn für gute Arbeit, investiert in Bildung uns bezahlbaren Wohnungsbau; dann klappt’s auch mit der Wiederwahl. Es ist so einfach
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