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Krawalle in Rio: Sechs Minuten bis zum Tod

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Tod eines Tänzers: Krawalle erschüttern Rio Fotos
youtube/ Made in Brazil

Der gewaltsame Tod eines Tänzers hat in Brasiliens Metropole Rio de Janeiro wütende Proteste ausgelöst. Nun ist ein Kurzfilm aufgetaucht, in dem er sein Leben in den Favelas schildert - und sein Sterben vorwegnimmt.

Rio de Janeiro - Douglas Rafael da Silva Pereira war Tänzer bei einer populären brasilianischen TV-Show, er arbeitete manchmal als Motorradtaxifahrer, er war Vater einer vierjährigen Tochter. Jetzt ist er berühmt, weil er tot ist.

Der 26-Jährige wurde am Dienstag in der Favela Pavão-Pavãozinho in der Metropole Rio de Janeiro gefunden. Anwohner beschuldigen die Polizei, ihn zu Tode geprügelt zu haben - es folgten schwere Straßenschlachten in dem Viertel. Barrikaden brannten, selbstgebastelte Sprengsätze flogen durch die Nacht, ein weiterer Mann wurde offenbar in den Kopf geschossen.

Unklar bleibt, wie Douglas, genannt DG, starb. Es gibt mehrere Versionen. Dass er aber um die Gefahren wusste, die das Leben in den Favelas mit sich bringt, zeigt ein Kurzfilm aus dem vergangenen Jahr.

"Made in Brazil" heißt der sechs Minuten lange Film. Es geht um das Leben der Jugendlichen aus den Armenvierteln, abhängen am Strand, Fußball spielen, Musik hören. "Alles, was wir von ihm im Film zeigen, ist tatsächlich er. Er war sehr beliebt, besonders bei Kindern", so Wanderson Chan, Regisseur des Streifens. Am Schluss laufen zwei Polizisten mit gezogenen Waffen durch die engen Gänge der Favela, sie kommen auf Douglas zu. Es gibt Streit, sie schlagen ihn. Ein Polizist hält ihm eine Pistole an den Kopf und drückt ab.

Im wahren Leben wurde Douglas auf dem Boden einer Kindertagesstätte gefunden. Freunde und Anwohner beschuldigen die Männer von den Sondereinheiten zur Befriedung der Favelas (kurz: UPP), ihn so lange brutal geschlagen zu haben, bis er starb. Einige sagen, er sei vor Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Drogenhändlern geflohen, dabei über Mauern gesprungen, bis er sich in der Krippe versteckt habe. Die Polizisten hätten ihn dort entdeckt, sie hätten ihn für einen Drogenhändler gehalten.

"Sein Körper hatte überall Spuren von Tritten. Sein Rücken war verkratzt. Die Wände der Krippe waren voller Blut", sagte Douglas' Mutter. Die beiden hatten laut ihren Angaben noch gegen 20 Uhr am Montag telefoniert. "Die UPP beschützt niemanden."

Die Sicherheitskräfte weisen die Vorwürfe zurück. Sie hätten die Leiche von Douglas bei Ermittlungen nach dem Schusswechsel vom Montag gefunden, so die UPP. Bei der Untersuchung seines Körpers seien Rippenbrüche und Abschürfungen festgestellt worden, Douglas könnte an den Folgen eines Sturzes gestorben sein. Er habe neben einer zehn Meter hohen Mauer gelegen.

