Abwegige Brexit-Hoffnungen Das Märchen von der britischen Einzigartigkeit

Die britische Elite hält ihr Land für dermaßen außergewöhnlich, dass es den Rest Europas nicht braucht. So war ihre Einstellung zur EU, so kam es zum Brexit. Und so wird es zu einer Demütigung der Briten kommen.

Skyline von Liverpool
Getty Images

Skyline von Liverpool

Ein Gastbeitrag von Simon Tilford


  • Centre for European Reform
    Simon Tilford ist stellvertretender Direktor des britischen Thinktanks "Centre for European Reform" mit Sitz in London. Er beschäftigt sich unter anderem mit der politischen Ökonomie der Eurozone, Steuer- und Geldpolitik und dem deutsch-britischen Verhältnis.

Die meisten Länder halten sich für etwas Besonderes. Aber nur wenige haben sich dazu hinreißen lassen, aus diesem Gefühl heraus ihre Interessen in dem Maße zu schädigen wie es Großbritannien momentan tut. Britische Politiker, Wirtschaftsvertreter und Leitartikler sind bemerkenswert zuversichtlich, dass Großbritannien außerhalb der EU gedeihen wird. Natürlich kritisieren auch Franzosen und Deutsche die EU, doch sind sie nicht ernsthaft der Ansicht, dass die EU es ihnen erschwert, ihre jeweiligen nationalen Interessen zu verfolgen. Die britische Überheblichkeit ist nicht zu rechtfertigen - das Vereinigte Königreich braucht die EU ebenso sehr wie Deutschland oder Frankreich.

Warum glauben die Briten, die EU nicht zu brauchen?

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 17/2017
Donald Trump und Kim Jong Un riskieren den Atomkrieg

Die Briten sind weniger eurozentrisch und antiamerikanisch als viele andere Europäer und eher geneigt, in außereuropäische Länder umzuziehen. Großbritanniens globaler Einfluss ist weitreichender als der anderer EU-Länder, mit einem ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat, ernst zu nehmenden militärischen Fähigkeiten und einem Atomwaffenarsenal. Eine ähnliche Position nimmt innerhalb Europas nur Frankreich ein. Aber die französische Elite glaubt nicht, dass die Fähigkeit Frankreichs, die eigenen Interessen zu verteidigen, von ihrer EU-Mitgliedschaft eingeschränkt wird. Die Franzosen haben immer verstanden, dass Frankreich nur eine bedeutende globale Macht bleiben kann, indem es seinen Einfluss in der EU nutzt. Die Vorteile der EU-Mitgliedschaft für Deutschland liegen auf der Hand: Nach dem Zweiten Weltkrieg verlieh das multilaterale EU-Projekt dem Land Respekt und Legitimität. Die EU ermöglichte es den Deutschen, sich auf internationaler Ebene zu rehabilitieren.

Warum glauben viele britischen Eliten, dass sie im Gegensatz zu den Franzosen und den Deutschen die EU nicht brauchen? Ein Grund dafür ist ihre eigene rosarote Sicht der britischen Geschichte. Zwar musste Großbritannien seinen internationalen Ruf nach dem Krieg nicht im selben Maße wieder aufbauen wie Deutschland. Aber zu viele sehen Großbritannien als Leuchtfeuer der Demokratie und Freiheit. Zu wenige sind sich bewusst, dass als Konsequenz der britischen Kolonialgeschichte Großbritannien weniger vertraut und bewundert wird, als sie es sich vorstellen. Die EU-Mitgliedschaft der Briten hat oft dazu beigetragen, diese historischen Spannungen zu mildern: Indem es häufig als Brücke zwischen der EU und den USA agierte, gewann Großbritannien überproportional an Einfluss.

