Brexit-Antreiber Johnson Das Rumdrucksen des Tricksers

Boris Johnson, das Gesicht der Brexit-Kampagne, entwickelt sich zum meist gehassten Mann der Insel - weil vielen Briten erst jetzt dämmert, was er ihnen da eingebrockt hat.

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es sind seltsame Tage, die Boris Johnson zurzeit erlebt. Er ist der Sieger der Brexit-Kampagne. Aber statt des von ihm geschätzten Bades in der Menge verbrachte er das Wochenende in seinem Landhaus und schaute zur Beruhigung Cricket. London, die Stadt, die er immerhin acht Jahre als Bürgermeister regierte, kann er nur noch unter starkem Polizeischutz betreten. Sein Rad, mit dem er früher gern ins Rathaus fuhr, muss er wohl erst einmal stehen lassen. "Wenn wir ihn sehen, werden wir ihn von seinem blöden Fahrrad prügeln", sagten aufgebrachte Bürger am Wochenende.

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Heft 26/2016
Es lebe Europa?

Selbst der berühmteste Koch Großbritanniens, der sonst immer gut gelaunte Jamie Oliver, ist auf dem Kriegspfad.

Unter dem Hashtag #BuggerOffBoris - "Verpiss Dich Boris" - schreibt Oliver: "Macht den verfi**ten Boris Johnson zum Premier - dann wars das für mich. Dann bin ich raus. Mein Glaube an uns wäre für immer gebrochen. Lasst uns aufhören, nur Zuschauer zu sein. Wir können das nicht zulassen."

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Brexit-Reaktionen: Rausgewählt

Kein Zweifel, wenn der Küchenchef der Nation solche Zeilen wagt, dann kocht die Hauptstadt und das halbe Land dazu.

Aus der Abgeschiedenheit seines Landhauses verschickt Johnson nun versöhnliche Worte, die ein tief gespaltenes Volk beruhigen sollen. Ein Sieg von 52 zu 48, so Johnson, sei "nicht wirklich überwältigend". Und weiter: "Ich kann nicht oft genug betonen, dass Britannien immer ein Teil Europas ist und bleiben wird." Ansonsten sehe er "goldene Möglichkeiten für dieses Land".

Von dieser goldenen Zukunft verabschiedeten sich an diesem Montag bereits zwei Firmen, die an vorderster Stelle den ökonomischen Zustand des Landes symbolisieren: Foxtons, die wichtigste Immobilienagentur Londons, und die Fluglinie Easy Jet, schicken düstere Prognosen und Gewinnwarnungen heraus.

Für sie materialisiert sich, was die meisten Experten vor der Abstimmung prophezeiten: In ein Land, das 52 Prozent seiner Bewohner lieber außerhalb der EU sehen wollen, wird weniger investiert, und, wenn man draußen ist, wird es teuer. Das Lager-Bier in Mallorca, in der Altstadt von Prag und an den Stränden von Kroatien, wo sich junge Briten gerne angetrunken mit Bungee-Seilen von Baukränen stürzen, kostet bald richtig.

So wie es sich darstellt, hat Johnson mit all dem nicht gerechnet, jedenfalls nicht wirklich.

Er wirkt wie ein Hochstapler, der überrascht ist, dass sein Trick tatsächlich funktioniert hat. Und nun aus seinem zusammenfallenden Kartenhaus hervorkriecht und sagt: "Ahhh, sorry, das ging schon in die richtige Richtung, aber so wie es gekommen ist, war das alles nicht gemeint."

Vielen Konservativen gilt Johnson als unvermittelbar

So erklärt es sich jedenfalls ein Minister seiner eigenen Partei, der noch anonym bleiben möchte. "Boris", so der Minister, "glaubte, dass 'Remain' gewählt würde und er dann für ein Prinzip gekämpft hätte - um später als Märtyrer die Nachfolge von David Cameron anzutreten."

Andere in der Partei, die Johnson gerne führen würde, pfeifen mittlerweile auf Anonymität. Sie haben eine Kampagne begonnen, die sich ABB nennt - Anything But Boris. Alles außer Boris.

Vielen Konservativen gilt Johnson inzwischen als unvermittelbar - nicht nur, weil sie glauben, dass er mit seinem chaotischen Stil das Land unmöglich, wohin auch immer, wird führen können. Sondern, weil es ihnen als Realisten davor graut, was in den Brexit-Hochburgen des Nordens passiert - wenn klar wird, wie wenig von dem eintritt, was Boris den ökonomisch Abgehängten dort versprochen hat.

Einzig der wenig vertrauenswürdige Ukip-Chef Nigel Farage traut sich, jetzt, da er den Sieg eingefahren glaubt, zu sagen, dass es erst einmal nichts werden wird mit den goldenen Zeiten in Britannien.

Die 350 Millionen Pfund pro Woche, die in Zukunft nicht mehr nach Brüssel, sondern in die nationale Gesundheitsversorgung fließen sollen, da habe man ihn wohl falsch verstanden, so Mr. Farage. Und ja, auf eine Rezession müsse man sich wohl einstellen, aber die werde nicht so schlimm.

"Seit der Suez-Krise ist das Schicksal der Nation nicht mehr von Männern entschieden worden, die so bewusst und schamlos gelogen haben", schreibt der britische Autor Nick Cohen.

Ein guter Kerl, nur nicht ernsthaft

Es mit der Wahrheit sehr genau zu nehmen, war auch in der Vergangenheit nicht unbedingt eine Haupteigenschaft von Boris Johnson. Als Journalist flog er bei der "Times" raus, weil er geschwindelt hatte. Später als Politiker wurde er vom damaligen Vorsitzenden der Tories, Michael Howard, aus ähnlichem Grund gefeuert.

