Brexit-Wahlkampf Die 350-Millionen-Lüge

Das Brexit-Lager in Großbritannien hat einen mächtigen Verbündeten: Mit dreisten Lügen schürt die Boulevardpresse die Empörung über die EU. Faktenchecker versuchen, die Mythen zu entzaubern.

Boris Johnson vor seinem Wahlkampfbus
REUTERS

Boris Johnson vor seinem Wahlkampfbus

Aus London berichtet


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Hugo Dixon muss jetzt stark sein. Seit Wochen kämpft der Journalist unverdrossen gegen zwei zentrale Behauptungen der Brexit-Kampagne. Die EU-Gegner auf der Insel wiederholen täglich, dass Großbritannien 350 Millionen Pfund pro Woche an Brüssel überweise und dass die Türkei in absehbarer Zukunft der EU beitreten werde.

Beide Behauptungen sind falsch, dennoch scheinen sie gehört zu werden. Laut einer neuen Umfrage von Ipsos Mori haben 78 Prozent der Briten schon mal gehört, dass angeblich 350 Millionen Pfund pro Woche nach Brüssel fließen. Davon hielten 47 Prozent die Zahl für richtig, nur 39 Prozent glaubten, dass sie falsch sei. 14 Prozent waren unentschieden.

Noch deutlicher sind die Umfrageergebnisse bei der Türkei-Frage. Laut Ipsos Mori glauben 45 Prozent der Befragten, die Türkei werde schon bald EU-Mitglied und 75 Millionen Türken hätten dann das Recht, nach Großbritannien zu ziehen. 45 Prozent hielten die Aussage für falsch, zehn Prozent gaben an, es nicht zu wissen.

Die Zahlen zeigen, wie erfolgreich die Brexit-Befürworter ihre Mythen in der britischen Bevölkerung verbreitet haben. Am Tag vor dem Referendum lassen die Umfragen einen knappen Ausgang erwarten.

"Wir streiten für die Wahrheit"

Hugo Dixon kann das nicht nachvollziehen. Der Wirtschaftsjournalist schreibt unter anderem für Reuters, die "New York Times", den "Guardian" und die "Financial Times". Seit David Cameron das EU-Referendum auf den 23. Juni festlegte, führt Dixon die proeuropäische Organisation "InFacts". Die Aktivisten haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Lügen der EU-Gegner zu widerlegen.

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Dixon reagiert ein wenig beleidigt, wenn man ihn und seine Mitstreiter als Faktenchecker bezeichnet. "Wir sind viel mehr als das", sagt er. "Wir streiten für die Wahrheit in diesem Wahlkampf. Wer alle Fakten kennt, kann gar nicht anders, als für den Verbleib in der EU zu stimmen."

Die Sache mit den 350 Millionen Pfund zum Beispiel. Boris Johnson, Londons Ex-Bürgermeister und Gegenspieler von David Cameron, hat die Zahl sogar riesig auf seinem Wahlkampfbus stehen. Dabei stimmt sie schlicht nicht, wie Dixon in wenigen Sätzen erklärt. "Es ist lustig, dass ausgerechnet Boris, ein alter Thatcher-Fan, den Briten-Rabatt unterschlägt."

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Dank des Sonderstatus, den Margaret Thatcher 1984 aushandelte, reduziert sich die wöchentliche Zahlung der Briten auf 250 Millionen Pfund. Zieht man dann noch die Milliarden ab, die jährlich von der EU auf die Insel fließen, bleiben noch 110 Millionen Pfund, die Großbritannien netto pro Woche zahlt. Nicht wenig, aber längst nicht die Horrorsumme, mit der Johnson und die "Leave"-Kampagne um Stimmen werben.

"Es sieht nach einer Kampagne aus"

Wie haben die Brexit-Befürworter es geschafft, dass so viele Briten ihre Mythen glauben? Laut Dixon kommt die entscheidende Rolle den Boulevardmedien zu. "Die Journalisten von der 'Daily Mail', der 'Sun' oder dem 'Telegraph' waren schon immer EU-skeptisch", sagt er. "Aber in diesem Wahlkampf gibt es so viel falsche Berichterstattung, dass es für mich nach einer gezielten Kampagne aussieht."

Wenn er die Medien auf ihre Fehler hinweise, gebe es zwei unterschiedliche Reaktionen: "Entweder sie ignorieren uns komplett, oder sie drucken eine Richtigstellung, die so klein ist, dass sie niemand liest."

Dixon ärgert sich auch über die britischen Qualitätsmedien. "Der 'Guardian' ist die einzige Zeitung, die über InFacts berichtet. Nicht mal die BBC hat gezeigt, wie verlogen der Wahlkampf der 'Leave'-Kampagne war."


Zusammengefasst: Mit Hilfe der EU-feindlichen Boulevardblätter haben sich die Mythen der Brexit-Befürworter so weit verbreitet, dass ein großer Teil der Briten sie inzwischen für wahr hält. Etwa die Aussage, Großbritannien überweise jede Woche 350 Millionen Pfund nach Brüssel. In Wirklichkeit sind es 110 Millionen. Doch laut einer Umfrage von Ipsos Mori glaubt ein großer Teil der Briten, dass die Zahl stimmt. Die Aktivisten von InFacts halten mit Aufklärung dagegen - und entlarven die Lügen im Wahlkampf.

insgesamt 178 Beiträge
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Seite 1
msvanessacheng 22.06.2016
1.
110 Millionen pro Woche (!) SIND eine Horrosumme.
joG 22.06.2016
2. Hätten die politischen Klassen....
....der EU nicht so oft und brutal Dinge behauptet, wäre die EU nicht so populistisch begründet und gerechtfertigt worden, so würden die Menschen Vertrauen haben. Aber die sichtbare Not der Menschen in vielen Ländern der EU als Folge der früher fälschlich versprochenen Ergebnisse haben erreicht, dass selbst nach Wochen niemand den EUphilen glaubt. Das ist ein verheerendes Urteil, das da gesprochen wird.
Tolotos 22.06.2016
3. Was ist eine Lüge?
Ist es eine Lüge, dass die EZB keine Staatenfinanzierung betreiben darf? Oder habe ich bloß das Urteil des BVGs nicht richtig verstanden? Im Moment wird gesagt, dass ein Beitritt der Türkei nicht zur Debatte steht. Aber gilt das auch noch, wenn man sie ganz dringend zur Bewältigung der Flüchtlingskrise braucht? Sieht die EU nicht auch schon heute darüber hinweg, dass in einigen osteuropäischen Staaten Werte wie Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit mit Füßen getreten werden?
romeov 22.06.2016
4. Putzig
was ihre Redaktion so zusammensammelt, um den Brexit schwarz zumalen. Das hört in England eh niemand. Oder ist es vielleicht die eigene Angst, dass die Anlagemärkte in die Knie gehen und das Aktienpaket dann nur noch die Hälfte wert ist?
Summermiller 22.06.2016
5. Reisende soll man nicht aufhalten!
Ich gehe davon aus das nach dem Entscheid, egal ob dafür oder dagegen, die Welt weiter ihre Runden drehen wird. Alle Schlaumeier, Politiker und Wirtschaftsexperten wollen doch immer neue Aufgaben und Ziele, also Bitte. Kopf anstrengen Lösungen kreieren und nicht immer spekulieren was könnte werden wenn.
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