Breiviks Vordenker Ein bisschen Reue, ein bisschen Ausrede

Das wahnwitzige 1500-Seiten-Manifest des norwegischen Massenmörders Anders Breivik hat die Namen seiner ideologischen Vordenker weltweit bekanntgemacht. Viele von ihnen bemühen sich nun um Schadensbegrenzung - denn die Bluttat gefährdet ihren nationalistischen Kulturkampf.

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EDL-Gründer und "Kreuzritter" Paul Ray: Distanzierung von den Mitteln, die Breivik wählte
AP/ VBS.TV

EDL-Gründer und "Kreuzritter" Paul Ray: Distanzierung von den Mitteln, die Breivik wählte


Hamburg - Anders Breivik hat in seinem kruden Manifest Ideen aufgegriffen, die in rechtspopulistischen Kreisen quer durch Europa diskutiert werden. Mehrere der als ideologische Vordenker des norwegischen Massenmörders ins Licht der Öffentlichkeit gerückte neu-rechte, islamfeindliche Publizisten haben sich inzwischen von Breiviks Gewalttaten distanziert und bedauernd geäußert, dass ihre Schriften möglicherweise eine der "Inspirationen" Breiviks gewesen sein könnten, darunter

  • die in Ägypten geborene, britische Autorin Bat Ye'or, auf deren Thesen Breiviks islamophobe Ideologie maßgeblich fußt,
  • der norwegische Blogger Fjordman, aus dessen Schriften sich Breivik umfänglich bediente,
  • und der englische, mutmaßliche Rechtsradikale Paul Ray.

Zwar haben sich damit die wichtigsten der in Breiviks Terrormanifest genannten Vordenker inzwischen von dessen Gewalttaten distanziert - aber nicht von den in dem Manifest und in ihren eigenen Schriften vertretenen anti-muslimischen Thesen.

So erklärte Giselle Littman, die unter dem Pseudonym Bat Ye'or schreibt und als Urheberin der sogenannten Eurabia-These gilt (einer angeblichen Strategie zur Islamisierung Europas): "Natürlich bedauere ich es, wenn meine Schriften und das Schreiben anderer diesem Mann als Inspiration gedient haben sollten. Ich trauere zutiefst um all diese unschuldigen jungen Leute, die ihr Leben so tragisch verloren, und fühle mit ihren Familien."

In der anti-muslimischen Agenda aber bleibt Bat Ye'or, die derzeit ihr nächstes Buch vorbereitet ("Europe, Globalization, and the Coming Universal Caliphate"), unbeirrt: "Ich glaube, es gibt da eine Menge Frustration, beispielsweise in Frankreich und England, und ich glaube, dass die gesellschaftliche Diskussion darüber ermutigt werden sollte."

Der "Reputationsschild": Seriös auftreten, sich von Extremen distanzieren

Das klingt ähnlich wie bei Fjordman, Breiviks Hauptquelle und wohl der bekannteste rechte Blogger, der sich bereits kurz nach dem Doppelanschlag entsprechend geäußert hatte. So wie nun viele andere rechte Publizisten. Der Tenor: Breivik sei ein Einzeltäter, ein Spinner, ein Irrer, seine Mordtaten seien grausam, nicht zu rechtfertigen. Doch die eigentliche Ursache sei ja bekannt: der Islam. Gegen den müsse man sich wehren im Westen, wenngleich man radikale Maßnahmen und Gewalt generell ablehne.

Ausgerechnet der norwegische Massenmörder hat eine solche Haltung im Bezug auf frühere Forderungen, alle Muslime aus Europa zu deportieren, in seinem Manifest kritisiert und erklärt: "Der Grund, warum Autoren, die über Dinge wie Eurabia und die Islamisierung Europas schreiben - Fjordman, Ye'or, Bostom etc. - nicht aktiv in die Diskussion um Deportationen eingreifen, ist, dass diese Methode als zu extrem gilt (und so ihren Reputationsschild beschädigen könnte)."

Dieses Statement ist stilistisch verbesserungsfähig, aber unmissverständlich. Laut Breivik halten sich die Vordenker eben heraus aus den schmutzigen Seiten des "Kulturkampfes", pflegen ihren "Reputationsschild", um ihre Themen in den Mainstream der gesellschaftlichen Diskussion tragen zu können.

Bizarrer Kreuzritter-Kult

Um seinen "Schild" fürchtet derzeit vor allem der Brite Paul Ray. Der Betreiber des rechten Blogs "Lionheart" und selbsternannte Wiederbeleber des Kreuzrittertums bemüht sich seit Tagen um Schadensbegrenzung. Der mittlerweile von seinen Ex-Kumpanen ausgebootete Brite hatte nach Meinung Anders Breiviks mit der inzwischen weltweit berüchtigten English Defence League (EDL) das Vorbild für noch zu schaffende anti-islamische Organisationen geschaffen.

Er ist nun einer von jenen, die am Pranger stehen. Ray soll eine der Haupt-Inspirationen für Breiviks krude Ideologien gewesen sein. Mehr noch: Manche glauben, sein bizarrer Kreuzritter-Verein, in dem Ex-National-Front-Mitglieder mit angeblichen Ex-Neonazis aus Deutschland und wegen mehrfachen Mordes verurteilten protestantischen Terroristen aus Nordirland den Schulterschluss üben, sei nichts anderes als die "Kreuzritter-Zelle" zur Befreiung Europas, von der Breivik so gern schwadroniert. Laut Ray alles Unsinn, ihm gehe es um nichts anderes als britische Brauchtumspflege, ansonsten wolle er "in Frieden leben, sonst nichts".

Nicht dass Ray ein Ideologe in dem Sinne wäre, dass er eigene Ideen in die Welt setzt. Er ist wie viele andere ein Multiplikator für die Ideologien eines radikalen neu-rechten Lagers, dessen Botschaften sich auf die Eckpfeiler Nationalismus, "Monokulturismus", die Ablehnung und Bekämpfung des Islams, der Strukturen der Europäischen Union und der westlichen Staaten zusammenfassen lassen. Ihr Idealbild ist eine Festung Europa, die sich der Muslime per Deportation entledigt und "ethnisch homogene" Bevölkerungen in einem "Europa der Regionen" anstrebt. Die sollen dann wieder ausschließlich ethnisch definiert sein - als ob das im Völker-Wanderrevier Europa je so gewesen wäre. In ihrer Feindschaft gegen das Andersartige, in ihrem Streben nach Isolation sind sie sich einig, selbst über sonstige ideologische Grenzen hinweg.

Schlammschlacht mit Verschwörungstheorien

Zu all dem steht auch Ray nach wie vor, nur mit dem Massenmord will er nichts zu tun haben. Ray, der 2008 aus Großbritannien floh, nachdem ihm einerseits Strafverfolgung wegen Anstiftung zu rassistisch motivierter Gewalt drohte, andererseits Gewalt seitens seiner Ex-Kumpane von der EDL, die laut Ray "von Nazis gekapert wurde", distanzierte sich nun deutlich von Breivik. "Ich werde beschuldigt, sein Mentor gewesen zu sein", sagte er einer britischen Reporterin, die ihn an seinem Wohnort auf Malta aufsuchte. "Ich könnte definitiv eine seiner Inspirationen gewesen sein. Es sieht danach aus. Aber was er getan hat, war absolut böse. Ich könnte so etwas niemals tun, um meine Ideen voran zu bringen."

Auch das ist eine Distanzierung von der Tat, nicht von der Gedankenwelt dahinter, auch wenn er gegenüber der "Times" tatsächlich "sorry" sagte - Reue ist ein dehnbarer Begriff. Immerhin: Ray erklärt auch, er sei "gern bereit", den norwegischen Behörden Rede und Antwort zu stehen.

Über sein Lionheart-Blog verbreitet er derweil die These, Breivik und die EDL hätten ihn mit dem Kreuzritter-Bezug gezielt belasten wollen. Für Ray ist die Sache klar: "Ich kann die Verbindung von Alan Lake (angeblicher Finanzier der EDL; Anm. d. Red.) mit der absoluten Spitze der Anti-Dschihad-Bewegung in Europa zeigen, die Geert Wilders einschließt. Die ideologisch-politische Seite der Bewegung, zu der Fjordman und Alan Lake gehören, hat ihre eigene Vision von Europa abgesteckt. Der folgte Breivik bis aufs i-Tüpfelchen. Die English Defence League war Teil des Plans und ein Werkzeug in ihren Händen, vielleicht wie auch Breivik selbst."

Weit entfernt von der Einigung der Rechten, die Breivik mit seiner Bluttat anstrebte, zeichnet sich hier eine Schlammschlacht zwischen den radikalen Polen der Szene ab - krude Verschwörungstheorien und gegenseitige Beschuldigungen inklusive. Breivik erreicht damit das Gegenteil von dem, was er will: Nicht genug, dass die Szene gerade nicht zusammenrückt, sondern sich von ihren radikalsten Vertretern distanziert, nun ist auch noch das vermeintlich so konsensfähige Sujet vom Widerstand gegen die angebliche Islamisierung in Generalverdacht geraten. Von Pro-NRW bis FPÖ, von Echte Finnen bis Lega Nord werden es Populisten vorerst schwer haben, ihre ausländerfeindlichen Positionen zu vermitteln, ohne dass sofort die Assoziation mit Breiviks Mordtaten im Raum steht.

Dabei hatte sich das europaweite Netzwerk der Rechtspopulisten in den vergangenen Jahren aus ihrer Sicht so erfreulich entwickelt. Die Islam-feindliche Perspektive erwies sich als idealer Kitt, unterschiedlichste Gruppierungen zusammenzuschweißen. "Der konkrete Zweck des europäischen Netzwerkes", erklärte vor einigen Wochen der deutsch-schwedische Rechtspopulist Patrik Brinkmann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, "ist die Durchsetzung islamkritischer und identitärer Positionen in Europa."

Das ist durch die Morde von Norwegen deutlich schwieriger geworden.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 237 Beiträge
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Seite 1
schmidtm99 30.07.2011
1. Scharia-kontrollierte Bereiche
Reue sollen sie also zeigen und sich aus ihrer Verantwortung rausreden...das ich nicht lache....es gibt in England bereits "Scharia-kontrollierte Bereiche" innerhalb einiger Städte! Diesen Fakt und damit einhergehende Gefahr zu relativieren, ist in meinen Augen höchst kriminell! http://www.dailymail.co.uk/news/article-2019547/Anjem-Choudary-Islamic-extremists-set-Sharia-law-zones-UK-cities.html
edelamsee 30.07.2011
2. Broder als Vordenker
Zitat von sysopDas wahnwitzige 1500-Seiten-Manifest des norwegischen Massenmörders Anders Breivik hat die Namen seiner ideologischen Vordenker weltweit bekannt gemacht. Viele von ihnen bemühen sich nun um Schadensbegrenzung - denn die Bluttat gefährdet ihren nationalistischen Kulturkampf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,777315,00.html
[QUOTE=sysop;8396434]Das wahnwitzige 1500-Seiten-Manifest des norwegischen Massenmörders Anders Breivik hat die Namen seiner ideologischen Vordenker weltweit bekannt gemacht. Viele von ihnen bemühen sich nun um Schadensbegrenzung - denn die Bluttat gefährdet ihren nationalistischen Kulturkampf. Warum wird Broder nicht genannt? weil er im Spiegel schreibt? Er ist der übelste aller Hetzer, weil er so versteckt tut.Viel schlimmer noch als Sarazin. In seinem schundblatt "Die Achse des Guten" sind noch mehr Vordenker vertreten
wolffsohn 30.07.2011
3. Fortschritt des Rückschritts
Ray-Zitat: "Ich werde beschuldigt, sein Mentor gewesen zu sein. Ich könnte definitiv eine seiner Inspirationen gewesen sein. Es sieht danach aus. Aber was er getan hat, war absolut böse. Ich könnte so etwas niemals tun, um meine Ideen voran zu bringen." Allein Rays Ideologie entspricht schon einem "Massenmord". Es ist ein europäischer Fortschritt des Rückschritts, wie auch in diesem Artikel beschrieben: http://brainlux-contor.blogspot.com/2011/02/fortschritt-des-ruckschritts.html
VPolitologeV, 30.07.2011
4. Was fürn Ding?
"Nationaler Kulturkampf" klingt für mich wie Jumbo-Flöhe... Was haben denn die genannten mit "Kultur" am Hut? Nichts - sie wollen nur einen idealisierten "Zustand" von damals verewigen. Diese Leute schreiben an gegen modernes Theater, gegen fundierte Dokumentationen mit mehr als Schwarz/Weiß, gegen Differenzierung und Verstehensversuche, gegen öffentliche Förderung von Kunst/ Kultur, den Bildungsauftrag der ÖR (wo er noch praktiziert wird), sowie gegen alles, was anders ist als die klassizistische Periode am Ende des 19. Jahrhunderts. Da ist keine Kultur, da ist Sehnsucht nach einem "Paradies", das es so nie gegeben hat. Ein sehr enges, staubiges Paradies.
zch 30.07.2011
5. Doppelstandards
Hätte der SPIEGEL bei einem islamistischen Attentat den Propheten Mohammed sowie alle vom Attentäter zitierten Imame und muslimische Blogger, ebenfalls als "*ideologische Vordenker*" der Bluttat bezeichnet? Würde der SPIEGEL sich dann auch darüber beschweren, wenn diese Imame und muslimische Blogger das Attentat zwar bedauern, aber "trotzdem" weiterhin an ihren islamischen Thesen festhalten wollen? Würde der SPIEGEL die die Distanzierung - oder gar Entschuldigung - dieser Imame und muslimischen Blogger ebenfalls verächtlich zurückweisen, weil es "nur eine Distanzierung von der Tat, nicht von der Religion dahinter" sei?
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