Großbritannien Cameron warnt, Brexit wäre "unumkehrbar"

Die Pause ist vorbei: Nach dem Mord an Jo Cox beginnt wieder der Brexit-Wahlkampf. Premier Cameron warnte die Briten: Es gebe keine Chance, das Votum hinterher zu korrigieren.

Großbritanniens Premier David Cameron
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Großbritanniens Premier David Cameron


Vier Tage vor dem Brexit-Referendum scheinen die EU-Befürworter in Großbritannien wieder Aufwind zu haben: Laut einer Umfrage des Instituts Survation für die Sonntagszeitung "The Mail On Sunday" wollen 45 Prozent für den EU-Verbleib des Königreichs stimmen und 42 Prozent für den Ausstieg.

Die Umfrage wurde am Freitag und Samstag vorgenommen und ist damit die erste, die die Stimmung nach dem tödlichen Attentat auf die Labour-Abgeordnete Jo Cox am Donnerstag erhob. Bei der vorherigen Erhebung des Instituts hatte das Brexit-Lager noch mit 45 zu 42 Prozent in Führung gelegen.

Die Website What UK Thinks ermittelt einen Durchschnittswert der letzten sechs veröffentlichten Umfragen. Hatte dieser am Donnerstag die EU-Gegner noch mit vier Punkten in Führung gesehen, so lagen am Sonntag beide Lager wieder bei 50 Prozent.

"Unumkehrbare Entscheidung"

Drei Tage ruhte nach dem Attentat auf Jo Cox der Brexit-Wahlkampf. Am Sonntag nahmen britische Spitzenpolitiker die Kampagne wieder auf. Premier David Cameron sagte der "Sunday Times", dass er keine Möglichkeit einer Rückkehr seines Landes in die EU sehe, sollten die Wähler mehrheitlich für einen Austritt aus der Staatengemeinschaft stimmen. Es werde keine zweite Chance geben, über die Rolle Großbritanniens in der EU zu entscheiden. "Das ist eine unumkehrbare Entscheidung mit sehr schlechten Konsequenzen für die britische Wirtschaft", sagte Cameron.

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Am Abend stellt Cameron sich im BBC-Fernsehen Fragen von Zuschauern. Auch Justizminister Michael Gove, ein Austrittswortführer, tritt öffentlich auf.

Mit Spannung wird erwartet, ob die Wortführer beider Lager ihren Ton im Wahlkampf mäßigen. Kritiker hatten moniert, die Debatte sei zuletzt immer giftiger geführt worden. Sowohl Cameron als auch Labour-Oppositionschef Jeremy Corbyn plädierten nach dem Attentat dafür, Hass und Intoleranz in der Politik zu überwinden.

Cameron bekräftigte, dass er auch im Falle eines Brexit nicht zurücktreten wolle. "Ich mache einfach weiter mit dem Job", sagte er. Er habe ein klares Mandat der Wähler. "Es wird kein Urteil über mich sein, wie auch immer der Ausgang ist."

Die Wahlempfehlungen der Zeitungen

Die großen Sonntagszeitungen gaben ihre Wahlempfehlung ab: Die "Sunday Times" empfiehlt ihren Lesern in einem Leitartikel, zunächst für einen Austritt zu stimmen. So solle der Druck erhöht werden, um eine tiefergehende Reform der EU zu erzielen. Diese würde es den Briten dann leichter machen, nach einem zweiten Referendum letztendlich doch in der Gemeinschaft zu bleiben. Die Zeitung greift damit einen Vorschlag des ehemaligen Londoner Bürgermeisters Boris Johnson auf, einem der prominentesten Verfechter eines Brexit.

Ebenfalls für den Brexit sprach sich der konservative "Sunday Telegraph" aus. Die rechtskonservative "Mail on Sunday" hingegen legt ihren Lesern überraschend nahe, für einen Verbleib in der EU zu stimmen. Auch der linke "Observer" empfiehlt ein Ja zur EU.

Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid im Auftrag von "Bild am Sonntag" zufolge würden es 58 Prozent der Deutschen bedauern, wenn die Briten austräten. 30 Prozent wäre das egal, und nur sieben Prozent würden einen Brexit begrüßen.

Der Internationale Währungsfonds IWF hatte am Freitag erneut vor einem EU-Austritt Großbritanniens gewarnt. Im Fall eines Brexit könnte die britische Wirtschaftsleistung langfristig um bis zu 4,5 Prozentpunkte niedriger liegen als bei einem Verbleib in der EU. Für 2017 sehen die Szenarien in einer IWF-Analyse sogar einen Rückgang der Wirtschaftsleistung vor, sollten die Briten austreten.

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anr/dpa/Reuters/AFP

insgesamt 184 Beiträge
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mailo 19.06.2016
1.
Wirtschaftsleistung... wen interessiert eigentlich diese Wirtschaftsleistung? Summe aller ausgezahlten Löhne und Gehälter wäre doch eigentlich viel interessanter.
dubito_ergo_cogito 19.06.2016
2. Ach ja?
Da gesteht der Mann frech ein, dass er die von der "mächtigsten Frau der Welt am Gängelband geführten EU-Heinis unverschämt mit etwas erpresst hat, was eine Kathastrophe für sein eigene sLand (und polotisch sicher auch für ihn persönlich) wäre - und die Heinis treten den Kerl nicht in seinen..... sondern veräffentlichen (siehe ausgerechnet Spiegel!!!) larmoyante Bitten "Geht nicht" (d.h. "Beansprucht auch weiterhin jeden, aber auch jeden Leckerbissen den diese sogenannte Gemeinschaft zu bieten hat, fürht das allegrößte Wort - nicht nur im eigenen Namen, sondern ganz besonders als Sprachrohr Euerer "Cousins" bei allem und jedem - und verweigert Euch weiterhin der Erfüllung jeder gemeinsam-sein-sollenden Verpflichtung! Und dieses machen Ihre EU-Heinis mit unserem Geld und in unserem Namen! Selber schuld!!
breguet 19.06.2016
3. Bild - toll
Schön einfältig von der BILD die Deutschen zu fragen. Klar wollen die das die Briten bleiben, die zahlen mehr ein als sie bekommen. Das müssten dann die Deutschen zusätzlich aufbringen, wer will schon mehr zahlen?
laufmichel 19.06.2016
4. Sollten sich die Briten
für einen Brexit entscheiden, dann ist das eben so. Meint denn irgend wer, dass sich die Welt deshalb anders herum drehen würde? Dann wird man sich anders arangieren. Wird sich alles finden, wenn es so weit ist. Glück auf und einen schönen Sonntag
Scum 19.06.2016
5. Panikmache
Immer diese Panikmache. Als ob die EU irgendeinem Land langfristig Wohlstand gebracht hätte. Die Südeuropäer sind mit Fehlsubventionen gescheitert, wahrscheinlich wird es den Osteuropäern genauso gehen. Und in Deutschland breiten sich Niedriglöhne immer mehr aus. Die Briten sollte schön die EU verlassen und schauen, dass sie die ausländische Konkurrenz in niedrigbezahlten Arbeitsmärkten möglichst stark verringern, damit die Armen dort mal wieder mehr verdienen. Und wenn die Mittelschicht zunehmend Probleme hat, in London zu wohnen, da die Mieten dort zu hoch sind, sollte man dort auch mal schauen, dass man nichtbritischen Zuzug dort einschränkt. Die einzig sinnvollen europäischen Projekte waren der Tornado und der Eurofighter. Dort konnten immerhin durch die Aufteilung auf mehrere Länder Entwicklungskosten gespart werden.
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