Brexit-Hardliner Rees-Mogg Der nette Mr Gnadenlos

Er galt als ultrakonservative Witzfigur, doch neuerdings ist Jacob Rees-Mogg Anführer der Brexit-Bewegung. Manche trauen dem Briten auch mehr zu.

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Vor einigen Tagen veröffentlichte Jacob Rees-Mogg ein Video auf Instagram. Zu sehen war ein kleiner blonder Junge auf seinem Schoß, etwa ein Jahr alt. Rees-Mogg fragte seinen jüngsten Sohn: "Kannst du 'Brexit' sagen?" Das Kind nuschelte etwas Ähnliches. Der Vater war zufrieden: "Sehr guter Junge."

Die kleine Provokation kam an. Die Medien berichteten, Zehntausende sahen das Video. Ein Mann schrieb: "Dieser Junge ist der Sohn Gottes".

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Jacob Rees-Mogg gelingt derzeit fast alles. Seit Wochen bestimmt der ultrakonservative Rechtsaußen die Brexit-Debatte auf der Insel, seine griffigen Zitate machen Schlagzeilen - Attacken gegen Brüssel und gegen jene in Westminister, die keine radikale Trennung von der EU wollen.

Oberschichtenattitüde

Dabei galt Rees-Mogg lange als Freak, ein erzkatholischer Mann, der seine Oberschichtenattitüde zur Schau trägt; der am liebsten im Zweireiher auftritt; der im Unterhaus auch demonstrativ mal ein Wortungetüm wie "floccinaucinihilipilification" (Geringschätzung) benutzt. Rees-Mogg wird gerne als "Abgeordneter aus dem 18. Jahrhundert" bezeichnet. Er ist nicht nur gegen die EU. Er hält den Klimawandel für Unsinn, lehnt die Homoehe und Abtreibungen ab.

So einer kann in Großbritannien nicht an die Macht - das war lange auch bei den Tories klar. 1997 kandidierte er erstmals fürs Parlament. Erst 13 Jahre später schaffte er den Einzug. Bis heute ist Rees-Mogg einfacher Abgeordneter.

Und doch ist er inzwischen einer der wichtigsten Politiker im Land.

Schon beim Parteitag im Herbst hatte er viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Doch sein Einfluss ist seither noch einmal sprunghaft gestiegen.

Misstrauensvotum gegen May?

Seit Januar führt Rees-Mogg die European Research Group (ERG), ein Bündnis besonders europakritischer Konservativer im Unterhaus. Mehrere Dutzend Abgeordnete sollen der Gruppe angehören. Genug, um Gesetzespläne der Regierung zu durchkreuzen. Womöglich könnte die Truppe sogar Theresa May gefährlich werden. Die Stimmen von 48 Parlamentariern würden ausreichen, um ein Misstrauensvotum gegen die Premierministerin zu beantragen.

Rees-Moggs Wort hat Gewicht. Als Brexit-Minister David Davis erklärte, Großbritannien werde sich in einer Übergangsphase an die bisherigen EU-Regeln halten, polterte Rees-Mogg, das Land werde zum "Vasallenstaat". Wenig später verkündete Finanzminister Philip Hammond in Davos, die Beziehungen zur EU würden sich nach dem Brexit kaum verändern. Rees-Mogg und seine Leute gingen auf die Barrikaden. May sah sich zu einer Klarstellung gedrängt.

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Es ist nicht mehr ausgeschlossen, dass Rees-Mogg ins Zentrum der Macht rückt. Von einem Brexit-"Dream Team" berichtete die "Sunday Times", das May ablösen könnte: Mit Außenminister Boris Johnson als Regierungschef, Michael Gove als Stellvertreter - und Rees-Mogg als Finanzminister. In einer Umfrage unter Parteimitgliedern wünscht sich eine Mehrheit Rees-Mogg gar selbst als Mays Nachfolger.

Regelrechter Personenkult

Um den Tory-Mann hat sich ein regelrechter Personenkult entwickelt. Schon ist die Rede von einer neuen konservativen Bewegung, die Rees-Mogg anführen könnte. Seine Anhänger sehen in ihm gar bereits das Pendant zu Jeremy Corbyn.

Beide verkörpern in ihrem Lager die Extreme. Doch während der Labour-Chef in einem etwas verlotterten Londoner Reihenhaus lebt, residiert Rees-Mogg in einem herrschaftlichen Anwesen mit sechs Schlafzimmern. Er rühmt sich damit, bei keinem seiner sechs Kinder jemals eine Windel gewechselt zu haben.

Rees-Mogg studierte in Oxford Geschichte. Mit einer Investmentfirma verdient er Millionen. Seinen sechsten Sohn nannte er Sixtus. Er gibt sich überhaupt keine Mühe, als Mann aus der Mitte der Gesellschaft zu erscheinen.

Gerade seine unverstellte Art macht ihn in den Augen vieler zum Anti-Politiker - ein Gegensatz zu Männern wie Tony Blair oder David Cameron.

Klarheit, die Andere nicht haben

Rees-Mogg verkörpert eine Klarheit, die Andere nicht bieten. Theresa May ist zu Kompromissen verdammt. Proeuropäer wollen seit dem Referendum nicht mehr grundsätzlich gegen den EU-Ausstieg protestieren. Andere Brexit-Hardliner wiederum haben eine Lücke hinterlassen: Außenminister Boris Johnson gilt nach all den Skandalen als schwer vermittelbar. Brexit-Verhandler David Davis fehlt die Bewegungsfreiheit.

Rees-Mogg gibt sich provozierend höflich. Wenn ihn linke Aktivisten anpöbeln, erklärt er, er sei "interessiert, was sie zu sagen haben". Doch er selbst vertritt eine gnadenlose Position. Er ist dagegen. Gegen den Binnenmarkt, gegen den Europäischen Gerichtshof, gegen Zollunion und Übergangsfrist. Er will den radikalen Schnitt, die größte Distanz zur EU. Und er scheut kaum eine Attacke.

Zuletzt griff Rees-Mogg die Londoner Beamten an, die gemeinhin einen guten Ruf genießen. Im Finanzministerium würden bei Brexit-Prognosen "die Zahlen manipuliert", sagte er.

Rees-Mogg profitiert davon, dass große Teile der Tory-Basis inhaltlich ähnlich ticken. Sie sehnen sich nach traditionellen Werten und wollen einen Brexit ohne Kompromisse.

Wegen des Schlingerkurses der Regierung wächst unter den Konservativen aber die Furcht, dass der EU-Austritt am Ende nur Fassade ist - tatsächlich es jedoch kaum echte Veränderungen gibt. Noch scheuen es die Hardliner, jemanden an die Macht zu hieven, der etwas dagegen tut, der wirklich durchgreift - jemanden wie Rees-Mogg. Es würde die Partei spalten. Zudem fehlt im Parlament die Mehrheit für einen harten Brexit.

Wie ernst Rees-Mogg aber inzwischen zu nehmen ist, zeigen die Reaktionen seiner Gegner. Anna Soubry, einer der einflussreichsten Pro-Europäerinnen bei den Tories, drohte mit Parteiaustritt, sollte Rees-Mogg ihr neuer Chef werden. "Es tut mir leid, ich könnte nicht in einer Partei bleiben, die von jemandem wie ihm geführt wird."



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