US-Portal "Breitbart News" Programm: Brandstiftung

Steve Bannon wird Chefstratege des nächsten US-Präsidenten. Wer wissen will, wie er tickt, muss sich mit der Webseite "Breitbart" beschäftigen. Bannon etablierte das Portal als Plattform einer neuen, ultrarechten Bewegung.

AFP

Von , Washington


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


In einer Talkrunde des TV-Senders CNN sollte Joel Pollak folgende Frage beantworten: Ist Steve Bannon, Macher des Portals "Breitbart News" und Chefstratege des nächsten US-Präsidenten Donald Trump, ein Sexist, ein Antisemit, ein Vertreter der amerikanischen Neofaschisten, der sogenannten Alt Right?

"Steve Bannon ist ein Held", antwortete "Breitbart"-Redakteur Pollak. "Er hat Donald Trump die Wahl gerettet", Amerika sei Steve Bannon "zu tiefstem Dank verpflichtet".

Dann fertigte Pollak im Stakkato die "Verunglimpfungen" ab, mit denen Bannon derzeit "überzogen" werde. Es sei lächerlich, Bannon einen Antisemiten zu nennen. Er selbst, sagte Pollak, sei schließlich orthodoxer Jude. Er arbeite seit mehr als vier Jahren mit Bannon zusammen, der behandele alle Menschen gleich und habe "nicht einen Funken Vorurteil in sich".

Pollaks Verteidigungsrede, die am nächsten Tag auf "Breitbart" gepriesen wurde ("Joel Pollak nimmt es mit drei CNN-Experten auf"), fügt sich ein in das laufende Programm des Portals.

Dort sind zuletzt mehrere Artikel erschienen, die offensichtlich eine Imagepolitur des Trump-Beraters zum Ziel haben. Steve Bannon ein Antisemit? Lächerlich, heißt es auf "Breitbart". Steve Bannon homophob? "Die Medien lügen Sie wieder mal an", schreibt der rechtskonservative Blogger Jim Hoft, der sich kürzlich als schwul outete, auf "Breitbart". Bannon habe "nicht einen Funken" Homophobie in sich.

"Breitbart" macht, was es immer macht, wenn dem Portal vorgeworfen wird, Hass zu verbreiten: abstreiten, zur Gegenattacke übergehen. Man kennt diese Strategie aus dem US-Wahlkampf - von Donald Trump. Dessen Reaktion, wenn man ihn mit seinem Sexismus konfrontierte: "Niemand hat größeren Respekt vor Frauen als ich."

Zentrale Figur bei "Breitbart" ist Stephen K. "Steve" Bannon, genannt "Trumps Gehirn". Bannon übernahm die Plattform 2012 als geschäftsführender Verwaltungsratsvorsitzender der Breitbart News LLC, nach dem plötzlichen Tod ihres Gründers, Andrew Breitbart, und machte aus einem obskuren Hass-Sammelbecken das mittlerweile meistbeachtete Hass-Sammelbecken der USA.

Im Wahlkampf war die Seite die Informationsquelle für viele Trump-Wähler, die großen Medienportale hatten überwiegend Hillary Clinton unterstützt.

Stephen "Steve" Bannon (l.)
REUTERS

Stephen "Steve" Bannon (l.)

"Breitbart" steigerte seine Reichweite in den vergangenen Jahren kontinuierlich, im September 2016 verzeichnete die Seite rund 16 Millionen Unique User. Das liegt zwar weit hinter Medien wie "New York Times" oder "Washington Post", doch in den sozialen Medien hat "Breitbart" zu etablierten Sendern und Magazinen aufgeschlossen. In der langen Wahlnacht des 8. November übertrumpfte das Portal in puncto Facebook-Interaktionsrate selbst Fox News, CNN und die "New York Times".

Das Forum als Tummelplatz der Hasser

Fremdenhass, LGBTQ-Hass, Frauenhass, Rassismus finden bei "Breitbart" ungefiltert Ausdruck. Wer liberale Positionen bezieht, gehört zum Establishment, zur Lügenpresse (auf Amerikanisch MSM, Mainstream Media).

Viele Artikel bei "Breitbart" funktionieren wie in diesem Beispiel: Die Überschriften signalisieren ihre Wichtigkeit in Großbuchstaben ("LENA DUNHAM BITTET PAUL RYAN: BITTE NICHT STEVE BANNON!"), dann kommt ein kurzer, neutral gehaltener Bericht (in diesem Fall über die US-Schauspielerin, die den Sprecher der republikanischen Partei auffordert, gegen die Berufung Steve Bannons vorzugehen).

