Nach Angriff auf Präsidentschaftsbewerber Brasiliens Tropen-Trump hofft auf Mitleidseffekt

Der Präsidentschaftswahlkampf in Brasilien ist so dramatisch und unwägbar wie kein anderer seit dem Ende der Militärdiktatur - inklusive Messerangriff. Der eigentlich chancenlose Rechtspopulist Bolsonaro profitiert.

Mahnwache für Jair Bolsonaro
SEBASTIAO MOREIRA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Mahnwache für Jair Bolsonaro

Von , Rio de Janeiro


Als am Freitag bekannt wurde, dass der brasilianische Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro Opfer einer Messerattacke wurde, legte die Börse in São Paulo zu: Die Anleger spekulieren darauf, dass der Mitleidseffekt dem Rechtspopulisten bei der Präsidentschaftswahl am 7. Oktober zum Sieg verhilft.

Bolsonaro will einen ultraliberalen Wirtschaftsexperten zum Finanzminister berufen. Das gefällt vielen Anlegern. Die Finanz- und Wirtschaftselite von São Paulo macht keinen Hehl daraus, dass sie den Rechtsradikalen unterstützt - ihr ursprünglicher Favorit, der Konservative Geraldo Alckmin, ist in allen Umfragen weit abgeschlagen.

Dass ein Mordanschlag eine Börsenhausse auslöst, ist pervers. Aber es passt zu diesem Urnengang, der so dramatisch und unwägbar ist wie keine andere Präsidentschaftswahl seit dem Ende der Militärdiktatur Mitte der Achtzigerjahre.

Jede Menge Stoff für Konspirationstheorien

Der einhellige Favorit, Ex-Präsident Lula, sitzt im Gefängnis und darf bis auf Weiteres nicht kandidieren. Die Nummer zwei, eine tropische Version von US-Präsident Trump, liegt schwer verletzt im Krankenhaus und wird voraussichtlich die nächsten Wochen nicht auf Wahlkampfreise gehen können.

Für das Attentatsopfer Bolsonaro könnte sich sein Handicap dennoch als Vorteil erweisen: Sein Wahlkampf findet bislang sowieso überwiegend im Internet statt, und sein Handy kann er auch im Krankenhaus bedienen. Am Tag nach der Messerattacke twitterte er vom Krankenbett: "Es geht mir gut, und ich erhole mich!"

Der einstige Unteroffizier und Fallschirmjäger ist kein großer Rhetoriker und auch nicht besonders charismatisch. Er hatte deshalb erwogen, nicht länger an Fernsehdebatten teilzunehmen, bei denen er bislang keine gute Figur gemacht hat. Jetzt braucht er sein Fernbleiben nicht zu rechtfertigen.

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Brasiliens Präsidentschaftsbewerber Bolsonaro: Messerangriff als Wahlkampfhilfe

Zugleich liefert das Attentat jede Menge Stoff für Konspirationstheorien und Fake News, die sich via Twitter und Facebook im ganzen Land verbreiten. Dabei war die Tat offenbar das Werk eines geistig verwirrten Fanatikers, der laut seinem Anwalt von "religiösen Motiven" getrieben wurde. Noch ist nicht klar, ob er allein gehandelt hat.

Die Radikalisierung geht vor allem von Bolsonaro aus

Bolsonaros Anhänger stilisieren ihr Idol jetzt zum Märtyrer. Dabei hat er selbst zu dem aufgeheizten politischen Klima beigetragen: Bei Wahlkampfauftritten tut er gern so, als ob er mit einem Gewehr auf Lula-Puppen feuert. Die Geste ist zu seinem Markenzeichen geworden.

Das erste Attentat in diesem von Gewalt gezeichneten Wahlkampf ging vermutlich von einem Bolsonaro-Anhänger aus: Von der Farm eines Bolsonaro-Unterstützers im Süden des Landes feuerten Unbekannte im März mit einem Gewehr auf einen Bus, der zu Lulas Wahlkampfkarawane gehörte.

Konservative Kommentatoren warnen nun vor einer weiteren Polarisierung zwischen Rechts- und Linksextremisten. Doch die Radikalisierung geht vor allem von Bolsonaro aus: Lula ist kein Kommunist, wie ihn seine rechten Gegner gerne darstellen; er hat auch nie zu Gewalt gegen seine politischen Gegner aufgerufen.

In seinen erfolgreichen acht Regierungsjahren hat Lula eine überaus wirtschaftsfreundliche Politik gemacht.

