Präsidentschaftswahl in Brasilien Rechtspopulist Bolsonaro gewinnt erste Runde deutlich

Es ist eine der wichtigsten Wahlen in Brasilien seit Jahrzehnten: In der ersten Runde hat der rechte Kandidat Jair Bolsonaro gewonnen. Im Kampf um das Präsidentenamt muss er gegen den Linken Fernando Haddad in die Stichwahl.


In Brasilien ziehen der Rechtspopulist Jair Bolsonaro und sein linker Kontrahent Fernando Haddad in die Stichwahl um das Präsidentenamt. Auf Bolsonaro entfielen im ersten Wahlgang 46,7 Prozent, wie die Wahlkommission nach Auszählung von fast allen Stimmzetteln mitteilte. Haddad von der linken Arbeiterpartei PT kommt demnach auf 28,37 Prozent der Stimmen. Die Stichwahl ist für den 28. Oktober angesetzt.

Der linke Bewerber Ciro Gomes kam auf 12,52 Prozent, der Mitte-rechts-Kandidat Geraldo Alckmin auf 4,83 Prozent. Für Henrique Meirelles, Wunschkandidat des amtierenden Staatschefs Michel Temer, stimmten nur 1,21 Prozent der Wähler.

In Brasilien waren rund 147 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, einen Nachfolger für Temer zu wählen. Im Land herrscht Wahlpflicht. Die Abstimmung galt als wichtigster Urnengang seit dem Ende der Militärdiktatur 1985.

Bolsonaro, der mit rassistischen und sexistischen Äußerungen auf Stimmenfang ging und ein Verteidiger der früheren Militärdiktatur ist, war als Favorit in die erste Runde gegangen. Aus seiner Verachtung für das bestehende System machte er keinen Hehl: Er werde das Wahlergebnis nur bei einem eigenen Sieg akzeptieren, verkündete Bolsonaro jüngst. Er wird von den Streitkräften, einflussreichen evangelikalen Pfingstkirchen und einem großen Teil der Wirtschaft unterstützt. Bolsanaro wurde bei einem Messerangriff am 6. September schwer verletzt und erst vor einer Woche aus dem Krankenhaus entlassen.

Für die Arbeiterpartei war Haddad angetreten, ein ehemaliger Bildungsminister und Ex-Bürgermeister von São Paulo. Er vertritt den gemäßigten Flügel der PT und umwarb vor allem die Mittelschicht. Er hat die meisten Gewerkschaften und sozialen Bewegungen auf seiner Seite und ist vor allem im armen Nordosten stark. Die PT schickte Haddad anstelle des früheren Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva ins Rennen - der ist nach einer Verurteilung wegen der Annahme von Schmiergeldern in Haft und darf nicht antreten.

Fernando Haddad
AFP

Fernando Haddad

Brasilien ist die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas - und steckt in einer tiefen Krise. Zahlreiche Politiker sind in Korruptionsskandale verwickelt, die Wirtschaft läuft nur schleppend und die Gewalt nimmt immer weiter zu. Der Wahlkampf war von einem schweren Konflikt zwischen rechts und links geprägt.

Worum es bei der Wahl am Sonntag außerdem ging

Bei der Abstimmung am Sonntag ging es nicht nur um das Präsidentenamt. Zur Wahl standen auch die Gouverneure sämtlicher Bundesstaaten, zwei Drittel des Senats sowie alle 513 Mandate für das Abgeordnetenhaus. Ergebnisse dazu liegen bisher nicht vor.

Das politische System Brasiliens ist ein Hybrid aus einem Präsidentialismus nach US-Vorbild und dem Parlamentarismus europäischen Modells. Der Präsident muss vor jeder wichtigen Abstimmung im Kongress die Regierungsmehrheit neu verhandeln; es gibt weder Fraktionszwang noch Fünfprozenthürde. Das führt dazu, dass mehr als 30 Parteien im Kongress sitzen, die Regierung muss sich ihre Unterstützung erkaufen - eine der Hauptursachen der Korruption.

aar/AFP/dpa

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Seite 1
knok 08.10.2018
1.
49% ist wirklich übel. Das wars dann wohl mit der Demokratie in Brasilien. Was ist nur mit den Leuten los?
hansriedl 08.10.2018
2. Bolsonaro
Trump ist im vergleich zu Bolsonaro ein Weisenknabe. Die Brasilianer werden sich noch wundern wozu dieser Mann fähig ist. Zusammenarbeit mit den Militär um Ordnung herzustellen. Wenn es sein muss darf geschossen werden. Korrupt sind nur die anderen, das galt auch bei seinen Vorgängern. Die Menschen die ihn gewählt haben werden erfahren das sie einen Lügner und Heuchler ihr Stimme gegeben haben. Er will u. wird Reformen, auf Kosten der Masse machen, um die Finanzen zu sichern. Wovon sie träumten, das Sozialsystem von dem sie profitieren wollten wird runter gefahren. Am ende gibt es eine Autoritäre Regierung mit Militärischen Unterstützung wie sie es schon mal erlebt haben. Aus der Traum von Freiheit wie Wohlstand für alle.
smart75 08.10.2018
3. Alptraum
Ciao Demokratie in Brasilien. Es ist ein wahrer Alptraum. Die Hälfte der Wahlberechtigten ist für blanken Populismus und Faschismus offen. Wir hoffen immer noch auf die Stichwahl und die Gott sei Dank hohe Ablehnung ggü. Bolsonaro (ebenfalls knapp 50%). Aus der Krise rausführen wird er Brasilien nicht - er gibt selbst offen zu, von Wirtschaft keine Ahnung zu haben. Englisch kann er auch nicht, was auf internationalem Parkett eher zu weiterer Isolation führen wird. Und allein Kriminalität zu bekämpfen schafft eben auch keine Arbeitsplätze. Alles in allem hat Brasilien jetzt wohl sein eigenes Venezuela geschaffen. Traurig.
leserlich 08.10.2018
4. Bin gerade in Brasilien,
und war mit Freunden essen. Das Restaurant erwies sich als Party-Platz der Bolsonario-Anhänger. Vom äußeren alles Leute der besser verdienenden Mittelschicht. Die Stimmung da machte mich schon betroffen. Dass auch hier die meisten Leute denken, mit harter Hand und Waffen herrscht auch mehr Recht, zeigt einmal mehr, dass ein Hauptproblem, wie woanders in der Welt auch, wohl mangelnde Bildung ist.
pm22 08.10.2018
5.
Inflation, Korruption und kriminelle Gangs können eine Gesellschaft in den Abgrund ziehen. Genau darauf haben die Brasilianer keine Lust mehr. Unkonventionelle Methoden bei der Problembewältigung werden Kauf genommen.
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