Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Brennende Botschaften: Gaddafi rächt sich für Nato-Angriff

Der Libyen-Krieg eskaliert: In Tripolis brennt Berichten zufolge die italienische Botschaft. Auch die Residenz des britischen Spitzendiplomaten wurde angegriffen. Am Samstagabend hatte die Nato einen Luftangriff geflogen, bei dem angeblich ein Sohn und drei Enkel von Diktator Gaddafi ums Leben kamen.

Angriff auf Gaddafi-Sohn: Der Libyen-Krieg eskaliert Fotos
REUTERS

Tripolis - Der libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi hat am Samstagabend einen Raketenangriff der Nato überlebt, bei dem laut einem Sprecher sein jüngster Sohn sowie drei Enkel getötet wurden. Offenbar sinnt der Diktator nun nach Rache. Und die Teile der Bevölkerung, die hinter ihm stehen, ebenfalls.

In der libyschen Hauptstadt Tripolis hat Berichten zufolge die italienische Botschaft gebrannt. "Ich sehe immer noch Rauch aufsteigen", sagte ein Augenzeuge am Sonntag per Telefon. Sicherheitskräfte hielten Menschen davon ab, näher zu kommen.

Der britische Außenminister William Hague bestätigte Berichte über Angriffe auf das Gelände der britischen Vertretung in der libyschen Hauptstadt. Wegen der Zerstörung der Residenz hat Hague die Ausweisung des libyschen Botschafters in Großbritannien beschlossen. Der Botschafter müsse binnen 24 Stunden das Land verlassen. Großbritannien hat derzeit keine diplomatische Vertretung in Tripolis. Vertreter des britischen Außenministeriums halten sich in der Rebellenhochburg Bengasi auf.

Großbritannien und Italien nehmen an den Nato-Angriffen gegen Truppen des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi teil. Deutschland ist nicht beteiligt.

Laut einem Bericht der britischen BBC will die Uno zunächst alle internationalen Mitarbeiter aus Tripolis abziehen. Auch die Vertretung der Vereinten Nationen war am Sonntag angegriffen worden.

Am Samstagabend hätten sich Muammar al-Gaddafi und seine Frau im Haus des 29-jährigen Saif al-Arab al-Gaddafi aufgehalten, als dieses von mindestens einer Rakete - abgefeuert von einem Nato-Flugzeug -, getroffen worden sei, sagte Regierungssprecher Mussa Ibrahim. Mehrere Journalisten wurden zu einem ummauerten Gebäudekomplex in einem Wohngebiet in Tripolis gebracht, wo sie schwere Bombenschäden vorfanden. Nach dem Angriff war schweres Geschützfeuer in der Stadt zu hören.

Die Namen der drei getöteten Kinder wollte Ibrahim nicht nennen, um die Privatsphäre der Familie zu schützen. Er sagte lediglich, dass es sich um Nichten und Neffen von Saif al-Arab gehandelt habe und alle jünger als zwölf Jahre gewesen seien. Der Angriff habe gegen internationales Recht verstoßen, sagte Ibrahim. Der britische Premierminister David Cameron sagte dagegen, der Angriff habe im Einklang mit dem Uno-Mandat gestanden.

Die Nato bestätigte am Sonntag zwar einen Angriff auf ein libysches Regierungsgebäude in Tripolis, nicht aber den Tod von Saif al-Arab. Ziel des Präzisionsangriffs seien eine militärische Kommandozentrale und ein Kontrollgebäude gewesen, sagte eine Nato-Sprecherin.

Hupkonzerte in Misurata

Über unbestätigte Berichte vom Tod einiger Familienmitglieder Gaddafis sei er unterrichtet, sagte Generalleutnant Charles Bouchard, der den Libyen-Einsatz der Nato führt. Er bedauere jeden Verlust von Menschenleben, besonders wenn unschuldige Zivilisten in dem anhaltenden Konflikt zu Schaden kämen, sagte Bouchard.

Russland hat die Nato-Luftschläge scharf kritisiert. Man zweifle an der Erklärung der Allianz, wonach die Tötung Gaddafis kein Ziel des Militärbündnisses sei, teilte das Außenministerium in Moskau nach Angaben der Agentur Interfax mit.