Johnson stand immer wieder auf. Die Briten verziehen ihm, weil er den Charme eines ungezogenen Schuljungen spielen ließ. Einer, der zwar gelegentlich ein Fenster einwirft, aber sonst ein guter Kerl ist und es mit der Ernsthaftigkeit nicht so wichtig nimmt.

Die Bewohner von London haben sich diesen Hallodri als Bürgermeister geleistet. "Wenn Sie mich wählen, wird Ihre Frau größere Brüste bekommen und sich Ihre Chance verbessern, einen BMW M3 zu besitzen", mit diesem wilden, augenzwinkernden Slogan warb Johnson beim Wahlkampf um das Rathaus für sich. Gewählt wurde er auch, weil der Bürgermeister in London nichts wirklich Wichtiges zu entscheiden hat.

Jetzt, da es um das Amt des Premierministers geht, sollte er den Anstand besitzen, seinen Landsleuten mitzuteilen, dass nach einem Brexit zumindest die Sache mit dem BMW schwierig werden dürfte.

Video: Was ist seit dem Brexit-Votum passiert?


Zusammengefasst: Es wirkt fast, als habe Boris Johnson nicht damit gerechnet, dass der Brexit Wirklichkeit wird. Nun steht er ratlos da - und die Wut im Volk wächst. Der Konservative braucht Polizeischutz, auch in seiner Partei ist der Unmut groß.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 548 Beiträge
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Seite 1
schlamassel_hoch_12 28.06.2016
1. immer ist jemand anderes schuld
Nicht etwa ich bin schuld, weil ich mein Kreuz an der falschen Stelle gemacht habe. Nein, derjenige ist schuld, der mir den Wahlzettel hingelegt hat. Eigenverantwortung wird zum Fremdwort. Der allgegenwärtige Nanny-Staat frisst seine Kinder.
Kinkerlitzchen 28.06.2016
2. Ich hoffe...
...es dämmert manchen Leuten jetzt, was passiert, wenn man den Populisten nachläuft. AfD-Frau von Storch hat ja nach eigener Aussage vor Freude geweint, als der Brexit gewählt worden war. Die Populisten weinen dann vor Freude, und die Leute, die sie gewählt haben, heulen kurz danach aus ganz anderen Gründen. Weil nämlich genau das eintritt, was ihnen "Systempresse", "Eliten" und "sogenannte Experten" vorher versucht haben ins Hirn zu schreien: nämlich, dass mit der populären Entscheidung alles nur beschissener wird, und zwar gerade für "den kleinen Mann". Viel Spaß United Kingdom, ich seh dir mit Unbehagen beim Fallen zu. Es hätte wirklich nicht sein müssen.
defy_you 28.06.2016
3. Liebe SPON Redaktion,
Bekommt euch mal wieder ein. Deutschland braucht das UK mehr als umgekehrt. Warum wohl ist der Dax viel stärker eingebrochen als der britische Leitindex?!? An Ende bekommt das UK beste Konditionen für ein Handelsabkommen (weil es im Sinne der deutschen Wirtschaft ist!) und bis dahin hilft der gesunkene Pfund Kurs dem britischen Export. Schließlich litt das UK ohnehin am schwachen Euro. Eure Artikel sind leider nur Wunschdenken. Weil die EU nun mal zum non plus Ultra erklärt werden muss. Lest mal lieber die Fleischhauer Kolumne von gestern anstatt weiter diese "ach wie dumm sind die Briten und die werden sich noch wundern" Artikel zu schreiben.
TiborS. 28.06.2016
4. Why Johnson!?
Die Briten machen sich lächerlich, und jetzt suchen sie ihren Sündenbock. So eine Wahl darf man nicht auf dem leichten Schulter nehmen und für den Brexit stimmen, und schauen was passiert. Anstelle dass die Briten in Kroatien, Malle ihre so oder so eingedchränkten Birnen volllaufen lassen oder sich in den Stadien prügeln, sollten sich lieber mit ernsthafte Gesellschaftliche Probleme befassen. Sie sollten sich bilden!!! Dann wacht man nicht mit dem Kater auf! Ich kann keinerlei mitleid für die 48% Briten und für die, die heute anders abstimmen wollen, aufbringen. Es ist demokratie, eures Volk will es. Steht ihr zu einander und bildet lieber einen Einheit!
Nabob 28.06.2016
5. Dekadente Gesellschaft
Die Limies hatten Monate Zeit, sich damit zu beschäftigen, ob ja oder ob nicht. Groß ist der Unterschied zwischen den Lagern nicht. Johnson nun zum Prügelknaben ihrer gegenwärtig bereuten, aber längst nicht endgültigen Entscheidung zu machen, ist doch wohl mehr als lächerlich. Dann sollten sie sich doch wohl eher dafür einsetzen, dass GB keinen Antrag stellt und dafür kämpfen, dass die Versager Juncker und Schulz gehen, womit sich natürlich ein neues Problem ergibt: Die Politiker der EU sind alle wegen nationaler Unfähigkeit aussortiert worden, woher also fähige Köpfe rekrutieren, denen es um die Sache im Sinne des Bürgers geht. Nächstes Problem: Jeder, der nicht mainstream mitheult, ist inzwischen rechter Populist. Es wurde öffentlich verboten, nur erst einmal an die Interessen des eigenen Landes zu denken. Viel Spaß - die Industrie läuft sowieso außer Konkurrenz - mit erfolgreicher Wirkung, wie man am Beispiel Volkswagen sehen kann. Warum also Johnson zum Prügelknaben der eigenen souveränen Entscheidung machen?
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