Die Krise begann mit Rousseffs Amtsenthebung

Der einstige Gewerkschaftsführer ist im Kern ein Demokrat - anders als Bolsonaro, der die Militärdiktatur verklärt und mit einem General als Vizekandidat antritt.

Die tiefe politische und wirtschaftliche Krise Brasiliens begann mit der umstrittenen Amtsenthebung von Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff vor zwei Jahren. Das räumen mittlerweile auch konservative Kommentatoren ein. "Wir müssen über das Impeachment reden", schreibt die brasilianische Wirtschaftsexpertin Monica de Bolle, Leiterin der Lateinamerika-Abteilung der US-amerikanischen John-Hopkins-Universität, in der Zeitschrift "Época".

In den Augen der Lula-Anhänger stellte die Amtsenthebung den ersten Schritt eines "Kalten Putsches" der brasilianischen Rechten dar, der mit der - unter Rechtsexperten ebenfalls umstrittenen - Verurteilung und Verhaftung Lulas wegen Korruption und Geldwäsche vollendet wurde.

Wie geht es jetzt weiter in diesem Wahlkampf, der von einem Häftling und einem Schwerverletzten bestimmt wird? Das nächste wichtige Datum ist der 11. September: Bis dahin, so hofft Lula, wird der Oberste Gerichtshof entscheiden, ob er doch noch kandidieren darf.

Demokratie in Gefahr

Das Oberste Wahlgericht hat ihm zwar die Kandidatur untersagt, doch Lulas Anwälte fechten die Entscheidung an. Erst wenn alle rechtlichen Einspruchsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, will die Arbeiterpartei PT die Kandidatur seinem Vize-Kandidaten Fernando Haddad übertragen.

In Umfragen liegt der Ex-Bürgermeister von São Paulo bislang weit zurück. Doch viele Meinungsforscher sagen ihm einen sprunghaften Aufstieg voraus, sobald Lula ihm die Kandidatur überträgt. In der wahrscheinlich nötigen Stichwahl könnte es dann zu einem Duell zwischen Haddad und Bolsonaro kommen. Brasilien hätte die Wahl zwischen einem gemäßigten Sozialdemokraten und einem rechtspopulistischen Feuerkopf. Umfragen zufolge würde das Ergebnis knapp ausfallen.

Für den Fall, dass Bolsonaro unterliegt, haben seine Anhänger vorgesorgt: Sie streuen Zweifel an der Zuverlässigkeit der elektronischen Wahlurnen.

Wenn Bolsonaro seine Gegner des Wahlbetrugs beschuldigt, wäre der Sturm, der sich über Brasilien zusammenbraut, perfekt: Es könnte zu politischen Unruhen kommen, die am Ende die Demokratie zerstören.