Douglas' Tod und die gewaltsamen Proteste erschüttern Rio de Janeiro nur sechs Wochen vor dem Beginn der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien. 2008 begannen die Behörden im Rahmen eines ambitionierten Sicherheitsprogramms damit, die Straßengangs und Drogenhändlerringe aus den Armenvierteln zurückzudrängen und in den Favelas dauerhafte Präsenz zu zeigen. Das Vorgehen wurde viel gelobt, doch in den vergangenen Monaten hat die Gewalt wieder zugenommen. Zahlreiche Polizisten wurden erschossen. Zugleich mehren sich aber die Vorwürfe gegen die Sicherheitskräfte, die teilweise für Schläger und Mörder gehalten werden. In mindestens einem Fall sollen sie einen Anwohner zu Tode gefoltert haben.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. The games must go on...
epiktet2000 23.04.2014
Brot und Spiele. Auf das Brot (oder Bildung) muss die Mehrheit der Menschen in dem Schwellenland Brasilien schon mal verzichten! Wer sich wehrt, ... . Auf dem Maidan wäre das natürlich nicht passiert.
2.
oberfrange 23.04.2014
Na, das kann ja eine "spaßige" und "heitere" WM werden. Mit viel Militär und Polizei und so. Und das alles zum Schutz der Kapitalscheffelmaschine FIFA inklusive deren Medien und Sponsoren. Kann es sein, dass Fußball doch keine Sprache ist, die die Welt verbindet und dass mehr und mehr Leute das mitbekommen? Ich wünsche mir sehr, dass die seriöseren Medien in unserem Lande beide Seiten dieser WM beleuchten und nicht nur stunden- und seitenlange Berichte über die Befindlichkeiten von Herrn Löws Millionarios bringen. Wird wohl ein frommer Wunsch bleiben.
3. Fairer berichten, bitte
minosKing 23.04.2014
Es geht auch um Mittelmäßigkeit und Arroganz, die die Brasilien nicht kennen, halten das Bild von „Cidade de Deus“ und weitere schlechte Beispiele für das ganze Land, ohne zu fragen. Die Presse hatte eine mittelmäßige Einstellung von Beginn an und unterschätzt Brasilien zu sehr. Für jede Albernheit gibt es ein Publikum. Deutschland wird da wahrscheinlich gar nichts gewinnen, es passt etwas nicht, ein Gewinnerland spricht über ein Gastgeberland auf anderem Niveau.
4. jeden Tag auf's Neue - einfach tragisch
evamariaroessler 24.04.2014
*** MADE IN BRAZIL *** Wenn jemand in einem Film seinen eigenen Tod durch Polizeigewalt vorhersagt, dann wohl deshalb, weil das nicht zum ersten Mal passiert. Das ist eine ständige Angst der Menschen in der Favela. Und es wird alles noch brutaler in Vorbereitung auf die WM, tragisch mit anzusehen und das jeden Tag aufs Neue. Die Polizei redet sich raus. Sie sagen, er sei über eine Mauer gesprungen und so gestorben. Ich sage - und das unbesehen – dass jemand der 26 Jahre in einer Favela lebt und überlebt, genau weiss über welche Mauern man springen kann und über welche nicht. Nun ist die Sache so, der Tote von heute trägt mit Sicherheit schon einen anderen Namen. Douglas war vorgestern und wenn er nicht Tänzer der Globo (TV Sender) gewesen wäre, hätte man ihn – so ist das leider – schon wieder vergessen. In den Nachrichten hätte er maximal ein Alter und eine Hautfarbe – schwarz oder quasi schwarz – aber er hätte keinen Namen, eben so wie der Maurer, die Putzfrau oder das Kind, die alle vor nur ein paar Tagen ermordet wurden. Junge, schwarze Männer sind eh Kriminelle, jeder einzelne von ihnen. Vielleicht wäre Douglas so auch gar keine Nachricht wert. (PS: Ich kenne Brasilien gut, lebe hier seit 10 Jahren)
5.
evamariaroessler 24.04.2014
... ist viel brutaler, denn da sterben Leute wirklich und das jeden Tag. Ich finde, Brasilianer müssen endlich aufhören sich über ihren schlechten Ruf in der international Presse zu beklagen und statt dessen mehr gegen die Gewalt tun, angefangen bei der staatlich legitimierten und steuerfinanzierten Gewalt, der durch die Polizei. Es stimmt 100 Mal was in "Cidade de Deus" und "Tropa de Elite" gezeigt wird und jeder mit ein bisschen Grips im Kopf weiss das. Wer es nicht weiss, der will es nicht wissen, der schaut weg. Das macht mich gerade zu wütend. Ich lebe in Brasilien und hier sieht man Nachrichten, wie diese über Douglas jeden Tag, wenn auch nicht in den total zensierten Globo News. Es wird viel zu wenig darüber in Deutschland berichtet. Ich finde die Presse ist dem "Gastgeberland" gegenüber viel, viel zu unkritisch. Jeder, der diese Gewalt ignoriert – so tut als hätte er es nichts gewusst – und in Ruhe Fussball sieht, macht sich mitschuldig.
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