Umfragedesaster für Marina Silva Der Traum ist aus

Bis vor wenigen Tagen hatte die frühere Kautschuksammlerin Marina Silva beste Chancen, Brasiliens erste dunkelhäutige Präsidentin zu werden. Doch im Wahlkampf-Endspurt rutscht sie in Umfragen ab. Schuld daran hat sie selbst.

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Kandidatin Silva: "Voller Widersprüche"
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Kandidatin Silva: "Voller Widersprüche"


Als die kleine Frau mit dem straffen Knoten im dunklen Haar die Wahlkampfbühne von Recife betritt, sieht Marina Silva noch zerbrechlicher aus als sonst. Aber am Mikrofon wird die brasilianische Präsidentschaftskandidatin kämpferisch. "Neulich hat mich jemand gefragt: 'Marina, wie hältst du die ständigen Attacken aus - morgens, mittags, nachts?", ruft die 56-Jährige mit heiserer Stimme in die Menge. "Ich habe geantwortet: 'Sie können lügen, wie sie wollen. Die Wahrheit bleibt immer die Wahrheit.'"

Die "Marinistas", Silvas Anhänger, jubeln, schwenken Fahnen. Dann singen sie die Wahlkampfhymne auf ihre Kandidatin der Brasilianischen Sozialistischen Partei (PSB). Alles ist gut, soll die Veranstaltung demonstrieren. Obgleich Silvas Popularitätswerte vor dem ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl am Sonntag einbrechen.

Noch vor 14 Tagen sah es so aus, als würde im fünftgrößten Staat der Erde ein Politik-Märchen wahr werden. Da führte Marina Silva, die einstige Kautschuksammlerin und frühere Analphabetin, sensationell die Umfragen an. Erst Mitte August war die Umweltaktivistin als Ersatzkandidatin für den tödlich verunglückten Eduardo Campos in die Bresche gesprungen. Binnen weniger Tage schien es plötzlich, als könnte Silva Brasiliens erste dunkelhäutige Präsidentin werden - und Dilma Rousseff von der gemäßigt linken Arbeiterpartei (PT) ablösen. Denn in Brasilien herrscht Wechselstimmung, wie die Straßenproteste vor der Fußball-WM gezeigt haben. Rousseff und ihre von Filz und Korruption durchsetzte Partei sind unpopulär wie selten. Das Wirtschaftswachstum stagniert, die Inflation schnellt hoch, Bildungs- und Gesundheitssystem sind in Teilen auf Dritte-Welt-Niveau.

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Brasilien: Vom Amazonas an die Macht
Marina Silva war kurzzeitig die Hoffnungsträgerin der Brasilianer. Anfang September wollte jeder zweite in einer möglichen Stichwahl für sie stimmen, 39 Prozent wollten sie im ersten Durchgang wählen. Jetzt sind es nur noch 25 Prozent, Tendenz abstürzend. Rousseff liegt bei knapp 40 Prozent. Und der drittplatzierte Aécio Neves von der konservativen PSDB rückt Silva mit 20 Prozent immer näher. "Es ist nicht auszuschließen, dass sie nicht mal die Stichwahl schafft", sagt Sergio Costa vom Lateinamerika-Institut der FU Berlin. Schuld daran haben nicht nur die Angriffe ihrer politischen Gegner. Sondern auch sie selbst.

Glaubwürdigkeit verloren

Je schlechter es um sie steht, desto öfter erzählt Marina Silva ihre Story: Wie sie mit zehn Geschwistern in einer Analphabeten-Familie im tiefsten Amazonien aufwuchs und morgens um fünf aufstand, um Gummibäume zu ritzen. Wie sie krank in die Stadt floh, um sich als Hausmädchen durchzuschlagen. Wie sie mit 16 Lesen und Schreiben lernte, selbst Lehrerin wurde, als Aktivistin für die Rettung des Regenwalds kämpfte, in die Politik wechselte: zur PT der heutigen Erzrivalin Rousseff. Und wie sie dann als Umweltministerin bei Rousseffs Vorgänger Lula da Silva hinwarf, weil er ihr zur wenig Rücksicht auf die Natur nahm.

Wenn die Aufsteigerin ein besseres Brasilien verspricht, ohne Korruption und Klientelismus, wirkt sie wie der personifizierte Gegenentwurf zur Technokratin Rousseff: authentisch und klar.

In der Tagespolitik ist das nicht so. "Silva ist voller Widersprüche", sagt Politologe Costa. Mehrmals hat sie in den vergangenen sechs Jahren die Partei gewechselt: PT, Grüne, ihre Nachhaltigkeitsbewegung. Neuerdings ist sie bei den Sozialisten, vertritt aber wirtschaftsliberale Positionen wie die volle Unabhängigkeit der Zentralbank und einen schlanken Staat. Zu guter Letzt ist sie auch noch Mitglied der Assembleia de Deus, einer evangelikalen, konservativen Pfingstkirche.