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kaibrasil 08.09.2018
1. Die Spaltung der brasilianischen Gesellschaft
wird keinesfalls nur von Herrn Bolsonaro vorangetrieben. Dessen Äusserungen sind in der Tat schwer erträglich, aber die "wir gegen die"-Stimmung im Land hat Herrn Lulas korrupte "Arbeiterpartei" PT aufgebracht. Deren Programm - u.a. staatliche Kontrolle der Wirtschaft, Gleichschaltung der Presse nach kubanischem Vorbild - ist eindeutig kommunistisch und Herr Haddad ist kein gemässigter Sozialdemokrat. Bolsonaro und Lula/Haddad eint ihr Hohn auf den demokratischen Rechtsstaat. Dass links- und rechtsextreme Kräfte reale Chancen auf den Wahlsieg haben, ist eine alles andere als gute Perspektive für Brasilien.
Löwe1 08.09.2018
2. Rechts-Links-Denken fehl am Platz
Sie sollten schon einigermaßen objektiv berichten. Ich bin mitnichten ein Anhänger Bolsonaros, aber es ist festzustellen, dass er schon seit einiger Zeit nicht mehr als chancenlos für das Präsidentenamt dargestellt werden kann. Brasilien ist in einer sehr kritischen Lage und die sog. Mittelschicht weiß nicht, wen Sie wählen soll. Rechts - Links - Denken ist hier keine Lösung und selbst wenn eine erneute Kandidatur von Lula möglich sein würde, wäre damit eine erfolgreiche Zukunft Brasiliens auch nicht gesichert. Brasilien ist derzeit außer Rand und Band und man kann nur mit großer Skepsis erwarten, was nach den wahrscheinlichen 2 Wahlgängen passiert.
nadelstich 08.09.2018
3.
Sehr einseitiger Artikel. Das Herr Bolsonaro chancenlos ist sehen viele Medien außerhalb Deutschlands vollkommen anders. Er wird es ziemlich sicher in die Stichwahl schaffen und diese dann vermutlich verlieren (zumindest war das bis letzte Woche meine Einschätzung); da sich alle anderen politischen Kräfte in Brsilien gegen seine Wähler verbünden werden. Chancenlos würde ich das erreichen einer Stichwahl jedoch keinesfalls nennen. btw Trump war damals gemäß (nicht nur) deutscher Medien auch "Chancenlos".
knok 08.09.2018
4.
Fake News, Hassrede, Spaltung. Überall das gleiche, in Brasilien, den USA, fast ganz Europa... Gewalt ist natürlich inakzeptabel, aber ich hoffe, dass Bolsonaro jetzt nicht aus Mitleid zum Präsidenten gewählt wird. Das wäre eine Katastrophe für Brasilien, dem Land geht es eh schon schlimm genug...
icke_floripa 08.09.2018
5. Schon wieder…
Mir wird immer ganz komisch, um es mal milde zu sagen, wenn ich die Kommentare von Herrn Güsing lese. So zeigt er doch seine sehr subjektive Sichtweise auf die politische Lage hier in Brasilien. Bolsonario ist der Trumps Brasiliens, aber Haddad ist dann auch der Maduro. Das Schlimmste wäre eine Stichwahl zwischen beiden. Somit die Wahl zwischen Pest und Cholera. Aber so wie ich das sehe wird Haddad einen gewaltigen Sprung machen bei der nächsten Umfrage, da Lula ja nicht mehr bei Umfragen aufgeführt werden darf und Haddad als sein Stellvertreter agiert. Lula war nicht der wer den wirtschaftlichen Wohlstand geschaffen hatte. Das wurde schon zig Mal hier diskutiert. Die Grundlagen wurden in den 90zigern gelegt. Er hatet das Schiff Brasilien mit seiner wachsenden Wirtschaft übernommen. Wichtig war es den Kurs zu halten und es nicht zum kentern zu bringen. Mit der florierenden Wirtschaft kam der Wohlstand für alle Schichten. Allerdings wusste Lula und seine Nachfolgerin Dilma nicht dieses erfolgreich weiterzuführen. So durchlief Brasilien alle Phasen einer aufstreben Wirtschaft wie auch alle anderen Schwellenländer, wie Indien oder China genauso wie es in den Büchern steht. Nur muss man das gekonnt und mit Weitsicht weiterführen. Schon damals war Brasilien sehr verschlossen für Importe z.b.. Dies war u.a. ein Hauptgrund für den Beginn der Wirtschaftskrise. Sehr gut zu sehen bei der Automobilindustrie. Durch den Protektionismus entstand ein riesiger innerer Produktions- und Absatzmarkt. Durch den steigenden Wohlstand kauften die Menschen sehr viele Autos, die Wirtschaft boomte. Das Problem? Weltweit gesehen waren die Autos viel zu teuer und der Technologie weit hinterher. Als nun der inländische Markt gesättigt war und auch noch Argentinien als wichtiger Käufer wegbrach, begann der Abfall der Verkäufe in der Autoindustrie, mit all seinen Zulieferern. Da viele Leute auch Wohnungen über Jahrzehnte finanziert gekauft hatten, nun aber arbeitslos wurden crashte auch die Baubranche. Beide Branchen sind sehr wichtig für Brasilien. Die Auswirkungen sind bis heute vorhanden. Der Abwärtstrend begann bereits zu Dilmas Zeiten und ist nicht Schuld der Interimsregierung dessen Präsident Temer seit ca. 1,5 Jahren die Nummer eins ist und den sich Dilma als ihr Vize ausgesucht hatte!!! Zu Zeiten der PT wurden natürlich unbestritten auch gute Sachen gemacht, wie carta assinada, aber viele wichtige Schlüsselgebiete blieben in sehr schlechtem Zustand bis heute, wie zb. Wasser-/Abwasserwirtschaft, das Bildungssystem, Gesundheitssystem und Transport. In den über einem Jahrzehnt der Regierung der PT, war und ist der Zustand grauenhaft. Und die Kritik an die Inkompetenz der PT Regierung geht auch dahin, dass das neben dem schlechten Zustand dieser Gebiete, sie sich immer als die Retter und Verteidiger der Armen hinstellen. In Wahrheit verschwendete wurde aber viel Geld verschwendet mit Korruption, Misswirtschaft, aufblasen des Behördensystems und exorbitanten Ausgaben für die WM und die Olympiade. All das geschah unter Führung von der PT, also direkt Lula und Dilma!!!
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