Brasiliens Fußballer und die Proteste "Pelé, halt den Mund"

Brasiliens Fußballhelden leiden mit bei den Demonstrationen in ihrer Heimat, einige mischen sich sogar ein. Viele kennen die Alltagsnöte des Volkes, sie entstammen oft selbst einfachen Verhältnissen. Doch ausgerechnet Überidol Pelé macht sich unbeliebt.

REUTERS

Mit Brasiliens Mächtigen hat sich Pelé schon immer gut arrangiert. Die Militärdiktatur verteidigte der Weltfußballer der 20. Jahrhunderts einst mit dem Satz "Das Volk kann nicht wählen". Später konvertierte er zum lupenreinen Demokraten, diente der Mitte-Rechts-Regierung unter Präsident Fernando Henrique Cardoso ein paar Jahre lang als Sportminister - und outete sich schließlich nach der Amtsübernahme durch den Mitte-Links-Führer Lula da Silva als Fan des neuen Staatschefs. Die Brasilianer haben ihrem Helden alles verziehen. Nun aber, da die größten Demonstrationen seit Jahrzehnten durch das Land ziehen, prangern sie Pelé an für seine Nähe zur Politik. Wegen eines Videos.

"Vergessen wir dieses ganze Chaos, das in Brasilien geschieht, und denken wir daran, dass das brasilianische Team unser Land, unser Blut ist", verkündete Pelé am Mittwoch in einer Videobotschaft für den Fernsehsender Globo. Das Volk solle nun aufhören mit den Protesten und sich darauf konzentrieren, die Mannschaft zu unterstützen: "Ich bitte die Brasilianer, nicht die Themen durcheinanderzubringen. Wir beginnen gerade, uns auf die Weltmeisterschaft vorzubereiten."

Seit der Ausstrahlung dieses Videos ergeht ein Shitstorm über Pelé. Zehntausende, Hunderttausende machen ihrem Ärger über das Idol auf Facebook und Twitter Luft, nennen ihn einen "Verräter" und "Vertreter des Großkapitals". Bei der großen Demonstration in Rio de Janeiro gestern Abend schwenkten Protestler Transparente gegen ihn. In Belo Horizonte skandierten sie "Pelé, verpiss dich".

Auch andere prominente Kicker nehmen den einstigen Volkshelden nun ins Visier. "Pele, halt den Mund", verkündete Romario, Star der Weltmeistermannschaft von 1994 und mittlerweile selbst Politiker der Sozialistischen Partei Brasiliens, die Präsidentin Dilma Rousseff mit ins Amt wählte. Jetzt aber prangert er die Regierung an - ebenso wie fast alle anderen prominenten Fußballer, die sich zu den Massenkundgebungen äußern.

"Ich bin 100 Prozent für Gerechtigkeit in Brasilien"

Rivaldo etwa, Weltmeister 2002, spricht von "einer Schande, dass die WM in Brasilien stattfindet, mit solchen Ungleichheiten, mit Menschen, die Hunger leiden". Neymar, der Star der heutigen Mannschaft schreibt via Instagram, er sei "traurig" über die Zustände im Land. "Ich habe immer geglaubt, dass es nicht nötig wäre, auf die Straße zu gehen, um ein besseres Gesundheits- und Bildungswesen zu bekommen […] Ich will ein gerechteres, sichereres, ehrlicheres Brasilien." Auch seine Teamkollegen Alves, Hulk und David Luiz bekunden Solidarität mit den Demonstranten. Und der einstige Mittelfeldstar Juninho schlägt sogar vor, die Fans sollten beim Abspielen der Nationalhymne im Stadion dem Feld den Rücken zuwenden. Brasiliens Fußballhelden kennen die Alltagsnöte des Volkes; sie entstammen ja meist selbst einfachen Verhältnissen. Wie auch Pelé.

Der berühmteste aller Brasilianer übt sich nun in Schadensbegrenzung. "Versteht mich nicht falsch", schreibt er in einer Erklärung auf seiner Facebook-Seite. Er habe nur das Volk gebeten, die Nationalmannschaft zu unterstützen und nicht den Frust an ihr auszulassen. "Ich bin 100 Prozent für diese Bewegung für Gerechtigkeit in Brasilien!" Seine Fans werden ihm die Kehrtwende wohl wieder abnehmen: Allein auf Facebook hat Pelé 1,7 Millionen Freunde. Trotz allem.

che

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insgesamt 27 Beiträge
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Crom 21.06.2013
1.
Oh, da hat jemand eine andere Meinung und soll gleich den Mund halten Tolle Demokraten sind das.
Kawee 21.06.2013
2. Fußballer trainieren
in der Hauptsache Füße und Beine, da kommt der Geist manchmal etwas zu kurz.
privat78 21.06.2013
3. optional
Für Gerechtigkeit sollten sich auch deutsche Fußballer einsetzen, anstatt Mutti in der Kabine zu empfangen.
Hörbört 21.06.2013
4. #3 Stromlinienform beachten!
Das geht nicht, denn der Inhaber und Generalbevollmächtigte der Marke Bierhoff, Herr Oliver Bierhoff, ist im Nebenberuf provisionsberechtigter Marketingprokurist für die Nationalmannschaft und kann einer etwaigen Verstimmung von Werbepartnern durch Thematisierung von Problemen in der heilen Nutella-World nichts abgewinnen.
DerAntiShitstorm 21.06.2013
5. Bare Münze
Na, man muss aber die Kirche doch im Dorf lassen, oder? "Hundertausende" sind und bleiben ein Shitstorm, zu deutsch also ein Scheißhaufen, auch vom Volumen her, denn gefühlte 95 Prozent der Brasilianer finden den Protest gegen eine Fußball-WM zum Kotzen. Ihr Online-Medien neigt zu sehr dazu, die Online-Welt für bare Münze zu nehmen, aber hier tummeln sich nicht nur die echten Päderasten, sondern auch die Politpäderasten. Und nichts anderes ist der Shitstorm, der nicht etwa eine "Meinung" repräsentiert, gar eine "Volksmeinung", sondern digitalisierten Wahnsinn von in virtuellen Welten lebenden und von der realen Welt ausgeschlossenen Ballerspielern. Don't forget...
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