Streit über Geburtsstätte in Braunau Nachbar Hitler

Braunau tut sich schwer damit - aber hier steht Hitlers Geburtshaus. Weil der Bürgermeister vorschlug, das leerstehende Gebäude für Wohnungen zu nutzen, ist in der österreichischen Stadt politischer Streit ausgebrochen. Manche wollen eine Gedenkstätte, andere wünschen sich das Haus einfach weg.

AP

Aus Braunau berichtet


Die Bushaltestelle liegt direkt vor der Tür, nebenan ist eine Versicherungsagentur eingezogen, Zagler's Naturladen verkauft auf der anderen Straßenseite Bioware, und trotzdem wird diese Adresse in der oberösterreichischen Stadt Braunau nie eine gewöhnliche werden: Salzburger Vorstadt 15.

Ein gelb gestrichener zweistöckiger Bau mit einer schweren Holztür, die Fenster im Erdgeschoss sind mit Metallgittern gesichert. Auf dem Gehweg wirbt ein Mahnstein für "Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit" und erinnert an die Geschichte des Hauses - schon vor seiner Aufstellung im Jahr 1989 kannte sie jeder Braunauer: Hier wurde am 20. April 1889 Adolf Hitler geboren.

Das Haus steht nach dem Auszug einer Werkstätte für Behinderte seit einer Weile leer, und damit haben wohl die Probleme von Johannes Waidbacher begonnen. Zuletzt machte sich der Bürgermeister Gedanken über die künftige Nutzung der Immobilie, die der Staat Österreich seit Jahren von einer alten Dame mietet. Es muss ein geschichtsvergessener Moment im Leben des ÖVP-Politikers gewesen sein, als er sich vom "Standard" mit den Worten zitieren ließ, dass man keine weitere Gedenkstätte benötige. Davon gebe es bereits viele, überhaupt habe Hitler lediglich drei Jahre in Braunau gelebt. "Wir sind daher als Stadt Braunau nicht bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist", sagte Waidbacher demnach und sprach sich für eine herkömmliche Nutzung des Hauses aus. "Wohnungen wären an dem Standort mit Sicherheit leichter umzusetzen."

"Hitler apartments?"

Das Echo auf die Worte des Bürgermeisters war beträchtlich, vor allem im Ausland. "Hitler apartments?", fragte die "Washington Post", es gab Hunderte Berichte, unter anderem von der "New York Times", der "Daily Mail", dem "Corriere della Sera" und "The Times of Israel". Waidbacher spricht seitdem nicht mehr gern mit Journalisten, anders ist seine Zurückhaltung kaum zu interpretieren, auch wenn die Dame im Rathaus auf die zahlreichen anderen Verpflichtungen ihres Chefs verweist. "Die vielen Termine."

Der Bürgermeister hat mit seinem Vorstoß aber auch in seiner eigenen Stadt für reichlich Stirnrunzeln gesorgt: Sein Stellvertreter, Günter Pointner, lehnt den Vorschlag Waidbachers offen ab. Der SPÖ-Politiker ist besorgt, dass Neonazis das Haus beziehen könnten, sollten dort Wohnungen entstehen: "Die Wohnungsidee ist viel zu gefährlich", sagt Pointner. Die Grünen machen sich dafür stark, das Haus als Mahnstätte zu nutzen: "Wir haben die Verpflichtung, das Gebäude im Sinne einer Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zu nutzen", sagt Manfred Hackl, Fraktionschef der Grünen im Gemeinderat.

Es gäbe sogar ein Konzept dafür. "Haus der Verantwortung", so lautet die Idee von Andreas Maislinger, dem wissenschaftlichen Leiter der Braunauer Zeitgeschichte-Tage. Aber selbst wenn sich die Verantwortlichen für diese Variante entscheiden würden, wäre sie nicht ohne weiteres umzusetzen. Denn ohne das Einverständnis der Besitzerin des Hauses geht nichts, und Gerlinde P. schweigt beharrlich. In Braunau erzählt man sich die Geschichte, dass das zuständige Innenministerium nach mehreren erfolglosen Anfragen zwischenzeitlich den Verdacht hatte, die alte Dame sei verstorben.

Für die Besitzerin ist das Hitler-Haus ein lukratives Geschäft

Tatsächlich ist eine Kontaktaufnahme mit Gerlinde P. für Außenstehende praktisch unmöglich. Auch ihr Anwalt gibt sich wortkarg: "Ich kann Ihnen in dieser Angelegenheit keine Auskunft erteilen."

Für Gerlinde P. ist das Hitler-Haus offenbar ein lukratives Geschäft, so viel ist von Leuten zu erfahren, die sich schon seit längerem mit der Angelegenheit befassen. Demnach erhält sie für die Immobilie in der Salzburger Vorstadt eine monatliche Miete in Höhe von rund 5000 Euro. Zuletzt war eine Werkstätte für Behinderte in dem Haus untergebracht. Sie zog 2011 aus, weil die Besitzerin Modernisierungsarbeiten ablehnte.

Gerlinde P. soll sich auch gegen eine Mahntafel an der Fassade gewehrt haben. Deshalb entschied sich die Stadt für den Stein auf dem öffentlichen Gehweg. Der Name Hitlers wird darauf nicht erwähnt, das wirkt seltsam verdruckst - und dennoch lässt sich der Stadt kaum vorwerfen, sie kümmere sich nicht um die Aufarbeitung ihrer Geschichte. Jahrzehntelang hat sich die gesamte Republik mit einer offenen Debatte über den Nationalsozialismus schwergetan und sich als Opfer der Aggressionspolitik der Nazis gesehen. Erst die Affäre um Kurt Waldheim in den achtziger Jahren brachte Bewegung in die Sache. Auch Braunau stellt sich inzwischen der Vergangenheit. Der Verein für Zeitgeschichte organisiert seit Jahren die Braunauer Zeitgeschichte-Tage, im Stadtzentrum gibt eine Informationstafel Auskunft über das Hitler-Haus.

Und trotzdem kommen weiter die neugierigen Touristen mit Kameras nur für dieses eine Bild: sie vor dem Hitler-Haus. Vielleicht reagieren manche Braunauer auch deshalb barsch und abwehrend, wenn sie auf das historische Gebäude angesprochen werden. Schon wieder und immer noch Hitler. "Es soll jetzt einfach mal a Ruh' sein", sagt etwa eine Frau auf der Straße. Immerhin: Die Hitler-Souvenirs von instinktlosen Geschäftsleuten sind längst Vergangenheit.

"Braunau ist durch den Namen Hitler gebrandmarkt"

Nur zwei Wochen lebte Hitler in seinem Geburtshaus, dann zog die Familie des Zollbeamten Alois Hitler und seiner Frau Klara innerhalb der Stadt um, drei Jahre später siedelten sie nach Passau über - und trotzdem wird Braunau vor allem mit dem größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts in Verbindung gebracht. "Braunau ist durch den Namen Hitler gebrandmarkt", sagt Gerhard Herlbauer. Früher war der Rentner manchmal beruflich in den USA unterwegs, es gab dann Sprüche und Witze, wenn er auf die Frage nach seiner Heimat Braunau nannte. Herlbauer vermied später bei entsprechenden Fragen eine präzise Antwort und sagte stattdessen, dass er "aus der Nähe von Salzburg" komme.

Noch ist offen, was künftig mit dem Hitler-Haus geschehen wird. Neben dem Wunsch nach einer Gedenkstätte gibt es auch den, wieder eine Sozialeinrichtung in dem Gebäude unterzubringen. Das Innenministerium könnte nur dann frei über das Haus verfügen, wenn es sich mit der Besitzerin über Änderungen im Mietvertrag einigt oder die Frau das Haus verkauft.

Den Braunauer Lokalpolitikern wird kaum noch zugetraut, dass sie das Problem allein lösen können: "Die lokalen Verantwortlichen in Braunau haben sichtlich kaum genug Erfahrungen mit internationalen Sensibilitäten, um wirklich abschätzen zu können, welche Wirkung eine Debatte um Hitlers Geburtshaus haben kann", sagt Ferdinand Trauttmansdorff, Ex-Vorsitzender der Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research (ITF).

Man könne das Haus aus dem 17. Jahrhundert doch einfach abreißen, findet eine Braunauerin, die ihren Namen nicht gedruckt sehen möchte. Diesen Wunsch wird ihr niemand erfüllen: Es steht unter Denkmalschutz.



insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
sappelkopp 24.10.2012
1. Für Wohnungen, das war wohl nichts...
Zitat von sysopAPBraunau leidet unter einem Trauma - hier steht Hitlers Geburtshaus. Weil der Bürgermeister vorschlug, das leerstehende Gebäude für Wohnungen zu nutzen, ist in der österreichischen Stadt politischer Streit ausgebrochen. Manche wollen eine Gedenkstätte, andere wünschen sich das Haus einfach weg. Braunau streitet über die Verwendung des Hitler-Geburtshauses - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/braunau-streitet-ueber-die-verwendung-des-hitler-geburtshauses-a-862724.html)
...mein Rat an die Nachbarn: Schubst das Ding um und gut ist.
peddersen 24.10.2012
2.
Abreissen? Man kann es auch übertreiben - was kann das Haus dazu, wer in ihm gewohnt hat? Und daß manche Bescheuerten dahinpilgern? Was sich im übrigen bei einer sachlichen Behandlung des Themas durchaus wieder legen wird. Die ist aber genau bei DIESEM Thema nicht in Sicht - nirgendwo.
susuki 24.10.2012
3. Gute idee
Zitat von sappelkopp...mein Rat an die Nachbarn: Schubst das Ding um und gut ist.
Ansonsten ist der Meistbietende eine Rechtslastige Organisation/Privatperson und veranstaltet "Gedenktage" Unerträglich der Gedanke
menschärgerdich 24.10.2012
4. an den Meistbietenden
Man sollte das Haus versteigern,bestimmt gibt es weltweit sehr viele steinreiche Interessenten.
martin-z. 24.10.2012
5. was kann das
Zitat von peddersenAbreissen? Man kann es auch übertreiben - was kann das Haus dazu, wer in ihm gewohnt hat? Und daß manche Bescheuerten dahinpilgern? Was sich im übrigen bei einer sachlichen Behandlung des Themas durchaus wieder legen wird. Die ist aber genau bei DIESEM Thema nicht in Sicht - nirgendwo.
haus dazu?????? glauben sie stein holz und mörtel haben gefühle?
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