Blitzanalyse Der große Knall

Das Unfassbare ist geschehen: Die Briten wollen die EU verlassen. Das Ergebnis des Referendums ist knapp, die Aussage dennoch eindeutig. Warum haben die Brexit-Anhänger gewonnen? Was passiert nun? Die wichtigsten Antworten.

Anhänger des EU-Verbleibs in London
AFP

Anhänger des EU-Verbleibs in London

Aus London berichtet


Der schnelle Überblick
    Das ist passiert:
  • • 51,9 Prozent der britischen Wähler haben für den Austritt des Landes aus der Europäischen Union gestimmt. Die Wahlbeteiligung lag bei mehr als 70 Prozent.

  • • Premier David Cameron hat seinen Rücktritt für Oktober angekündigt.

  • • Politiker aus Schottland und Nordirland wollen in der EU bleiben.

  • • Das Pfund verliert dramatisch an Wert, Aktienkurse weltweit stürzten ab.

• Rechtspopulisten in ganz Europa freuen sich und fordern nun ebenfalls Volksabstimmungen über die EU.

Nigel Farage ist der Erste, der sich feiern lässt. Bereits um 4 Uhr tritt der Chef der britischen Unabhängigkeitspartei Ukip vor die Kameras und verkündet seinen Sieg: "Wir haben gegen die großen Konzerne und Banken gekämpft, und ich denke, wir haben gewonnen", sagt der Hardliner der Brexit-Befürworter. "Der 23. Juni wird als unser Unabhängigkeitstag in die Geschichte eingehen."

Das Unfassbare ist geschehen. Der Brexit. Die Briten wollen die EU verlassen - gegen den Rat fast aller Experten, gegen die ökonomische Vernunft, gegen den Wunsch der anderen Europäer. (Lesen Sie hier die aktuellen Entwicklungen im Newsblog)

Das Ergebnis des Referendums ist ein Schock. Für Premierminister David Cameron, für die Mehrheit der politischen Elite, für die Wirtschaft - und für Europa. Zum ersten Mal überhaupt will ein Mitgliedsland die EU verlassen. Es ist ein gigantisches Misstrauensvotum und eines, das Nachahmer finden könnte. Die Zukunft der Europäischen Union steht auf dem Spiel.

Warum gewann das Brexit-Lager?

Die Brexit-Befürworter haben sich die Unzufriedenheit der Briten mit der Politik zunutze gemacht. Das Votum ist nicht nur eines gegen die EU, sondern auch gegen die Regierung Cameron. Der Slogan, der im Wahlkampf am besten ankam, war "Take back control" - "Lasst uns wieder die Kontrolle übernehmen".

Eine Mehrheit der Briten teilt das Gefühl, dass die EU ihnen alles vorschreibe. Vor allem die angeblich unkontrollierte Zuwanderung veranlasste viele, einen Austritt zu befürworten. Die Brexit-Kampagne machte sich diese Stimmung geschickt zunutze und versprach den Bürgern eine neue Souveränität. "Wir übernehmen wieder die Kontrolle über unsere Grenzen", versprachen Farage und der konservative Chef der "Leave"-Kampagne, Boris Johnson.

Die EU-Befürworter auf der Gegenseite schafften es nicht, ein positives Bild von der EU zu zeichnen. Ihre Kampagne beruhte fast ausschließlich auf der Warnung vor wirtschaftlichen Nachteilen, die Großbritannien bei einem Ausstieg drohten. Das reichte nicht.

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Was bedeutet der Ausgang für Großbritannien?

Das Land steht vor einer Regierungs- und einer Wirtschaftskrise. Seit sich der Sieg der EU-Gegner abzeichnete, verliert das Pfund drastisch an Wert. An der Börse wird ein "Schwarzer Freitag" befürchtet. Doch nicht nur die Finanzmärkte, auch die Bürger dürften die Folgen spüren. Experten rechnen damit, dass das Land in eine Rezession rutscht.

Die Regierung von Cameron steht vor einem Scherbenhaufen. Der Premier wollte dieses Referendum, er wollte die EU-Gegner in seiner Partei zum Schweigen bringen. Doch er hat sich brutal verspekuliert. Nicht nur seine konservative Partei, die gesamte politische Elite in Westminster steht vor enorm schwierigen Zeiten.

