Brasiliens indigene Völker Blutiger Kampf um den Urwald

Rücksichtslos zerstören Farmer und Holzfäller in Brasilien das Land der Ureinwohner. Die Stämme kämpfen für ihre Rechte, doch Hunderte Indianer wurden schon ermordet. Der Asháninka-Führer Benki Piyãko sucht eine friedliche Lösung - in Deutschland.

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Moisés Moreira

Weimar - Rot werden die Augen von Benki Piyãko am Dienstag bemalt sein, schwarze Striche werden die Flügel eines Kolibris darstellen. Piyãko stammt aus dem Amazonas-Gebiet im Westen Brasiliens, er gehört dem Volk der Asháninka an. Je nach Anlass wählen sie eine andere Gesichtsbemalung. Am Dienstag will Piyãko in Deutschland als Bote auftrete, für seine Heimat, seine Leute und seinen persönlichen Traum. Es ist ein besonderer Tag: Weimar würdigt seine Arbeit mit dem Menschenrechtspreis der Stadt.

"Wissen des Urwalds" heißt das Ausbildungszentrum, das Piyãko seit sechs Jahren in der brasilianischen Region Acre leitet. Indigene und ihre nicht-indigenen Nachbarn arbeiten hier gemeinsam an Projekten und in Kursen für umweltfreundliche Landwirtschaft. Piyãko, 39, lebt mit seinem Stamm von 600 Menschen am Amônia-Fluss. Er will seine Leute nicht abschotten, er will sie und ihren Lebensraum beschützen, indem er mit der Außenwelt spricht, Respekt und Verständnis einfordert für ihre Kultur.

Es ist eine friedliche, eine gefährliche Arbeit. Das Asháninka-Gebiet ist - wie die Territorien vieler Ureinwohner - zwar geschützt. 305 Stämme gibt es in Brasilien, sie sprechen 274 Sprachen. Ihre Schutzräume werden aber immer stärker bedroht, oft endet das in blutiger Gewalt.

Bedroht von Holzfällern, Farmen, Großprojekten

Die Ureinwohner protestieren gegen die Rodung des Waldes. Jede Minute wird in Brasilien laut der Umweltschutzorganisation WWF Regenwald in der Größe von eineinhalb Fußballfeldern zerstört. Auch die Agrarindustrie dringt in ihre Gebiete ein, will Soja und Mais anbauen. Bergbaufirmen gieren nach den Rohstoffen in den Reservaten.

Infrastrukturprojekte bedrohen darüber hinaus den Lebensraum der Völker: Das energiehungrige Brasilien will immer mehr Flüsse aufstauen und Gebiete fluten, um Strom zu gewinnen. Auch die Asháninka mussten das erfahren. Viele von ihnen leben in Dörfern in Peru, das dort geplante und erst nach großen Protesten gestoppte Staudammprojekt Pakitzapango hätte zehntausend von ihnen vertrieben.

Viele Indianer wollen die Ausbeutung ihrer Naturschätze nicht mehr hinnehmen. Im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul haben sie rund 80 Farmen besetzt. Sie berufen sich darauf, dass ihnen das Land zugesprochen, aber bislang nicht übergeben wurde. Sie organisieren sich per Facebook, stürmten die Ländereien. Die Farmer wollen von der Regierung entschädigt werden, das ist bislang nicht geschehen. Viele haben sich bewaffnet. Ein Indianer wurde im Juni in der Ortschaft Sidrolândia erschossen. "Wenn sie weitere Gebiete besetzen, wird es Schusswechsel geben, und niemand weiß, wie das endet", droht die Acrissul, die Vertretung der regionalen Rinderzüchter. Die Regierung hat nun Sicherheitskräfte entsandt, die weitere Gewalt verhindern sollen.

564 Indigene wurden in den vergangenen zehn Jahren in Brasilien ermordet, 319 allein in Mato Grosso do Sul. Im Februar dieses Jahres erschossen drei Farmwächter einen 15-Jährigen, der auf dem Gelände fischen wollte. Nur in wenigen Fällen gab es Prozesse, um die Täter zu bestrafen.

"Gut, dass sie mich noch nicht ermordet haben"

Auch Piyãko von den Asháninka hat Morddrohungen erhalten. "Seit ich ein Kind bin, werde ich bedroht, mit Messern, mit Pistolen. Gut, dass sie mich noch nicht ermordet haben", sagt er trocken. Vor vier Jahren wurde er in der Stadt Marechal Thaumaturgo angegriffen. Eine Gruppe von Männern bedrängte ihn, verletzte ihn mit einem Messer an den Augenbrauen. Einer hielt ihm ein Messer an die Kehle.

Umweltschützer glauben, dass die Konflikte um das Amazonas-Gebiet zunehmen könnten. Die Agrarlobby ist mächtig und macht Druck auf die Regierung. Ihr nahestehende Abgeordnete haben einen Verfassungszusatz ins brasilianische Parlament eingebracht, der die Kompetenzen der Indianerbehörde Funai beschneiden soll. Weiße Farmer wollen so die Grenzziehung von Reservaten beeinflussen.

Das neue Waldgesetz der Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff sieht zudem eine rückwirkende Amnestie für illegale Rodungen vor. Vorgeschriebene Schutzwälder rund um Gewässer wurden stark verkleinert.

Die Regierung, sagt Piyãko, hat beim Schutz von Ureinwohnern versagt. "Wenn sie nichts tut, wird es große, gewaltsame Proteste geben, um die Gebiete zu schützen."

Er glaubt dennoch weiter an einen friedlichen Weg, träumt von einer Universität im Urwald, dort, wo jetzt sein Ausbildungszentrum im Dorf Apiwtxa steht. "Wir wissen, dass uns großes Unheil droht, wenn wir das Leben heute nicht ändern, wenn wir unsere Umwelt nicht schützen. Wir haben eine Verantwortung für unsere Kinder", sagt er und meint damit nicht nur sein eigenes Volk.



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