Korruptionsskandal Temer stürzt Brasilien in die nächste Krise

Schwere Krise in Brasilien: Gegen Präsident Temer laufen Korruptionsermittlungen, mehrere Minister wollen die Regierung verlassen. Im ganzen Land kam es zu wütenden Protesten, die Börse brach ein.

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Brasilien kommt nicht zur Ruhe. Erst ein Jahr ist es her, dass Präsidentin Dilma Rousseff ihres Amtes enthoben wurde. Nun droht ihrem konservativen Nachfolger Michel Temer ein ähnliches Schicksal.

Das Oberste Bundesgericht genehmigte am Donnerstag Korruptionsermittlungen gegen den 76-jährigen Staatschef. Grund ist ein heimlicher Mitschnitt eines Gesprächs, in dem Temer Schweigegeldzahlungen an den inhaftierten Ex-Parlamentspräsidenten Eduardo Cunha gebilligt haben soll.

Laut einem Bericht der Zeitung "O Globo" traf sich Temer Anfang März mit dem Chef des Fleischproduzenten JBS, Joesley Batista. Dieser habe Temer darüber informiert, dass er Cunha, der in der Affäre um den staatlichen Ölkonzern Petrobras wegen Bestechlichkeit in Haft sitzt, für sein Schweigen bezahle. Mit dem Mitschnitt lasse sich beweisen, dass Temer Batista in seinem illegalen Vorgehen bestärkt habe, berichtete "O Globo" am Mittwochabend auf seiner Internetseite.

Doch nach mehreren Krisensitzungen sagte Temer in Brasilia: "Ich werde nicht zurücktreten." Er habe das Schweigen von niemandem erkauft. Mehrere Minister seines Koalitionspartners PSDB kündigten dem Präsidenten jedoch die Gefolgschaft, es gibt bereits Anträge für ein Amtsenthebungsverfahren.

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Brasilien: Ausschreitungen in Rio de Janeiro

Ausschreitungen in Rio, Kursverluste in São Paulo

Im ganzen Land forderten Hunderttausende Demonstranten Temers Rücktritt. In Rio de Janeiro kam es zu schweren Ausschreitungen. Die Börse in São Paulo brach zeitweise um mehr als zehn Prozent ein, erstmals seit 2008 musste der Handel ausgesetzt werden. Der Dollar gewann stark an Wert im Vergleich zur Landeswährung Real.

Die politische Krise trifft die neuntgrößte Volkswirtschaft der Welt in einer Phase, als man langsam aus der bisher tiefsten Rezession wieder herauskommt. Nun droht eine wochen- oder monatelange Lähmung mit vielen Ermittlungen.

Tritt Temer nicht zurück, scheint ein weiteres Amtsenthebungsverfahren unausweichlich. Der Präsident war erst von einem Jahr an die Macht gekommen. Er hatte mit Rousseff gebrochen, ein Bündnis mit der Opposition geschmiedet und so die nötigen Mehrheiten für die umstrittene Absetzung der linken Politikerin erreicht.

Temers Beliebtheit war zuletzt auf neun Prozent gesunken. Nach Umfragen gilt bei Neuwahlen Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei als Favorit - aber auch gegen ihn laufen Korruptionsermittlungen.

cte/dpa/AFP



insgesamt 22 Beiträge
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ein_verbraucher 19.05.2017
1. Krass, die armen Brasilianer
tun mir leid. Ich hoffe und wünsche Ihnen einen guten demokratischen Präsidenten der integer die Wünsche des Volkes anhört und diese versucht umzusetzen.
modemhamster 19.05.2017
2. Dilma
wegzuputschen hat den Aufräumprozess behindert, aber nicht zum Erliegen gebracht. Hoffentlich kann sie ihren Kampf gegen die Korruption weiterführen.
chiefseattle 19.05.2017
3. Staatsstreich
... nach nur einem Jahr wird Temer eingeholt. Verlorene Zeit für Brasilien.
gerd.lt 19.05.2017
4. immer dabei
Wenn man jetzt von Einmisschungen der USA in Venezuela (Embargo gegen Vermögen der Richter) liest, ist eines auch ganz klar, bei der Entmachtung von Dilma Rousseff hatten sie auch ihre Hände im Spiel. Wie immer sollen alle nicht USA-konformen, linke Regierungen, mit welchen Mitteln auch immer, beseitigt werden. Ob durch Mordversuche bei Castro, geheimdienstunterstützter Militärputsch in Chile oder anderswo, Embargen gegen welchen mittel- oder südamerikanischen Staat auch immer, oder schüren innerer Unruhen wie in Venezuela, die USA sind auf die eine oder andere Art immer negativ dabei, "vor ihrer Haustür" so auch im Nahen Osten.
Ersti1 19.05.2017
5. Roussef wurde nicht weggeputscht,
Zitat von chiefseattle... nach nur einem Jahr wird Temer eingeholt. Verlorene Zeit für Brasilien.
diese Legende sollte langsam mal aus der Welt geschafft werden.
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