Ukip-Chef Farage Der Brexit-Triumphator

Er ist der große Gewinner in Großbritannien: Der Rechtspopulist Nigel Farage hat 25 Jahre auf den Brexit hingearbeitet. Wer ist der Mann, der sein Land aus der EU gedrängt hat?

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Aus London berichtet


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Der Tag, an dem er seinen größten Triumph feiern sollte, begann nicht gut für Nigel Farage. Es sehe nach einem Sieg für das "Remain"-Lager aus, sagte der Chef der britischen Unabhängigkeitspartei Ukip in der Nacht zu Freitag. Um Mitternacht sah eine Nachwahlumfrage die EU-Befürworter 52 zu 48 Prozent vorne, andere Demoskopen prophezeiten sogar eine heftige Niederlage für das Brexit-Lager.

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Heft 26/2016
Es lebe Europa?

Doch es kam anders. 17,4 Millionen Briten stimmten für den EU-Ausstieg, nur 16,1 Millionen dagegen. Und der Mann hinter diesem Votum, der große Gewinner ist Farage. Der Brexit ist sein Erfolg. Der Aufstieg seiner europafeindlichen, rechtspopulistischen Partei brachte Premierminister David Cameron dazu, die Bürger über die EU abstimmen zu lassen. Und im Wahlkampf bestimmte Farage monatelang den Ton mit aggressiven, ausländerfeindlichen Botschaften.

Der Ukip-Chef schaffte es, die Zuwanderung zum entscheidenden Thema der Debatte zu machen und die drohenden wirtschaftlichen Folgen in den Hintergrund treten zu lassen. "We want our country back", "wir wollen unser Land zurückhaben" - mit dieser Parole erreichte Farage alle Nostalgiker und Nationalisten in Großbritannien.

Der 52-Jährige ist kein dumpfer Hetzer, sondern ein geschickter Manipulator. Im Gegensatz zur Westminster-Elite, die viele Briten als abgehoben und weltfremd wahrnehmen, gilt Farage als Mann von nebenan. Er hat nicht studiert und verließ die Schule im Alter von 16 Jahren. Farage ist Kettenraucher und geht gerne in Pubs, das klassische Motiv in den britischen Medien zeigt ihn dort, mit einer Zigarette in der einen und einem großen Bier in der anderen.

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Brexit-Reaktionen: Rausgewählt

Der Ukip-Chef habe die Politikverdrossenheit der Briten geschickt ausgenutzt, sagt Rob Ford, Politikwissenschaftler an der Universität in Manchester. Mit seinem Erfolg beim Brexit-Referendum habe Farage "einen größeren Einfluss auf die Geschichte Großbritanniens genommen als die meisten Premierminister".

Beleidigungen und rassistische Botschaften

Farages politische Karriere begann bei den konservativen Tories, bereits als Schüler trat er bei. 1991 verließ er die Partei im Alter von 27 Jahren aus Protest gegen den europafreundlichen Kurs von Premierminister John Major und gründete die parteienübergreifende Organisation Anti-Federalist League. Aus dieser ging 1993 Ukip hervor. Das einzige politische Ziel der Partei: Großbritannien aus der Europäischen Union zu führen.

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Der Durchbruch gelang bei den Europawahlen fünf Jahre später. Als eines von drei Ukip-Mitgliedern zog Farage ins Europaparlament ein. Diesem gehört er immer noch an, in Brüssel und Straßburg fällt er vor allem mit Beleidigungen und Anfeindungen auf. Anfang 2010 sorgte er für einen Eklat, als er den Chef des Europäischen Rats, Herman Van Rompuy, anging. Dieser habe das "Charisma eines nassen Lappen" und das "Auftreten eines kleinen Bankangestellten". Als Farage daraufhin beim Parlamentspräsidenten antreten musste, verweigerte er eine Entschuldigung und spottete, entschuldigen werde er "höchstens bei allen Bankangestellten in der Welt".

Der dreiste Ton gegen die EU-Elite machte den Ukip-Chef in seiner Heimat zum Liebling der rechten Boulevardpresse. Dort durfte er auch im Brexit-Wahlkampf ausländerfeindliche Botschaften verbreiten. Als er genau an dem Tag, an dem die Labour-Abgeordnete Jo Cox ermordet wurde, ein Plakat mit einer eindeutig rassistischen Botschaft enthüllte, glaubten viele Beobachter, Farage sei zu weit gegangen. "Breaking Point", "Belastungsgrenze" lautete die Überschrift des Transparents, das eine Masse von Flüchtlingen an der slowenisch-kroatischen Grenzen zeigte. Der Ukip-Chef ist vielleicht kein Rassist, aber wie alle Rechtspopulisten nutzt er rassistische Botschaften, um seine politischen Ziele zu erreichen.

