Brexit-Votum So gespalten ist Großbritannien

Die Brexit-Abstimmung zeigt: Durch Großbritannien geht ein Riss. Nord gegen Süd, Jung gegen Alt, Arm gegen Reich. Die interaktive Wahlkarte.

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Nigel Farage feiert. Die Briten, sagt der Rechtspopulist von der EU-kritischen Unabhängigkeitspartei Ukip, haben endlich ihre Unabhängigkeit zurück. Für Premierminister David Cameron sind die 51,9 Prozent für den Brexit eine schwere Niederlage, er hat seinen Rücktritt für Oktober angekündigt (verfolgen Sie hier die aktuellen Entwicklungen im Newsblog). Er wollte seine Partei, die konservativen Tories, eigentlich mit dem Referendum einen. Doch stattdessen hat das Brexit-Votum das gesamte Land geteilt.

Die Gräben zwischen EU-Befürwortern und -Gegnern sind tief, und sie sind demografisch und geografisch klar zu verorten. Vier erste Erkenntnisse zum Brexit-Referendum:

1. EU-Befürworter im Norden, EU-Gegner im Süden

Rund zwei Drittel (62 Prozent) haben in Schottland für den Verbleib in der EU gestimmt - so viel wie in keinem anderen Landesteil des Vereinigten Königreichs. Die Leaver konnten sich in keinem Wahlbezirk durchsetzen. In Glasgow votierten 67 Prozent der Wähler für einen Verbleib des Königreichs in der EU, in Edinburgh sogar 74,4 Prozent.

Schottland gilt traditionell als europafreundlich - für die Schotten stellt die EU ein wichtiges Gegengewicht zu London dar, sie sehen in Brüssel eher einen Beschützer als einen Feind. Viele Schotten kritisieren die Politik der Regierung in London, es gibt bereits neue Forderungen nach einem Unabhängigkeitsreferendum. Vor zwei Jahren hatten die meisten Schotten gegen die Abspaltung von Großbritannien gestimmt.

In Nordirland befürwortet ebenfalls eine Mehrheit (55,8 Prozent), in der EU zu verbleiben, wobei vor allem die Wahlbezirke an der Küste für Leave votierten.

Im Gegensatz dazu stimmte der Süden - England und Wales - mehrheitlich für den Austritt: In England sind es 53,4 Prozent, in Wales 52,5 Prozent.

2. London und das Umland - zwei Welten

In England lässt sich gut der Stadt-Land-Gegensatz beobachten. London mit seiner jüngeren, gebildeteren und internationalen Bevölkerung spricht sich klar für einen Verbleib in der EU aus. Im Wahlbezirk City of London macht das Remain-Lager sogar mehr als drei Viertel der Stimmen aus.

Im Osten des Landesteils, etwa in East Anglia, einer ländlichen Region mit kleinen Orten und Städten, votiert die Mehrheit klar für den Austritt. Hier leben überwiegend ältere Leute mit geringerem Bildungsniveau, Arbeiter und untere Mittelklasse. Und hier arbeiten seit der EU-Osterweiterung Einwanderer aus den östlichen EU-Ländern wie Polen oder der Slowakei - billige Arbeitskräfte, die immer wieder für kontroverse Diskussionen sorgen. Das Pro-Brexit-Lager hatte im Wahlkampf immer wieder Stimmung mit dem Thema Immigration gemacht. In dieser Region holt die EU-feindliche Ukip, ein Befürworter des Brexits, immer wieder hohe Wahlergebnisse.

3. Brexit - und die Briten gehen an die Urnen

72,2 Prozent der registrierten Wähler haben über den Brexit abgestimmt - damit fällt die Wahlbeteiligung hoch aus. In Gibraltar und im Wahlbezirk Chiltern nordwestlich von London gingen 83,5 Prozent wählen; auffällig ist, dass dort die EU-Befürworter gewinnen. In Gibraltar haben 95,9 Prozent für den Verbleib Großbritanniens in der EU gestimmt, in Chiltern immerhin 55 Prozent.