Der Tod von Familienangehörigen Gaddafis stehe im klaren Widerspruch zur Resolution des Weltsicherheitsrats, in der Angriffe nur zum Schutz von Zivilisten erlaubt seien. Der Chef des Auswärtigen Duma-Ausschusses, Konstantin Kossatschow, sprach von einer "groben Einmischung" der Nato.

In der seit Wochen von Gaddafis Soldaten belagerten Stadt Misurata reagierten die Rebellen mit Hupkonzerten und "Gott ist groß"-Rufen auf die Nachricht vom Tod des Gaddafi-Sohnes. Die Stadt wird seit zwei Monaten von den Truppen Gaddafis beschossen, Hunderte Menschen sind bereits getötet worden.

Am Sonntag beschossen Gaddafis Truppen den Hafen nach Angaben eines Augenzeugen erneut, während die Ladung eines maltesischen Schiffs mit Hilfslieferungen gelöscht wurde. Das Schiff sei rasch wieder in See gestochen. Die belagerte Stadt ist auf Hilfslieferungen über den Seeweg angewiesen.

Der Angriff vom Samstag ereignete sich nur Stunden, nachdem sich Staatschef Gaddafi erneut für eine Waffenruhe und Gespräche mit den Nato-Mächten ausgesprochen hatte. Gaddafi erklärte in einer vom Staatsfernsehen ausgestrahlten Rede, die Tür zum Frieden stehe offen. Die Nato lehnte die Forderungen ab und erklärte, sie wolle Taten des Regimes sehen.

böl/Reuters/AFP/dpa/dapd

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 192 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wie sich alles wiederholt
faguo888 01.05.2011
Brennende Botschaften gab es schon einmal Anfang der 80er Jahre. Welche Reaktionen bleiben auch sonst für ein kleines Land?
2. Irgendwie nachvollziehbar.
earl grey 01.05.2011
---Zitat--- Gaddafi rächt sich für tödlichen Nato-Angriff ---Zitatende--- Irgendwie nachvollziehbar.
3. .
anon11 01.05.2011
Zitat von sysopDer Libyen-Krieg eskaliert: In Tripolis brennt nach Berichten die italienische Botschaft. Auch die Residenz des britischen Spitzendiplomaten*ist offenbar zerstört. Am Samstagabend hatte die Nato einen Luftangriff geflogen, bei dem angeblich ein Sohn und drei Enkel von Diktator Gaddafi ums Leben kam. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,760006,00.html
War es die Zivilbevölkerung, die von den Bombardements der Nato genug hat und aus Rache die Botschaften anzündete? Das würde aber so gar nicht in die Nato-Propaganda passen. Als Rache Botschaften anzuzünden passt eher zu einer wütenden Bevölkerung. Gadaffis Rache wird wohl eher in den Heimatländern der Angreifer stattfinden.
4. Eskalation
bienlein 01.05.2011
Wer sich über die Eskalation wundert, kann nur als naiv bezeichnet werden. Wenn sich der Westen auf diese dümmliche Art in einen Bürgerkrieg hineinziehen lässt, muss er auch mit den Folgen rechnen. Die warnenden Stimmen zu Beginn der sog. "Luftblockade", die ohne Sinn und Verstand und ohne Zielrichtung, ohne Strategie, nur aus "Gutmenschentum" eingerichtet wurde, die warnenden Stimmen haben - trotz der ganzen Schmähungen, die diese über sich ergehen lassen mussten, mal wieder recht gehabt. Was kommt nun? Die Bodentruppen? Und dann? Ein zweites Afghanistan?
5. Was mich etwas beunruhigt ist, ...
christoph. 01.05.2011
.., dass in der Diskussion zur ersten Meldung, dass Gaddafis Sohn und seine Enkel umgekommen seien, drei meiner Postings nicht veröffentlicht wurden. Und ich neige nicht zum AGB-Verstoß, habe lediglich zum Ausdruck gebracht, wie scheinheilig ich die ganze Kriegspropaganda mit dem Märchen von Gut und Böse empfinde. Und das Gaddafi versucht, sich zu revanchieren, damit muss man wohl rechnen, wenn Verwandte getötet werden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Libyen-Reiseseite


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: