Labour nach Brexit-Referendum Offene Revolte gegen Parteichef Corbyn

Seine Führungsriege ist fast komplett abgesprungen, die Fraktion ist in offener Revolte. Doch Labour-Chef Jeremy Corbyn verweigert den Rücktritt. Die britischen Sozialdemokraten zerlegen sich nach dem Brexit-Votum selbst.

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Aus London berichtet


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Die Stimmung bei der Labour-Fraktionssitzung war feindselig. In einem Konferenzsaal des Parlamentsgebäudes versuchten die Abgeordneten am Montagabend vergeblich, ihren Parteichef Jeremy Corbyn zum Rücktritt zu bewegen. Vor der Tür kam es zum offenen Schlagabtausch zwischen Corbyns Sprecher und dem Abgeordneten John Woodcock.

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Heft 26/2016
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"Jeden Tag lästerst du über Jeremy in den Medien, John", beschwerte sich Corbyns Sprecher. Woodcock konterte: "Du bist ein ungewählter Angestellter und gibst hier vor den Journalisten deine extrem verdrehte Sichtweise zum Besten."

Das Wortgefecht der beiden Männer zeigt die massive Führungskrise in der Labour-Partei. Seit dem Brexit-Votum hat eine Revolte gegen Parteichef Corbyn begonnen. Die Opposition gibt ein desaströses Bild ab - und das, obwohl die regierenden Konservativen das Land soeben aus der EU geführt haben. Das Chaos bei den Sozialdemokraten ist sinnbildlich für den Zustand der britischen Politik nach dem Referendum.

Fast das komplette Schattenkabinett, Corbyns Führungsgremium, ist zurückgetreten. Für Dienstag ist ein Misstrauensvotum geplant, eine große Gruppe von Abgeordneten will den 67-Jährigen stürzen.

"Du hast die 'Remain'-Kampagne untergraben"

Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Zum einen werfen führende Parteifreunde Corbyn vor, sich im Wahlkampf nicht ernsthaft für den Verbleib in der EU eingesetzt zu haben. Mehr noch: Mit widersprüchlichen Signalen habe er der "Remain"-Kampagne sogar geschadet.

So wirft der Abgeordnete Chris Bryant, der sich ebenfalls aus dem Schattenkabinett verabschiedete, Corbyn vor: "Du hast viele Wähler verunsichert, auf welcher Seite Labour eigentlich steht. Mit deinen Auftritten hast du die 'Remain'-Kampagne untergraben." Noch am Tag des Referendums seien Labour-Wähler davon ausgegangen, der Parteichef sei für den Brexit. Viele sozialdemokratische Hochburgen in Großbritannien haben deutlich für "Leave" gestimmt.

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Der zweite Grund für die Revolte gegen Corbyn ist, dass die Abgeordneten fürchten, mit ihm als Spitzenkandidat auch bei der nächsten Unterhauswahl unterzugehen. Beobachter schließen nicht aus, dass es nach der Wahl eines Nachfolgers von Premierminister David Cameron im Herbst vorgezogene Neuwahlen geben könnte. Eventuell sogar noch in diesem Jahr. Vielen Labour-Politikern graut es davor, mit dem drögen Sozialisten Corbyn gegen einen wortgewaltigen Populisten wie Boris Johnson anzutreten.

Deshalb drücken Corbyns Gegner so aufs Tempo. Es ist jedoch nicht zu erwarten, dass der Parteichef freiwillig zurücktritt. Vertraute sagen, er werde "auf keinen Fall weichen". Corbyn setzt auf den Rückhalt der Parteibasis. Der Widerstand komme lediglich aus der Unterhausfraktion, nicht aber aus der Partei. Außerdem sei ein Misstrauensvotum der Abgeordneten rechtlich nicht bindend.

"Viele sind nur wegen Corbyn eingetreten"

Corbyn und seine Anhänger haben ihre eigene Realität. Der Politikwissenschaftler Rob Ford von der Universität Manchester erwartet deshalb, dass Corbyn es auf einen Machtkampf bei einem außerordentlichen Parteitag ankommen lässt. Sollte er verlieren, drohe Labour sogar eine Abspaltung. "Viele Mitglieder sind im vergangenen Jahr nur wegen Corbyn eingetreten", sagt Ford SPIEGEL ONLINE. "Für sie gilt: 'Corbyn or bust' - Corbyn oder nichts."

Der 67-Jährige, der dem linken Parteiflügel angehört, war im September bei einer Urwahl mit 59,5 Prozent der Stimmen an die Parteispitze gewählt worden. Mit den Funktionären und Abgeordneten wurde Corbyn aber nie warm. Jahrzehntelang spielte er im Unterhaus die Rolle des Abweichlers, der sich nicht der Fraktionsdisziplin beugte.

Nach der Sitzung am Montagabend ließ der Parteichef sich draußen von seinen Anhängern feiern. "Corbyn, Corbyn, Corbyn", skandierte die Menge. Man dürfe jetzt nicht nach einem Schuldigen für die Niederlage suchen, rief er der jubelnden Menge zu. "Es ist wichtig, dass wir zusammenstehen." Dafür dürfte es zu spät sein.


Zusammengefasst: Die britische Labour-Partei will ihren Chef Jeremy Corbyn loswerden. Der Vorwurf: Er habe die Anhänger mit seinem unklaren Brexit-Kurs verunsichert. Möglicherweise gibt es in Großbritannien bald vorgezogene Neuwahlen. Auch dort möchten Teile von Labour lieber mit einem anderen Gesicht als Corbyn antreten.

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