Für einen Sieg muss Silvia eine klare Meinung vertreten

Das sorgt für Verwirrung - selbst im eigenen Wahlprogramm: Da plädierte sie zunächst für die Homo-Ehe, strich die Passage aber keine 48 Stunden später, nachdem sich ein mächtiger Geistlicher entsetzt gezeigt hatte. "Durch diese Positionswechsel hat sie Glaubwürdigkeit verloren", sagt Daniel Flemes, Brasilien-Experte am GIGA-Institut für Lateinamerikastudien.

Ihre politischen Gegner schlachten das aus. Rousseffs Lager stellt sie als religiöse Fanatikerin und verkappte Neoliberale dar, die soziale Errungenschaften des PT einkassieren wolle - allen voran das Wohlfahrtsprogramm Bolsa Familia, das Millionen ärmste Familien ernährt. Silva dementiert, aber ihre Botschaften dringen kaum durch. Denn sie bekommt für ihre TV-Spots nur ein Fünftel der Sendezeit von Rousseff; die Verteilung richtet sich nach den Mehrheitsverhältnissen im Parlament. Angleichen wird sich das erst zur Stichwahl.

Falls es Marina Silva in den zweiten Wahlgang am 26. Oktober schafft, hat sie noch eine kleine Chance. Denn das Lager des dritten Kandidaten Neves dürfte mehrheitlich zu ihr überschwenken. "Es ist nicht ganz auszuschließen, dass sie doch noch siegt", sagt Costa. "Sie müsste nur ihre Sympathisanten von vor drei Wochen zurückgewinnen." Aber dazu muss sie ihnen klarmachen, was sie wirklich will.

Zum Autor
Claus Hecking ist freier Internationaler Korrespondent und Reporter für SPIEGEL ONLINE, die "Zeit", das Magazin "Capital" und andere Medien.

Website: www.claushecking.com

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
dolfi 03.10.2014
1. Fehlende Inhalte? Ist doch kein Problem
Das funktioniert doch auch in Deutschland schon seit 8 Jahren, Geschwurbel ohne Vision und Inhalte. Warum soll das nicht auch in Brasilien möglich sein? Inhalte überwinden heisst die Devise.
ichsagwas 03.10.2014
2. Besser nicht de Silva wählen
Die Pfingstkirchen sind gefährlicher christlicher Fundamentalismus. Kein Wunder, dass Frau de Silva nach solcher Gehirnwäsche inzwischen auch marktliberale Positionen einnimmt und Homosexualität ablehnen muss. Es ist das kleinere Übel, wenn Frau Rousseff die Wahlen gewinnt. Am Ende ist es aber eh egal. Am bestehenden System und der krassen Ungleichverteilung von Vermögen und Land wird sich in Brasilien so und so nichts ändern. Jeder gewählte Präsident kann höchstens kosmetische Korrekturen vornehmen, muss sich ansonsten arrangieren und wird Teil des korrupten Systems.
stauss4 03.10.2014
3. Die Dame erinnert an die Merkel. Die hatte auch noch nie eine Position, für die sie gekämpft hat. Eben Weiberwirtschaft.
""Silva ist voller Widersprüche", sagt Politologe Costa. Mehrmals hat sie in den vergangenen sechs Jahren die Partei gewechselt: PT, Grüne, ihre Nachhaltigkeitsbewegung. Neuerdings ist sie bei den Sozialisten, vertritt aber wirtschaftsliberale Positionen wie die volle Unabhängigkeit der Zentralbank und einen schlanken Staat. Zu guter Letzt ist sie auch noch Mitglied der Assembleia de Deus, einer evangelikalen, konservativen Pfingstkirche. "
nightwarrior 03.10.2014
4. Wunschkandidatin der USA
Frau Silva ist Wunschkandidatin der USA. Ihr Marktliberalismus und ihr Faible für Privatisierungen sind genau das, was den USA nützt. Dazu ist sie eng vernetzt mit Gruppierungen, die aus den USA finanziert und gesteuert werden. Sie ist zudem gegen die Zusammenarbeit der BRICS Staaten, aber für mehr Zusammenarbeit mit den USA. Ziel der US-Spekulanten ist der staatliche Energiekonzern Petrobras und damit die Kontrolle über Brasilien. Die Bürger haben also die Wahl zwischen Unabhängigkeit oder US-Vasallentum.
bepekiel 03.10.2014
5. Staatspräsident
Eigentlich ist es egal wär Staatspräsident wird, Rousseff oder Marina. Der gewählte Staatspräsident braucht Mehrheiten in den beiden Kammern (Congresso). Insofern sind die Ergebnisse der Parlamentswahl und bei der Wahl der Senatoren noch wichtiger. Denn unter den Abgeordneten muss sich der Staatspräsident bzw. Präsidentin eine Mehrheit suchen, d.h. Kompromisse eingehen etc., denn die PT alleine schafft es nicht genug Parlmentarier zu wählen und dann sind auch noch die versch. Richtungen (correntes) in der PT, die sich teiulweise gegenseitig blockieren.
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