Reaktion auf Proteste Rousseff verspricht "großen Pakt" für ein besseres Brasilien

Die Präsidentin reicht den Demonstranten die Hand: Dilma Rousseff hat einen Dialog mit der Protestbewegung in Brasilien angekündigt. Die Staatschefin versprach enorme Anstrengungen - im Kampf gegen Korruption und für bessere Lebensbedingungen.


Brasília - Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff hat mit einer landesweit übertragenen Fernsehansprache auf die anhaltenden Proteste reagiert. Sie machte sich die Forderungen der Demonstranten zu eigen und versprach einen "großen Pakt" für ein besseres Brasilien. Rousseff lobte die friedlichen Proteste und verurteilte die Gewalt einer Minderheit, die Chaos in die Städte tragen wolle. "Die Stimme der Straße muss gehört und respektiert werden und kann nicht verwechselt werden mit dem Krach und der Grausamkeit einiger Rabauken", sagte die Staatschefin. In mehreren Städten gingen unterdessen die Proteste weiter.

Rousseff kündigte Maßnahmen an, um die Mängel im öffentlichen Dienstleistungssystem zu beseitigen: "Wir können sehr viele Dinge viel besser machen." Es solle ein Plan zur Verbesserung des öffentlichen Transportwesens entwickelt, mehr Geld aus den Öleinnahmen in die Bildung investiert und Ärzte aus dem Ausland nach Brasilien geholt werden.

Es war die erste öffentliche Reaktion der Präsidentin nach Beginn der Protestwelle. Daran nahmen nach aktuellen Zahlen der amtlichen Nachrichtenagentur Agência Brasil fast zwei Millionen Menschen in 438 Städten teil. Die Demonstrationen begannen vor gut einer Woche.

Proteste in Rio und São Paulo

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Brasilien: Proteste auf der Straße, Ansprache der Präsidentin
Die friedlichen Proteste zeigten "die Kraft unserer Demokratie und den Wunsch der Jugend, dass Brasilien vorankommt", so Rousseff. Die direkte Botschaft der Straße sei friedlich und demokratisch. Sie fordert einen systematischen Kampf gegen die Korruption und die Veruntreuung öffentlicher Gelder. Zur Korruptionsbekämpfung sei vor allem Transparenz und Strenge wichtig. Sie kündigte an, Gouverneure, Bürgermeister und die Anführer der friedlichen Protestgruppen zusammenzurufen. Rousseff lud auch die Oppositionsführer zu Gesprächen ein.

Am Freitagabend protestierten in mehreren Städten des Landes erneut Tausende Menschen gegen Korruption und soziale Missstände. In Barra da Tijuca im Westen Rios, wo derzeit das Olympische Dorf für die Sommerspiele 2016 entsteht, setzte die Polizei kurzzeitig Tränengas ein. Friedliche Protestzüge gab es in Rios Vierteln Ipanema und Leblon. Auch im Großraum São Paulo marschierten Tausende Menschen. Sie besetzten zentrale Straßen, die São Paulo mit dem internationalen Flughafen Guarulhos verbinden.

"Brasilien wird eine großartige WM ausrichten"

Die Proteste richten sich auch gegen die Milliarden-Ausgaben für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Rousseff betonte die Chance des Sportereignisses für das Land. Brasilien sei fünffacher Weltmeister und bei den Turnieren immer gut empfangen worden. Auch Brasilien müsse seinen Gästen einen großzügigen Empfang bereiten: "Respekt, Warmherzigkeit und Freude - so müssen wir unsere Gäste behandeln. Brasilien wird eine großartige WM ausrichten."

Die Ausgaben der Zentralregierung für die Stadien würden vorschriftsgemäß von den Unternehmen und regionalen Regierungen gezahlt, die die Arenen betrieben. Sie werde es nie zulassen, dass diese Mittel aus dem öffentlichen Bundeshaushalt genommen würden zu Lasten prioritärer Bereiche wie Gesundheit und Bildung.

Die landesweiten Ausschreitungen am Rande der Massenproteste in Brasilien beeinträchtigen den laufenden Confederations Cup, die WM-Generalprobe. Der Sprecher des Fußball-Weltverbandes Fifa, Pekka Odriozola, hatte aber erklärt: "Es wurde weder darüber diskutiert noch in Erwägung gezogen, den Confederations Cup oder die WM abzusagen."

Der Chef des Präsidialamtes, Gilberto Carvalho, warnte, die Proteste könnten womöglich den Weltjugendtag der katholischen Kirche Ende Juli in Rio de Janeiro überschatten. Zu der Veranstaltung wird auch Papst Franziskus erwartet. "Wir müssen vorbereitet sein", sagte Carvalho, der im Rang eines Ministers steht. Die Demonstranten wollten Veränderungen, die Mittelschicht verlange "neue Rechte", und das sei gut so. Mit "halben Maßnahmen" gäben sich die Leute nicht zufrieden.

wit/dpa/AFP/Reuters

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insgesamt 72 Beiträge
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zabbaru 22.06.2013
1. Schöne Worte
denen nun Taten folgen müssen und zwar umgehend. Wenn die brasilianische Regierung nicht will, dass das Land während der WM in Chaos versinkt, dann ist jetzt Handeln angesagt, ohne Rücksicht auf irgenwelche Funktionäre und Lobbyisten. Die Proteste in Brasilien haben die gleichen Wurzeln wie die in der Türkei und im Rest der Welt. Aufgeklärte Menschen sind den globalen ungezügelten Turbokapitalfaschismus leid, der nur einigen wenigen wirklich nutzt und den Rest zurück lässt und der diesen Planeten in atemberaubender Geschwindigkeit ausbeutet und zerstört, als hätten wir einen zweiten in der Westentasche.
lauscheid 22.06.2013
2. Ärzte aus dem Ausland?
Sie sollte lieber soweit in Bildung investieren, das mehr Ärzte ausgebildet werden. Das Ganze sollte sie lieber langfristig sehen, als schnell möglichst viele Versprechen zu machen um sie nicht einzulösen. Senhora Rousseff, nao vai dar certo!
berlinpolitik 22.06.2013
3. sehr schön
vielleicht sollte man dem türkischen Ministerpräsidenten mal nach Brasilien einladen. dann kann er mal schauen wie man auch noch auf Proteste der Strasse reagieren kann.
privat78 22.06.2013
4. optional
Nimmt da etwa jemand sein Volk ernst? Hat sie begriffen dass man mit Gewalt keine Proteste ( jedenfalls langfristig ) verhindern kann? Oder spielt jemand auf Zeit, um in ruhe die WM ausrichten zu können?
barcavela 22.06.2013
5. Schoenrednerei
das wird bei den verkrusteten Strukturen nicht funktionieren.Die "eine Hand waescht die Andere" mentalitaet ist in diesen Laendern tief verwurzelt. Na dann: Viel Glueck!
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