Brasiliens Präsidentin Rousseff Böse Worte - bessere Zeiten?

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff wurde beim WM-Auftaktspiel unflätig beschimpft. Umfragen suggerieren nun, dass dies der Wendepunkt für die umstrittene Politikerin sein könnte: Es regt sich Mitleid.

DPA

Aus Rio de Janeiro berichtet


Als Neymar weinte, war Brasiliens Präsidentin noch in der Luft. Sie hat am Dienstag US-Vizepräsident Joe Biden empfangen, anschließend besuchte sie das Katastrophengebiet im Süden des Landes, wo nach verheerenden Regenfällen riesige Landflächen überflutet sind. Nun war sie auf dem Rückweg nach Brasília, beim zweiten WM-Spiel der brasilianischen Nationalelf hat Rousseff auf einen Stadionbesuch verzichtet.

Neymar, der junge Superstar der "Seleção", war in Tränen ausgebrochen, während Zigtausende im WM-Stadion im Fortaleza die Nationalhymne schmetterten und nicht aufhören wollten, als die Musik schon längst abgedreht war. Fernsehkameras zeigten glückliche Fans in ihren gelben Trikots, im Stadion wurde gejubelt und gefeiert, als habe die "Seleção" gerade ein fantastisches Spiel gemacht. Dabei endete die Partie gegen Mexiko später mit einem kraftlosen 0:0.

Fünf Tage zuvor war es beim WM-Auftaktspiel in São Paulo zu unschönen Szenen gekommen. Auf der Großbildleinwand wurde die Präsidentin auf der Tribüne kurz gezeigt, dann schallten obszöne Chorgesänge durch das Stadion. Vier Mal musste die Politikerin der Arbeiterpartei PT die sexuellen Anspielungen ertragen. Möglicherweise wünschte sie sich in diesem Augenblick das Pfeifkonzert zurück, das sie im vergangenen Jahr beim Confed Cup zu hören bekommen hat.

"Beschimpfungen, die Kinder nicht hören sollten"

Rousseff steht seit Monaten in der Kritik. Ihr werden die immensen Kosten der WM angelastet, die nicht erfüllten Versprechen von mehr Sicherheit und besserer Infrastruktur, die lahmende Wirtschaft. Eigentlich alles, was in Brasilien schiefläuft. Es werden schon Witze darüber gemacht: Ein Eigentor? Dilma ist schuld. Reifen platt? Dilma ist schuld. Milch ist aus? Dilma… Wohl nur die Fifa hat derzeit ein schlechteres Image.

Doch nach der Schmutzattacke fragen sich viele Brasilianer: Was muss diese Frau fühlen, die vor den Augen der Welt in dieser Weise beschimpft wird? Und: Ist unser Volk wirklich so grob?

Rousseff selbst hat zu dem Vorfall gesagt, sie wolle sich durch die Beleidigungen nicht beeinträchtigen lassen, diese spiegelten nicht die Meinung der brasilianischen Bevölkerung wider. Das Volk sei "zivilisiert, gutmütig und gebildet". Sie habe schon andere "extrem schwierige" Situationen gemeistert und werde sich "nicht einschüchtern" lassen von unflätigen Beschimpfungen, die "Kinder und Familien nicht hören sollten".

Umfragen haben ergeben, dass die grobe Attacke dem Ansehen der Ungeliebten wohl eher genutzt haben könnte, berichtet die konservative Zeitung "Estadão". Viele Bürger zeigten demnach Mitgefühl mit dem Opfer. Nach diesem Tiefpunkt könnte es jetzt wieder aufwärts gehen, heißt es.

Rousseff will im Herbst bei der Wahl ihre Präsidentschaft verteidigen. Doch sie kämpft seit Monaten gegen die Wut im Land, und die Umfragewerte ihrer beiden Konkurrenten legen zu.

