Brexit-Ergebnis Briten stimmen für EU-Ausstieg

Jetzt steht es fest: Großbritannien stimmt für den Austritt aus der Europäischen Union. Bei dem Referendum haben sich 51,9 Prozent der Wähler für den Brexit entschieden.

Brexit-Befürworter in London
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Brexit-Befürworter in London


Großbritannien kehrt Europa den Rücken: Eine knappe Mehrheit der Briten hat beim Brexit-Referendum für einen Ausstieg aus der Europäischen Union gestimmt. Nach Auszählung aller Wahlkreise liegen die EU-Gegner laut vorläufigem Endergebnis mit 51,9 Prozent der abgegebenen Stimmen vorn. 17,4 Millionen Briten entschieden sich laut der Wahlkommission für den Brexit, etwa 16,1 Millionen waren dagegen (verfolgen Sie hier die aktuellen Entwicklungen im Newsblog).

Die Wahlbeteiligung lag bei 72,1 Prozent. Während Nordirland und Schottland mit sehr großer Mehrheit für den Verbleib in der Europäischen Union stimmten, entschieden die Wähler in England und Wales sich in den meisten Regionen klar für den Brexit - eine Ausnahme bildete lediglich London. Großbritannien ist damit das erste Land, das die EU verlässt (hier lesen Sie, wie es nun weitergehen könnte).

Premierminister David Cameron kündigte wegen des Abstimmungsergebnisses am Freitagvormittag seinen Rücktritt an. Er hatte das Referendum 2013 vorgeschlagen - vor allem mit dem innenpolitischen Kalkül, EU-Kritiker in den eigenen Reihen ruhigzustellen. Im Wahlkampf hatte er sich für einen Verbleib in der Union ausgesprochen.

Brexit-Referendum

Verbleib in der EU
EU-Austritt

Schotten und Nordiren stellen das Vereinigte Königreich angesichts des Wahlergebnisses infrage: "Das schottische Volk hat klargemacht, dass es seine Zukunft in der EU sieht", sagte Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon. Auch die pro-irische Sinn Fein in Nordirland will jetzt verstärkt für einen Austritt der Provinz aus dem Vereinigten Königreich werben. Der Ausgang des Referendums gebe den Bestrebungen für ein vereinigtes Irland neuen Auftrieb, sagt Partei-Chef Declan Kearney.

"Ich glaube, wir haben es geschafft", sagte Ukip-Chef und Brexit-Befürworter Nigel Farage vor jubelnden Anhängern: "Möge der 23. Juni als unser Unabhängigkeitstag in die Geschichte eingehen." Er hoffe, dass dieser Sieg das "gescheiterte Projekt" EU zum Fall bringen werde: "Die EU versagt, die EU stirbt." Farage sagte auch: "Wir haben gewonnen, ohne eine einzige Kugel abgefeuert zu haben."

Video: Nigel Farage zum Sieg des Brexit-Lagers

Zuvor hatte sich Farage bereits auf Twitter euphorisch gegeben: "Ich wage es zu träumen, dass die Morgendämmerung auf ein unabhängiges Vereinigtes Königreich fällt." Der ehemalige Chef der britischen Liberalen, Paddy Ashdown, sagte hingegen: "Gott stehe unserem Land bei." (Mehr Reaktionen aus aller Welt lesen Sie hier.)

Die Anleger an den Finanzmärkten reagierten zum Teil panisch. Das Pfund Sterling fiel auf den niedrigsten Stand seit 1985, die Kurse britischer Banken brachen ein. Die Ratingagentur Standard & Poor's stellte die Kreditwürdigkeit Großbritanniens in Frage. "Das AAA-Rating ist nicht länger haltbar", sagte Rating-Chef Moriz Krämer der "Financial Times". Die Agenturen Moody's und Fitch hatten das Land bereits aus ihrer AAA-Liste gestrichen.

Der Euro fiel am Morgen auf ein historisches Tief von 1,10 Dollar. Zugleich stieg der Goldpreis um fast fünf Prozent auf den höchsten Stand seit August 2014. Der Dax stürzte am Vormittag um zehn Prozent ab, auch die Börse in London könnte Schätzungen zufolge um bis zu sieben Prozent einbrechen. In Asien gab es ebenfalls zum Teil deutliche Kursverluste (lesen Sie hier mehr zu den Reaktionen an den weltweiten Märkten).