Zur Parlamentswahl im vergangenen Jahr waren nur 66,1 Prozent der registrierten Wähler gegangen, zur Europawahl gerade einmal 35,6 Prozent. Profitiert hat von der höheren Wahlbeteiligung nun vor allem das Leave-Lager. Umfragen und eine Nachwahlbefragung hatten zuletzt einen kleinen Vorsprung für die EU-Befürworter gezeigt, aber auch um die zehn Prozent unentschlossene Wähler.

4. Knapp, knapper - enges Rennen

263 der 382 Wahlbezirke haben für einen Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt. Je unversöhnlicher sich die Lager gegenüberstehen, desto knapper fallen die Ergebnisse des Referendums aus. In einem Drittel der Bezirke liegen die Resultate nur wenige Prozentpunkte auseinander - das heißt, die Mehrheit für Remain oder Leave liegt jeweils unter 55 Prozent.

Klicken Sie in die interaktive Wahlkarte, um die Ergebnisse des Brexit-Referendums mit weiteren Faktoren wie Arbeitslosigkeit und Altersgruppen zu vergleichen:

Brexit-Referendum

Verbleib in der EU
EU-Austritt



insgesamt 236 Beiträge
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mam71 24.06.2016
1.
Na ja, selbst in den Regionen, die für "Bleiben" gestimmt haben, lag die Brexit-Quote bei rund 40%. Stürmische Begeisterung sieht wohl anders aus.
eryx 24.06.2016
2.
Alleine diese Karte wird zukünftige Abstimmungen bestimmen: "Schaut her, die im Süden sind ganz anders, als wird". Wenn man nur einmal einen Blick in die Zukunft werfen könnte. Cameron wird vermutlich als der Premier in Erinnerung bleiben, der Großbritannien nachhaltig Schaden zugefügt hat und vermutlich auch die Einheit der Insel auf dem Gewissen hat.
in_peius 24.06.2016
3. Es wird vermutlich...
so ablaufen, wie es regelmäßig ist: Diejenigen, die sich von rechten Demagogen haben zu einer Stimmenabgabe gegen den Verbleib verführen lassen, werden die Konsequenzen am stärksten zu spüren bekommen und -hier kommt dann die zumeist mangelnde Bildung ins Spiel- in fünf Jahren waren es wieder "die da oben", die die Misere verursacht haben sollen.
Mondaugen 24.06.2016
4. Typisch
Mal wieder ein klares Bild: junge, gebildete Wähler entscheiden mit dem Kopf, älteres Prekariat mit dem Bauch. Die Briten schneiden sich ins eigene Fleisch, aber eigentlich waren sie nie Teil der EU (ständige Sonderlocken). Der Pfundabsturz ist nur ein Vorgeschmack auf die Probleme, die das UK jetzt bekommt. Schotten und Iren werden jetzt auf Unabhängigkeit (Schottland) und Wiedervereinigung(Irland) drängen, United Kingdom ade!
R.Kiesl 24.06.2016
5. Brexit und die Folgen
Die Demagogen in Großbritannien wie Johnson und Farage haben sich durchgesetzt und den Menschen ihr Zerrbild vermittelt. Für die EU und vor allem die EU-Kommission wird es nun darauf ankommen, die richtigen Lehren daraus zu ziehen, die Demokratie wieder in den Vordergrund zu stellen und den Menschen zuzuhören. Ob das mit einem Steuervermeider an der Spitze und einer wirtschaftshörigen Kommission gelingen kann, ist allerdings fraglich. Boris Johnson kann man nur viel Spaß bei den Austrittsverhandlungen wünschen und beim Versuch, die Zukunft für UK ohne die EU zu managen. Einfach wird es sicher nicht, weil die Erpressungsmethoden der Vergangenheit unter Cameron nun nicht mehr greifen werden.
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