Feindseligkeit, bestenfalls Ambivalenz

Ein zweiter Grund für die Feindseligkeit - oder bestenfalls Ambivalenz - der britischen Elite gegenüber der EU ist, dass London nur ungern die zweite Geige hinter der deutsch-französischen Partnerschaft spielt. Seitdem sich Großbritannien 1973 für den Beitritt zur damaligen EWG entschied, hat die Union für die Briten den Beigeschmack eines deutsch-französischen Projekts, welches französische und deutsche Interessen über die Großbritanniens stellt. Die britische Elite konnte nie ganz ein europäisches Projekt unterstützen, deren Institutionen unzureichend britisch geprägt waren. In Verbindung mit der britischen Aversion gegenüber jeglicher Souveränitatsaufgabe trägt dieser Eindruck maßgeblich zur britischen Abneigung gegen die EU bei.

Kanzlerin Merkel, Präsident Hollande
AP

Kanzlerin Merkel, Präsident Hollande

Großbritanniens Gefühl wirtschaftlicher Unverwundbarkeit ist noch rätselhafter. Warum glaubt ein Land, das deutlich ärmer ist als Deutschland, mit weniger international wettbewerbsfähigen Branchen und stärkerer Abhängigkeit von ausländischem Kapital und Management-Know-how, dass es sich leisten kann, den Binnenmarkt zu verlassen?

Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Großbritanniens ist nicht besser als die Frankreichs und in manchen Bereichen, zum Beispiel bei der Produktivität, sogar deutlich schlechter als die der Franzosen. Dennoch glaubt niemand aus Frankreichs politischem Mainstream ernsthaft, dass die französische Wirtschaft außerhalb der EU besser gedeihen könnte.

Bestenfalls mittelmäßiges Wachstum

Ein Großteil der britischen Elite weiß wenig darüber, wie die britische Wirtschaft im Vergleich dasteht. Wenigen ist bewusst, dass drei Viertel des Landes ärmer sind als der EU-15-Durchschnitt, dass das Wachstum der britischen Wirtschaft bestenfalls mittelmäßig war oder dass es relativ wenige britische Unternehmen gibt, die starke Wachstumsraten vorweisen können.

Es gibt durchaus Lichtblicke in der britischen Wirtschaft, diese sind aber in hohem Maße ausländischem Kapital und Fachwissen geschuldet. Ausländische Unternehmen generieren mehr als die Hälfte der Exporte des Landes, und viele dieser Exporte sind Komponenten und Vorleistungen, die in europäischen Lieferketten weiterverarbeitet werden. Diese Unternehmen sind besonders anfällig für die Folgen von Großbritanniens Austritt aus dem Binnenmarkt.

Wäre die britische Wirtschaft stärker in britischer Hand, wäre der britische Optimismus über die wirtschaftlichen Auswirkungen des Brexit leichter zu verstehen. Aber dass ein so hoch entwickeltes Land, das so abhängig ist von ausländischem Kapital, etwas tut, das so schädlich für die eigene Fähigkeit ist, dieses Kapital anzuziehen, ist wirklich außergewöhnlich.

Büroviertel in London
Getty Images

Büroviertel in London

Ein Großteil der britischen Elite lebt in London, Europas einziger wirklich globaler Stadt - das verführt zu der Annahme, dass Großbritannien wichtiger und mächtiger, die britische Wirtschaft dynamischer ist, als es der Realität entspricht. London ging es die letzten 30 Jahre sehr gut. Aber ein Großteil des Londoner Wohlstands ist dem Erfolg der Stadt geschuldet, sich innerhalb der europäischen Arbeitsteilung erfolgreich zum Zentrum von Finanz- und sonstigen Unternehmensdienstleistungen aufzuschwingen.

Ein weiterer wichtiger Grund für die britische Brexit-Selbstgefälligkeit ist, dass ein Großteil der Elite glaubt, die EU sei ein verkrustetes Projekt und wirtschaftlich ein Misserfolg. Natürlich steht die EU vor ernst zu nehmenden Herausforderungen, aber sie ist weit entfernt von der britischen Karikatur einer protektionistischen, insularen und wirtschaftlich illiberalen Union. In Wirklichkeit ist der Binnenmarkt der EU offener als der US-Markt. Und die EU hat eine gute Bilanz, wenn es um das Aufrechterhalten von Werten geht, die Großbritannien oft stolz hochhält: Völkerrecht, Menschenrechte und eine geregelte Handelsordnung zum Beispiel.

Großbritannien steuert auf eine Demütigung zu. Die ohnehin schon mittelmäßigen Wachstumsaussichten werden sich weiter verschlechtern. Entfremdet von seinen engsten Verbündeten - dem Rest der EU - wird Großbritannien wenig internationalen Einfluss ausüben können. Wenn die Realität sich irgendwann nicht länger verdrängen lässt, könnte dies die britischen Eliten dazu veranlassen, auf einen Wiedereintritt zu drängen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Großbritannien sich der EU tatsächlich irgendwann wieder anschließen - das jedoch unweigerlich zu nachteiligeren Bedingungen als denen, die London bisher hatte. Es wird dann die nächsten 20 Jahre damit verbringen müssen, den Einfluss, den es so beiläufig weggeworfen hat, mühsam wieder aufzubauen.

Stimmenfang #6 - AfD - bis hierhin und wie weiter?

insgesamt 460 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
UlrichLamprecht 29.04.2017
1. Ein richtig guter Artikel
Ressentimentbegründet alle Vorteile aufzugeben, dazu gehört einiges. Vielleicht sollten EU Wirtschaftspädagogen endlich mal die vielen Vorteile der Gemeinschaft herausarbeiten. Man kann doch nicht ewig am Glühbirnenverbot und Richtlinien zur Bananenkrümmung hängenbleiben, auch wenn diese Maßnahmen teilweise etwas kurzsichtig scheinen. Ich will jedenfalls mit meinen französischen, beneluxischen und anderen Freunden mein Leben in einer EU beschließen die möglichst einig und gut funktioniert.
janowitsch 29.04.2017
2. Bye bye
Ich kenne Großbritannien ein klein wenig und denke auch, dass es mit dem Brexit mehr zu verlieren hat als zu gewinnen. Zurückblickend wird man den Kopf schütteln über die kleine Missstimmung, die zu einer so weitreichenden Entscheidung geführt hat. Aber Menschen denken nicht in Jahrzehnten, sondern überblicken bestenfalls einige Jahre. Jedenfalls ist Zusammenarbeit, Freundschaft und Respekt auf diesem Planeten besser als Misstrauen und Isolation.
lookinside13012 29.04.2017
3. Armes England
Gute Analyse. Mit diesen einfachen Worten hätte man die älteren Engländern vor der Wahl zum Brexit konfrontieren sollen. Die englische Jugend steht jetzt vor dem Scherbenhaufen dieser Entscheidung. Diese Wahl,die zum Brexit geführt hat,ist der Beweis,dass basisch-demokratische Befragungen nicht immer sinnvoll sind! Komplexe Systeme,werden banalisiert und von unmündigen Bürgern abgesegnet.
Badischer Revoluzzer 29.04.2017
4. Meine Prognose für die Zukunft
der Briten wird folgendermaßen aussehen. Der Brexit ist beschlossen. Das wird jetzt durchgezogen. Dann wurschtelt man ein paar Jahre. Danach wirid sich wieder der EU angenähert. Und schließlich wird es wieder einen Beitritt geben. Ich bin kein Hellseher, aber genauso wird es laufen. Ich schätze mal so 10 Jahre; dann habe wir wieder den Status Quo von 2012.
stefan.martens.75 29.04.2017
5. Guter Artikel
Guter Beitrag.Warum begreifen Menschen internationale Politik nicht? Soviel Anders als eine Schule oder eine Firma funktioniert die nun auch nicht. Es gibt Klassen, Paralellklassen und unterschiedliche Jahrgänge. Die Briten haben gerade aus bockigkeit darum gebeten in die Paralellklasse wechseln zu dürfen....Weil sie mit Ihren Klassenkameraden nicht klar gekommen sind. Nächstes Jahr ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie sitzenbleiben weil sie total entwurzelt sind und mit dem abverlangen Stoff nicht mehr klar kommen, weil sie Andere Probleme haben. Wieder zurück im die Klasse zu kommen ist ein steiniger Weg :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.