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Die Europäische Union dürfte nun der schwersten Krise ihrer Geschichte gegenüberstehen. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz gab Cameron eine Mitschuld an dem Abstimmungsergebnis: Der Premier habe "große Verantwortung auf sich geladen", sagte Schulz im ZDF. Er rechne nun mit einem schnellen Start der Austrittsverhandlungen, Großbritannien werde danach als Drittstaat behandelt. Eine "Hängepartie über Jahre" sei nicht im Interesse beider Seiten, so der SPD-Politiker. "Wir haben uns auf einen Brexit vorbereitet".

Schulz zeigte sich überzeugt, dass der Brexit nicht die befürchteten Austritte anderer Länder zur Folge haben wird. "Die Kettenreaktion wird es gar nicht geben", so Schulz. "Ich glaube nicht, dass andere Länder ermutigt werden, diesen gefährlichen Weg zu gehen." In den kommenden Tagen kommen diverse Gremien in Brüssel und Luxemburg zu Sondersitzungen zusammen, unter anderem am Dienstag das EU-Parlament.

In Frankreich und den Niederlanden forderten rechte und populistische Politiker ebenfalls Volksabstimmungen über einen Austritt aus der EU. Seine Partei fordere "ein Referendum über den Nexit", sagte der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders. Die Chefin von Frankreichs rechtsextremem Front National, Marine Le Pen, forderte auf Twitter "dasselbe Referendum in Frankreich und in den Ländern der EU."

Videokommentar: Jetzt muss die EU erst recht zusammenwachsen

SPIEGEL ONLINE

mxw/syd/dpa/Reuters/AFP

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nele12 24.06.2016
1. Glückwunsch
Glückwunsch, das nennt man Demokratie. Brüssel hat bis heute nicht verstanden, dass die EU in ihrer jetzigen Form in der Bevölkerung eine breite Ablehnung findet. Der Austritt Großbritanniens hätte nicht sein müssen, wenn längst überfällige Reformen stattgefunden hätten. Es wurden viel zu viele Fehler begangen und Europa hat sich in den letzten Jahren bis zur Unkenntlichkeit negativ verändert. Das will keiner und die Italiener stehen schon in den Startlöchern, denn auch dort wollen viele ebenfalls den Austritt aus der Zwangsjacke EU. Doch ähnlich wiebei der Flüchtlingskrise, wo wieder alles beim Alten ist, werden sie auch den Austritt Großbritanniens schnellstmögchst ignorieren und weitermachen wie bisher.
soron 24.06.2016
2. britisches Veto blockierte doch EU-Reformen seit Thatcher
Man sollte den Brexit auch als Chance begreifen. Insbesondere bei der Finanzmarktregulierung gibt es dringenden Nachholbedarf, der bisher vor allem aus Rücksicht auf britische Befindlichkeiten nicht vom Fleck kam. Jetzt haben wir die Chance, die EU zu reformieren - ohne dass eine fünfte Kolonne der USA seine Finger im Spiel hat. Es könnte - trotz allem - ein guter Tag für Europa werden.
Max Super-Powers 24.06.2016
3.
Ein Tag der Freiheit und Demokratie. Und ich freue mich ehrlich. Denn egal was jetzt kommt, Brüssel wird sich ändern müssen und das ist ein Vorteil für uns alle.
geirröd 24.06.2016
4. Der Anfang vom Ende..
..Europas. Nichts wird mehr so sein, wie wir es seit über 40 Jahren kennen. Ich hoffe nur, dass es nicht der erste von vielen Dominosteinen ist.
thunderstorm305 24.06.2016
5. Europa hat es sich selbst eingebrockt.
Die Einführung der politischen Union war doch zu schnell und die Einführung des Euros hat Zentrifugalkraft freigesetzt, deren Folgen man nun deutlich sehen kann. Dass mittlerweile in den meisten Mitgliedsländern die Europa-Skeptiker immer mehr an Boden gewinnen, lässt die EU von Innen zerbrechen. Den Euro-Skeptikern Dummheit und Stimmungsmache zu unterstellen, hilft nicht weiter. Denn der Wähler ist der Souverän. Ihn als dumm hinzustellen steht niemandem zu.
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