Was wird aus Premierminister Cameron?

Nach dieser Niederlage war Cameron als Regierungschef nicht mehr zu halten; er hat inzwischen seinen Rücktritt bis Oktober angekündigt. "Ich denke nicht, dass es richtig wäre für mich, der Kapitän zu sein, der unser Land zu seinem nächsten Ziel steuert", sagte Cameron. Ein paar Monate bleiben ihm also noch, um den um den Übergang zu organisieren.

Das wird seinem wahrscheinlichen Nachfolger Johnson und Justizminister Michael Gove nur recht sein. Denn die größte Gefahr für Großbritannien ist nun die Unsicherheit und die Reaktion der Finanzmärkte. Hätte das Land nach dem Brexit nun auch noch sofort ohne Regierungschef dagestanden, hätte das die Risiken des Umbruchs weiter verschärft. Die Bedingungen des Austritts mit der EU zu verhandeln, wird Cameron allerdings seinem Nachfolger überlassen.

Welche Folgen hat der Brexit für die EU?

Auch für die EU ist der Ausgang des Referendums eine krachende Niederlage. Bis zuletzt hatten Spitzenpolitiker in Brüssel, Berlin und Paris darauf gesetzt, dass die Briten schon vernünftig sein würden. Doch nun steht die europäische Gemeinschaft vor der schwersten Krise ihrer Geschichte.

Andere Mitgliedsländer könnten dem Vorbild Großbritanniens nacheifern und ihre Bürger ebenfalls über einen Austritt abstimmen lassen. Die führenden Akteure der EU müssen sich überlegen, wie sie einen Zerfall verhindern. Dafür wird es sehr genau darauf ankommen, wie die Verhandlungen mit der britischen Regierung laufen. Einfache Lösungen gibt es nach dem Brexit nicht mehr.

Videokommentar: Jetzt muss die EU erst recht zusammenwachsen

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carn 24.06.2016
1. Man muss das Ergebnis
alleine schon in Anbetracht der Drohungen seitens der EU gut finden. Eine auf Demokratie, Freiheit und Menschenrechte basierende Gemeinschaft darf nicht so drohen, deshalb wäre es schlimm gewesen, wenn die Drohungen Erfolg gehabt hätten.
oldman2016 24.06.2016
2. Das Ende der Extrawurst
Ich persönlich bedauere auf der einen Seite, dass eine der größten Volkswirtschaften Europas sich für den Austritt aus der EU entschieden hat. Auf der anderen Seite halte ich es für gar nicht so schlecht, dass sich nun die Zeit der unter Margret Thatcher erpressten Extrawürste für Großbritannien dem Ende zuneigt. Dennoch war und ist Großbritanniern Nettozahler und damit wird die Last die Deutschland zu schultern hat größer werden. Denn im Süden und Osten der EU ist die wirtschaftliche Situation ja leider noch schlecht.
sumfuiesse 24.06.2016
3. Ins eigene Fleisch geschnitten
Die Arbeiterschicht, die größtenteils für dieses Ergebnis verantwortlich ist, wird schon sehen, was sie davon hat. Teurere Güter, weniger Industrie etc. Ein Großteil der britischen Wirtschaft besteht aus dem Bankensektor. Sollte dieser aufgrund des verlorenen Binnenmarktes wegbrechen, dann gute Nacht. Die denken echt, sie könnten allein auf ihrer Insel mit ihrem lange zerbrochenen Empire überleben. Für uns ergibt sich dadurch allerdings die Chance, dass Frankfurt London als Finanzhauptstadt Europas ablöst. Dafür müssten unsere Politiker bei Verhandlungen allerdings hart durchgreifen...
pommbaer84 24.06.2016
4.
Vorschlag: Den Koloss in Brüssel abbauen und auf Handel, Energie und Verkehr beschränken.
george2013 24.06.2016
5. Bald bekommen wir Schottland
Die Schotten werden sich vom Süden der Insel abspalten. Bis in fünf Jahren könnten sie Eu-Mitglied werden. Das ist doch eine reizvolle Perspektive!
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