Britischer Außenminister Hunt warnt vor "versehentlichem" Brexit ohne Deal

Ein Brexit ohne Abkommen - für viele in London und in Brüssel ist das ein Horrorszenario. Wenn die EU sich nicht bewege, könne es jedoch so weit kommen, warnt Großbritanniens Außenminister Hunt.

Jeremy Hunt in Berlin
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Jeremy Hunt in Berlin


Er ist erst seit Kurzem Außenminister, doch beim Brexit gibt es keine Schonfrist für Jeremy Hunt. Kein Wunder, schließlich ist sein Vorgänger Boris Johnson gerade deshalb zurückgetreten, weil es endlich Bewegung in der Londoner Politik gegeben hatte: Die britische Regierung hat ihre Verhandlungsposition gegenüber der Europäischen Union festgezurrt - eine Position, die Hardliner Johnson zu weich, für Brüssel wiederum kaum tragbar scheint.

Hunt sieht deshalb nun seine Aufgabe offenbar darin, die EU unter Druck zu setzen. Kürzlich echauffierte er sich über die "Arroganz der EU", dann forderte er "mehr Flexibilität" in den Verhandlungen. Jetzt warnte Hunt Brüssel davor, dass es am Ende gar kein Abkommen geben könnte - "aus Versehen" ("by accident").

Der Minister äußerte sich während eines Besuchs bei seinem Amtskollegen Heiko Maas in Berlin. Er wies auf mögliche wirtschaftliche und politische Schäden auf beiden Seiten hin. Konkret sagte Hunt, es gebe nun "ein sehr reales Risiko eines Brexits ohne Abkommen". Hunt sagte, die Europäische Kommission warte darauf, dass London nachgebe. "Aber das wird nicht passieren."

Streit um vier Grundfreiheiten

Die britische Regierung hatte Mitte Juli ihren Plan für den EU-Austritt in einem Weißbuch veröffentlicht. EU-Chefunterhändler Michel Barnier hatte daraufhin gesagt, das Dokument könne in Teilen eine Basis für konstruktive Verhandlungen bieten. Allerdings hakt es in entscheidenden Fragen weiterhin.

So will London die Zuwanderung aus der EU streng begrenzen und peilt auch einen selektiven Zugang zum Binnenmarkt an. Der Handel mit Waren soll ohne Hindernisse weitergehen, die Dienstleistungen sollen jedoch außen vor bleiben.

Die EU will jedoch den gemeinsamen Binnenmarkt und die Zollunion schützen. Zentraler Bestandteil sind die vier Grundfreiheiten: der freie Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen. Immer wieder hatte Barnier betont, man werde britisches Rosinenpicken an dieser Stelle nicht akzeptieren.

Deutschlands Außenminister Maas nannte das Weißbuch einen wichtigen Beitrag, um "Schritt für Schritt zu einem geordneten Brexit zu kommen". Man sei aber noch nicht in allen Punkten zu einem Ergebnis gekommen. Beide Politiker betonten, dass ihnen auch nach einem Brexit an einer engen und freundschaftlichen Partnerschaft gelegen sei. Die Beziehungen könnten jedoch einen Riss bekommen, sollte der Brexit ungeordnet verlaufen, warnte Hunt. In Großbritannien würde sich die Einstellung einer ganzen Generation gegenüber der EU ändern, was der Partnerschaft schaden würde.

kev/AP/Reuters



insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
Pless1 23.07.2018
1. Ja das kann passieren
Und niemand wird so stark darunter leiden wie die Briten. Hunt versucht Druck auszuüben, hält den Revolver aber an die eigene Schläfe. Wenn er abdrückt, ist unser Hemd blutig und wir haben einen Tinitus, mag schon sein... Ob das die richtige Strategie ist?
power.piefke 23.07.2018
2. warum muss sich die eu bewegen?
GB will doch raus. Die Konsequenzen wusste man vorher. Die EU muss überhaupt gar nichts. das kleine, vom Ver-/Zerfall bedrohte Eiland muss was tun. Die Arroganz der Engländer ist teilweise kurz vor lächerlich.
ttvtt 23.07.2018
3. Kannste dir nicht ausdenken
"In Großbritannien würde sich die Einstellung einer ganzen Generation gegenüber der EU ändern, was der Partnerschaft schaden würde.", so sagt Hunt. Eher glaube ich, dass die Einstellung einer ganzen Generation zu den britischen Politikern sich ändern wird.
stevie25 23.07.2018
4. BREXIT means BREXIT
Der BREXIT schadet allen. Die Briten haben sich mehrheitlich für diesen Schaden ausgesprochen. Die Menschen in den übrigen 27 EU Staaten wurden nicht gefragt. Bei einem Austritt ohne Abkommen wird der dann entstehende Schaden GB erheblich mehr treffen als die 27 verbleibenden EU Staaten. Dem sollte sich Hunt bewusst sein. Die Konsequenzen, die ein Aufweichen des Binnenmarktes für die EU 27 hätte, wären gravierender als der Schaden eines harten BREXITs. Ich hoffe, die EU bleibt da bei ihrer klaren Haltung. Und ich hoffe, es kommt zu einem weiteren Referendum in dem die Briten entscheiden könne, ob sie die konsequente Trennung von der EU wollen, das Modell Norwegen bzw. Schweiz oder den Verbleib in der EU.
frank1980 23.07.2018
5. Realitätsverweigerung
Britische Politiker sind immer noch der Meinung die EU werde es zulassen das man sich rauspickt was man haben möchte und in GB in der Position ist um Forderungen zu stellen. Wenn die EU nicht nachgibt um ihre Einheit zu retten ist die böse EU unflexibel...
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