Erst im Forum entlädt sich der Hass auf die "liberale Bitch" Dunham, übelste Beschimpfungen wie "Schwein", "durchgeknallte Kuh" werden ebenso unzensiert veröffentlicht wie Posts mit dem Wunsch, Dunham möge nach Somalia deportiert werden, wo "schwarze Muslime" sie sich dann vornähmen.

Andere Artikel sind offen tendenziös: Hillary Clinton wird am Dienstagabend auf "Breitbart" mit der Story nachgerufen: "ZUSAMMENBRUCH IN DER WAHLNACHT: HILLARY CLINTON BRÜLLTE OBSZÖNITÄTEN UND WARF MIT SACHEN UM SICH", mehr als 3000-mal wird der Beitrag im Forum kommentiert, Tenor: "Hillary wird sich demnächst zu Tode saufen."

breitbart.com
Breitbart.com

breitbart.com

Die einseitige Themenauswahl und Präsentation der Storys haben einen kalkulierten Effekt, sie akkumulieren Sexismus, Xenophobie, Islamophobie, Rassismus, Antisemitismus - Hass.

Sein "Mantra" verriet Steve Bannon 2015 dem Journalisten Joshua Green: "facts get shares, opinions get shrugs", Fakten werden weiterverbreitet, Meinungsstücke ernten dagegen nur ein Schulterzucken. Je neutraler "Breitbart" in der Wortwahl seiner redaktionellen Beiträge also erscheint, desto effektiver ihre Wirkung.

"Breitbart Media trug dazu bei, den politischen Diskurs in den USA neu zu definieren", schreibt der Autor Ken Stern über die Webseite. Es geht ausschließlich um Provokation. Der verstorbene Gründer Andrew Breitbart sagte einst dem Magazin "New Yorker": "Ab und zu beschimpfe ich jemanden gerne mal als irre F...e, wenn es passt, nur für die Wirkung."

Joshua Green, der sein Bannon-Porträt mit "Dieser Mann ist der gefährlichste politische Agent Amerikas" überschrieb, konstatiert die grenzenlose Lust am Zündeln auch bei Bannon. Der sei gegen alles - wofür er aber eintritt, ist schwer auszuloten. "Wenn es irgendwo eine Explosion gibt oder ein Feuer", wird "Breitbart"-Redakteur Matthew Boyle von Green zitiert, "dann ist wahrscheinlich Steve in der Nähe mit Streichhölzern." Der frühere "Breitbart"-Redakteur Ben Shapiro, der die Seite im Streit verließ, konstatiert: "Trump hat keine Grundwerte, und ich glaube nicht, dass Steve welche hat."

Der Macher ging nach Harvard, war Investmentbanker

Steve Bannon gebe den Ton und die Themen der Seite vor "wie ein Diktator", so der ehemalige Sprecher des Portals, Kurt Bardella.

Bannon und der (damals noch) Kandidat Trump am 2. November 2016
Getty Images

Bannon und der (damals noch) Kandidat Trump am 2. November 2016

Mit seiner Zielgruppe scheint den Macher zunächst nicht viel zu verbinden, "als Harvard-Absolvent und einstiger Investmentbanker bei Goldman Sachs ähnelt Bannon den Vertretern des Establishments, die das 'Breitbart'-Publikum so hasst", schreibt Ken Stern. Was Bannon und die "Breitbart"-Konsumenten allerdings eine, sei die Neigung zu Kontroverse und Konfrontation. Als der "Breitbart"-Star Milo Yiannopoulos im Sommer bei Twitter gesperrt wurde, weil er die Schauspielerin Leslie Jones mit rassistischen Tweets überzogen hatte, reagierte Bannon laut Kern ihm gegenüber so: "Hast du das von Milo gehört? Großartig." (Lesen Sie hier einen Essay über Yiannopoulos von Laurie Penny.)

Yiannopoulos veröffentlichte gemeinsam mit Allum Bokhari im Frühjahr 2016 einen Beitrag, der die Ideen der "Alt Right" zusammenfasste und pries. Der Artikel beschreibt die Bewegung als Kampfansage an verbrauchte Konservative. (Liberale sowieso) Globalisierung, und Freihandel werden ebenso verächtlich gemacht wie die Werte einer liberalen Gesellschaft, also Toleranz, Respekt, Inklusion.

Sprachrohr einer neuen gefährlichen Bewegung

Die "Alt Right" propagiert demnach einen rassisch definierten Nationalismus, doch mit "old school" rassistischen Skinheads, mit denen man sie "idiotischer Weise" vergleiche, habe die "Alt Right" nichts zu tun, schrieben Yiannopoulos und Bokhari. Skinheads seien nur "Gauner mit niedrigem IQ, getrieben von einer Lust an Gewalt und Stammeshass. Die alternative Rechte ist eine schlauere Gruppe, was vielleicht der Grund dafür ist, dass die Linke sie so hasst. Sie ist gefährlich schlau."

In einem Interview mit der Journalistin Sarah Posner sagte Steve Bannon im Sommer, "Breitbart" sei "die Plattform der Alt Right". Sein Ziel könnte es sein, einen multimedialen Konzern weit rechts vom erfolgreichsten, konservativen US-Medium "Fox News" zu etablieren - als Sprachrohr einer neuen politischen Bewegung. In London und Jerusalem gibt es schon "Breitbart"-Büros, die Expansion in weitere Länder ist beschlossen, auch in Deutschland und Frankreich will man rechte politische Plattformen unterstützen.

Breitbart News Network LLC gibt keine Umsatzzahlen heraus, wie das Unternehmen wirtschaftlich dasteht, ist unklar. Besitzer sind die Erben Andrew Breitbarts und der Mitbegründer Larry Solov, ob Stephen Bannon selbst Anteile besitzt, ist nicht bekannt. Wichtigster Geldgeber ist der Milliardär, Hedgefondsmanager und Trump-Unterstützer Robert Mercer, seine Tochter Rebekah gehört zu Trumps Übergangsteam.

Als Clinton die Seite erwähnt, wird gefeiert

Als Ritterschlag empfanden es die "Breitbart"-Macher, dass Hillary Clinton das Portal und Stephen Bannon in einer Wahlkampfrede Ende August attackierte und einige ihrer Schlagzeilen zitierte. ("Verhütung macht Frauen hässlich und irre", "Was wäre Ihnen lieber: dass Ihr Kind Krebs hat oder Feminismus?") "Das war ein großer Moment", sagte "Breitbart"-Chefredakteur Alexander Marlow. "Dass uns eine Präsidentschaftskandidatin direkt herausfordert, war sehr aufregend."

Marlow macht keinen Hehl aus seiner Genugtuung über den Erfolg des Portals. "Viele andere Medien haben uns ausgelacht und beschimpft", sagte Marlow der "New York Times". "Jetzt wird anerkannt, dass wir maßgeblich dazu beigetragen haben, jemanden zum Präsidenten zu machen, und das genießen wir."


Zusammengefasst: Die Internetseite "Breitbart" gilt als wichtige Info-Quelle für viele Trump-Fans - und hatte einen gewissen Anteil an dessen Wahlerfolg. Chef Steve Bannon steuerte die Medienkampagne des Kandidaten und wird nun wohl dessen Chefstratege im Weißen Haus. Auf der Seite werden, vor allem in den Foren und Kommentarspalten, teils übelste Beschimpfungen und Theorien zugelassen. Das Portal verbreitet vor allem eines: Hass.

insgesamt 171 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
emo.alberich 16.11.2016
1. Trivial und Verbreitung einer Webseite, die kaum zu den schlauesten gehört.rt.
"Die Internetseite "Breitbart" gilt als wichtige Info-Quelle für viele Trump-Fans - und hatte einen gewissen Anteil an dessen Wahlerfolg." Wähler sind generell keine Fans sondern einfach nur Wähler - wenigstens dieses Mal: Pest vs. Cholera. Informationen finden sich da, soweit sich das über den Daumen gepeilt sagen lässt, kaum. Was ist ein "gewisser Anteil"? > 0, was sonst? Das ist trivial.
kamikaze2000 16.11.2016
2. Jauchegrube
Der geistige Müll, der hier produziert wird, kann eigentlich nicht ernst genommen werden. Dass es dennoch so viele tun, ist eigentlich unfassbar. Aber sicher wird es auch bei uns wieder etliche Trump-Verehrer geben, die das toll finden. Mir gefällt vorzüglich, wie SPON diesen ganzen Irrsinn seziert, der hinter diesen Irrlichtern steckt.
irobot 16.11.2016
3.
In der FAZ gab es mal einen schönen Artikel zum Thema Breitbart: http://blogs.faz.net/deus/2016/11/11/feminismus-ist-krebs-und-andere-sagbare-dinge-3894/
fatherted98 16.11.2016
4. Also gut...
...Tump Bashing die 101. Einer der engen Mitarbeiter ist ein Ultra Rechter...was für eine Überraschung. Sagt das irgendwas über die zu erwartende Politik aus? Sehe ich nicht...aber SPON scheint die Glaskugel in der Redaktion stehen zu haben.
spon-facebook-1629421895 16.11.2016
5.
"Die Medien werden vom Staat gesteuert! Alles Lügenpresse! Außer den "alternativen Medien" natürlich." Ironisch, dass Breitbart News halt nen Präsidenten macht - und der Kopf dann Chefstratege wird. In der anderen Himmelsrichtung findet man dann Russia Today.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.