Cameron in Berlin Wir brauchen die Briten

Heute will der britische Premierminister David Cameron mit Angela Merkel über sein EU-Referendum reden. Höchste Zeit, sich daran zu erinnern, wie dringend wir die Briten brauchen. Nicht zuletzt als Verbündete gegen den Brüsseler Machbarkeitswahn.

Britischer Premier Cameron: Lebendige Demokratie als Vorbild für Europa
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Britischer Premier Cameron: Lebendige Demokratie als Vorbild für Europa

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Der Brite, so kann man den Stand der Debatte im Rest Europas zusammenfassen, der Brite nervt. Jetzt soll dort doch tatsächlich das Volk über den Verbleib in der EU entscheiden. Ausgerechnet jetzt, wo man in EU-Kommission und Europäischem Rat so viel Wichtigeres zu tun hat. Zum Beispiel, auf einem Sondergipfel in Riga über die Förderung der Demokratie in Süd- und Osteuropa zu beraten.

Ja, okay, das klingt jetzt natürlich irgendwie widersprüchlich... und das ist es auch.

Die Europäische Union wurde auf dem Prinzip der Demokratie errichtet. Und sie hat Großartiges dabei erreicht, dieses Prinzip in Europa zur unumstrittenen Herrschaftsform zu machen. Doch zugleich sind die europäischen Institutionen von einem tiefen Misstrauen geprägt gegenüber dem Bürger und seinem störrischen Willen, der sich bisweilen einfach nicht einfügen will in die großen politischen Entwürfe, die Brüsseler Politiker und Beamte so gerne entwerfen.

Die Klugheit der Wähler

Großbritannien nimmt in dieser Hinsicht eine Außenseiterposition ein. Nirgendwo sonst in Europa ist das Vertrauen in die kollektive Klugheit der Wähler so ausgeprägt wie hier. Nirgendwo sonst begegnen die Bürger administrativen Großprojekten so misstrauisch. Begleitet wird dieser Bürgergeist von einer lebendigen Debattenkultur im Unterhaus, einer aggressiven Presse und einem strikten Mehrheitswahlrecht: The Winner takes it all, und dann soll dieser Wahlgewinner bitte auch die Geschicke des Landes bestimmen. Wenn er das in den Augen der Wähler nicht gut gemacht hat: To hell with him!

Die kontinentaleuropäischen Politiker betonen derzeit, was die Briten bei einem EU-Austritt alles zu verlieren hätten. Doch es wird höchste Zeit, einmal die umgekehrte Frage zu stellen: Was verliert Europa ohne die Briten?

Wir verlören vor allem ein wichtiges Korrektiv gegen die kontinentaleuropäische Neigung, Demokratie in Sonntagsreden hochleben zu lassen - aber das chaotische, unberechenbare Element, das echter Volksherrschaft innewohnt, nach Kräften einzuhegen durch Expertengremien, Planungsstäbe, Verbandskonsultationen. Nirgendwo wird das so deutlich wie auf europäischer Ebene.

Gesellschaft ist nicht planbar

Das Volk hat nicht immer recht, und dogmatische Volksherrschaft führt bisweilen zu seltsamen Ergebnissen. Aber das tut auch die europäische Herrschaft der Funktionäre. Was ist eigentlich aus dem Projekt geworden, mit EU-Geld ein "Europäisches Google" (Jacques Chirac) zu errichten?

Moment, ich google das mal eben.

Europa soll bitte nicht so werden wie Großbritannien. Aber ohne Briten würde die EU vermutlich endgültig dem Wahn anheimfallen, alles sei planbar, jedes gesellschaftliche Problem (und sei es nur der Mangel an erfolgreichen europäischen Internetunternehmen) durch ein neues Aktionsprogramm und einen neuen Förderfonds zu lösen. Das wäre ein mindestens so fataler Irrweg wie der britische EU-Austritt.

Der Brite nervt - zum Glück.

Vote
Die Briten halten - oder ziehen lassen?

Die Briten wollen über den EU-Austritt abstimmen. Sollten wir versuchen sie zu halten?

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Rickens ist Leiter des Wirtschaftsressorts bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Christian_Rickens@spiegel.de

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Seite 1
moriturus62 29.05.2015
1. Schönfärberei
Ich stimme Ihrer Analyse der EU im Prinzip zu. Allerdings glaube ich nicht, dass die Briten aus irgendeinem anderen Grund handeln, als Eigennutz. Das scheint ein angelsächsisches Prinzip zu sein. Die Briten dann als Korrektiv darzustellen ist reine Schönfärberei. Wenn sie nicht in der EU bleiben wollen, sollen sie austreten. Das ist eine saubere Lösung. Die Retter sind sie nicht. Da muss anderes passieren.
Hank Hill 29.05.2015
2. Natürlich
hat Cameron Recht, die EU muß reformiert werden. Der bei uns vorhandene Beissreflex "wenn sie raus wollen laßt sie ziehen" ist idiotisch. Die Regulierungswut und die versuchte Gleichmacherei in der EU kostet Millionen von Europäern viel Geld und viel Nerven. Entweder vernünftige Reformen, oder das ganze Gebilde zerschlagen.
JerryKraut 29.05.2015
3. Wir brauchen die Briten, aber
sie brauchen uns nicht. Zumindest empfinden viele Insulaner das so. Es käme auf ein Experiment an. Ein Austritt Großbritanniens würde die EU-Bürokratie viel stärker aufwirbeln als irgendwelche Reformen, gegen die sie sich mit Zähnen und Klauen wehren wird.
Europäer1992 29.05.2015
4. Ja, klar.
Klar sollte Europa politisch enger zusammenwachsen, alles andere ist derzeit unglaublich nervig im Alltag. (in unserem jedenfalls.) Da gehören auch die Briten dazu, zu Europa. Das schon. Aber diese Prinzipien wie Freizügigkeit sind nur nicht unverhandelbar, sie dürfen nicht einmal mehr in Frage gestellt werden und sollten endlich zu einer echten europäischen Staatsbürgerschaft ausgebaut werden. Es gibt immer noch viel zu viele Schwierigkeiten und Unterschiede, wenn ein Europäer in Sofia oder in Frankfurt geboren ist und im jeweils anderen Land lebt. Für seinen Geburtsort kann man bekanntlich nix. Aber muss man deswegen in der eigenen Staatenunion benachteiligt werden? Teilbefragungen in Europa sind ferner eher lächerlich, v.a. wenn man politisch besser gestellte Regionen fragt, wenn es um Solidarität geht. Dann könnte man m. E. mit derselben Berechtigung auch nur die Bayern fragen, ob sie für den LFA sind. Oder mich, ob ich mit meiner Zugehörigkeit zur Bundesrepublik einverstanden bin und Steuern zahlen möchte, wo ich doch Franke bin. Was für eine Demokratie soll denn das sein, wenn man nicht alle Europäer zu einem Thema befragt? Anyway, die Briten werden schon intelligent genug abstimmen. Wenn es um Essentielles geht, versagt die Intelligenz der Wähler zum Glück nur in seltenen Fällen wie in den 30er Jahren in Deutschland z.B.
misscecily 29.05.2015
5. Völlige Verkennung
der Tatsachen. Was diese Regierung und ein aufgeheiztes manipuliertes Volk, das aufgrund fehlender Sprachkenntnisse auf die heimische gleichgeschaltete Presse angewiesen ist, will, ist ein Turbo-Kapitalismus der jede Schutzklausel der EU ( Umwelt, Menschenrechte, Arbeitsschutz etc) aushebelt und ein Steuerparadies für Multinationals werden soll. Mehr Hintergrund, weniger Meinung bitte
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