Rousseff liegt derzeit bei 38 Prozent, der Sozialdemokrat Aécio Neves (Partei PSDB) bei 22 Prozent und der Sozialist Eduardo Campos (PSB) bei 13 Prozent, meldet das Magazin "Veja". Das Magazin "Isto É" sieht Rousseff sogar bei nur noch 34 Prozent, Neves bei 24 und Camps bei 11 Prozent. In Brasilien herrscht Wahlpflicht, der Umfrage zufolge wollen mehr als 30 Prozent einen leeren Stimmzettel abgeben.

Falls bei der Wahl keiner der Kandidaten eine absolute Mehrheit erreicht, kommt es am 26. Oktober zu einer Stichwahl zwischen den beiden bestplatzierten Kandidaten.

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Seite 1
xxbigj 18.06.2014
1. optional
Richtig So! Die Brasilianische Nationahymne wird ausgeschaltet, als Protest gegen die Regierung und als Zeichen für die Macht des Volkes! Politiker haben nichts bei Fußballspielen zu suchen! Das ist ein billiger Publicity Trick um sich beliebt zu machen! Da sollten die es auch abkönnen wenn sie ausgebuht werden! Oder beleidigt! Das sind ja nicht Deutsche sondern Brasillianer die sagen ihre Meinung auch mal laut. Da können die Regierungssprecher und die Medien auch nicht mehr tricksen, wenn die ganze Welt Live zusieht!
karlsiegfried 18.06.2014
2. Unflätig beschimpft?
Die arme Frau, dem Grunde nach wird auch sie kräftig an der WM verdient haben. Dafür werden die wirklich Armen in Brasilien wie der letzte Dreck behandelt. Jeder Katze geht es in Deutschland besser.
hobbyleser 18.06.2014
3. Das kann auch nach hinten losgehen..
Zitat von xxbigjRichtig So! Die Brasilianische Nationahymne wird ausgeschaltet, als Protest gegen die Regierung und als Zeichen für die Macht des Volkes! Politiker haben nichts bei Fußballspielen zu suchen! Das ist ein billiger Publicity Trick um sich beliebt zu machen! Da sollten die es auch abkönnen wenn sie ausgebuht werden! Oder beleidigt! Das sind ja nicht Deutsche sondern Brasillianer die sagen ihre Meinung auch mal laut. Da können die Regierungssprecher und die Medien auch nicht mehr tricksen, wenn die ganze Welt Live zusieht!
Wie sie sehen, kann das auch nach hinten losgehen. Auch niemand bei gesundem Menschenverstand kauft Merkel ihre gekünstelte Fußballbegeisterung ab. Es ist und bleibt ein risikobehafteter Cross-Marketing-Trick. Beim letzten Public Screening wurde Merkel auch eingeblendet und sowohl die deutschen als auch die portugiesischen Fans, sowie der Rest der Menge haben sie ausgebuht.
Dogbert 18.06.2014
4. Wen wunderts
Zitat von hobbyleserWie sie sehen, kann das auch nach hinten losgehen. Auch niemand bei gesundem Menschenverstand kauft Merkel ihre gekünstelte Fußballbegeisterung ab. Es ist und bleibt ein risikobehafteter Cross-Marketing-Trick. Beim letzten Public Screening wurde Merkel auch eingeblendet und sowohl die deutschen als auch die portugiesischen Fans, sowie der Rest der Menge haben sie ausgebuht.
Die Ukraine brennt, im Irak herrscht Bürgerkrieg, aber Mutti sitzt sich in Brasileien den Hintern breit. Offenbar gibt es für sie nix wichtigeres als dreizehn verschwitze Jungspunde in der Umkleide zu belästigen.
shiwo 18.06.2014
5.
Zitat von karlsiegfriedDie arme Frau, dem Grunde nach wird auch sie kräftig an der WM verdient haben. Dafür werden die wirklich Armen in Brasilien wie der letzte Dreck behandelt. Jeder Katze geht es in Deutschland besser.
Ich lebe 37 Jahre in Suedamerika. Um keinen Preis der Welt moechte ich in Deutschland leben.
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