"Gesiegt, ohne einen einzigen Schuss abzugeben"

Nach "Breaking Point" wurde der Ukip-Mann sogar in konservativen Medien wie dem "Spectator" heftig kritisiert. Auch am Freitag zog Farage noch mal Ärger auf sich, als er sagte, seine Anti-EU-Bewegung habe "gesiegt, ohne einen einzigen Schuss abzugeben". Diese Aussage wurde angesichts des Todes von Jo Cox von vielen als herzlos aufgefasst. Der Angreifer soll bei seiner Tat "Put Britain first" gerufen haben, einen Schlachtruf der Brexiteers.

Farages Beliebtheit leidet trotz aller Grenzüberschreitungen nicht. Im Gegenteil. Seine Anhänger lieben ihn als jemand, der Klartext redet und immer das ausspricht, was ihm gerade durch den Kopf geht.

Was kommt nun, wie geht es für Farage nach seinem Triumph weiter? Beobachter in London gehen davon aus, dass sich die politische Karriere des Brexit-Kämpfers dem Ende zuneigt. Mit dem Erfolg beim Referendum habe er alles erreicht. Die Ein-Themen-Partei Ukip ist am Ziel. Mission accomplished - Mission erfüllt.


Zusammengefasst: Die politische Karriere von Nigel Farage war einzig und allein auf den Brexit ausgelegt. Er gibt sich gern als Mann des Volkes - und war damit erfolgreich. In Brüssel ist er mit seinem rauen, manchmal unverschämten Ton oft angeeckt, doch auch dafür feiern ihn die Ukip-Anhänger. Nach dem Brexit dürfte sich seine Laufbahn nun dem Ende zuneigen.

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Seite 1
robin-masters 25.06.2016
1. London London London
was ist mit den anderen englischen Städten? Vielleicht liegt es auch daran das man für leave gestimmt hat weil man kein Bock mehr auf diese Zentralisierung hat.
INGXXL 25.06.2016
2. Na ob Farage auch noch jubelt wenn Schottland
und Nordirland GB verlassen und in Nordirland der Bürgerkrieg wieder ausbricht. Vielleicht doch zu kurz gedacht. Aber daran hätte Cameron und die anderen Breit Gegner stärker hinweisen sollen
shardan 25.06.2016
3. Mission accomplished?
Mission erfüllt? DAS wird man erst noch sehen müssen. Es könnte sich auch als "Operation gelungen - Patient tot" erweisen. Den ersten Tiefschlag gab es schon, als Farage einräumte, dass es keine Milliarden für den Healthservice geben wird und "er das auch nie gesagt habe".... Es war der erste Rückzieher, es wird nicht der letzte bleiben.
ulrich_loose 25.06.2016
4. Er hat herausgedrängt?
Nein, es hat eine demokratische Mehrheit an Bürgern gegeben. Nichts desto trotz sind Farages Auftritte im EU Parlament wirklich sehens- und hörenswert. Selbst sein schlimmster Feind muss aber anerkennen, dass seine Kritik überaus berechtigt war und ist. Leider meinte man aber in Brüssel das "Ding" Europa einfach so durchziehen zu können, ohne auf die Befindlichkeiten und Wünsche der Millionen EU-Bürger zu berücksichtigen. Leider ist es nun zu spät und ich habe allergrößte Zweifel, dass Brüssel die richtigen Schlüsse ziehen wird. Am ehesten könnte ich mir vorstellen, dass man mit dem Gedanken spielt, die Bürger befragen zu dürfen. Es war ja schon recht erheiternd was der SPD Außenminister so von sich gab. Cameron sei schuld. Warum? Weil er die Bürger befragte! Und das von einem Politiker einer Partei, die die "Basisdemokratie" auf den Fahnen stehen hat und selbst einen Koalitionsvertrag vom Parteifußvolk absegnen lässt.
the great sparky 25.06.2016
5. wo bleibt der respekt?
das regelwerk der eu sieht die möglichkeit eines ausscheidens vor. ein mitglied lässt demokratisch darüber abstimmen - im übrigen war es cameron, der dies möglich machte. und es ist nun mal so, dass es bei einer abstimmung anschließend eine siegreiche und eine geschlagene partei gibt. regelmäßig sollte das votum des wahltages respektiert werden - aber was erleben wir seit freitag morgen? respektloses gebashe! nicht der verlierer, aber es gibt offenbar medien, denen jegliche überparteilichkeit oder objektivität abhandengekommen scheint. irgendjemand sagte mal sehr weise: die wahre größe zeige sich in der niederlage - einige medien und ihre vertreter beweisen vortrefflich mangelnde größe
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