Brexit Nehmt euch ein Stück Kuchen

Sind die Briten etwa immer noch drin? Da kann Theresa May noch so viel näseln und in Limousinen stecken bleiben: Das Brexit-Drama wird langsam langweilig. Machen wir es wieder interessant.

Herzogin Kate bei einem Besuch in Luxemburg (Archiv)
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Herzogin Kate bei einem Besuch in Luxemburg (Archiv)

Eine Kolumne von


Den Brexit gibt es bald auch als TV-Film, das wird bestimmt spannend. Benedict Cumberbatch spielt Dominic Cummings, den weithin unbekannten Drahtzieher der "Vote Leave"-Kampagne. Ein zweifelsohne höchst unsympathisches Genie, denn andere Rollen nimmt Cumberbatch erfahrungsgemäß gar nicht erst an.

HBO hat vor einigen Tagen einen Trailer veröffentlicht, man sieht Cumberbatch auf ziemlich hässlich getrimmt in einer Abstellkammer sitzen und nationalistische Ideen spinnen, dann wieder geht er schnellen Schrittes im Freien umher, stets dabei, das politische System für seine Zwecke zu hacken. Für Anfang Januar ist die Erstausstrahlung geplant, und da werde ich gemütlich auf dem Sofa sitzen und mich bei einem netten Glas Rotwein aufklären lassen: "Jeder weiß, wer gewonnen hat. Aber nicht jeder weiß, wie", lautet der HBO-Werbeslogan, catchy nennt man das wohl, bei mir hat er jedenfalls gewirkt. Denn eigentlich wollte ich vom Brexit nichts mehr wissen.

Schleppt sich dahin, kein gutes Ende in Sicht

Irgendwann ist ja auch genug. Die Briten haben abgestimmt, sie wollen raus, alles klar. Traurig zwar, aber die Sache ist gelaufen. Was haben wir in der EU noch damit zu tun?

Eine Zeit lang war es ja ganz unterhaltsam, Theresa May regelmäßig irrige Austrittsbedingungen näseln zu hören und sie dabei zu beobachten, wie sie nicht aus einer Limousine herauskommt, während sie versucht, Angela Merkel zu Zugeständnissen zu bewegen, die sie niemals bekommen wird.

Die grandiose Selbstüberschätzung des ehemaligen Weltreichs war dann aber irgendwann nur noch peinlich, die Betrachtung der absurden Wendungen dieser Farce nicht mehr lustig, sondern schmerzhaft. Der Brexit, ein weiteres Thema dieses Zeitalters des Missvergnügens. Wie der Nahostkonflikt, Donald Trump und der Ukrainekonflikt: Schleppt sich dahin, und kein gutes Ende in Sicht. Warum sich überhaupt noch damit beschäftigen?

Womöglich ist es genau diese Haltung, die den Brexit zu einer unabänderlichen Tatsache machen wird: Das fatalistische Desinteresse des Publikums. Wir können ja sowieso nichts machen. Oder können wir doch?

Ein zweites Referendum

Im "Guardian" ist vor einigen Tagen ein Text erschienen, dessen verführerische Überschrift mich doch noch einmal dazu gebracht hat, einen Brexit-Artikel zu lesen: "Es ist möglich, ein zweites Brexit-Referendum zu gewinnen - mit der Hilfe Europas", schreibt Jonathan Freedland. Der Kolumnist argumentiert, dass ein zweites Votum deshalb sinnvoll sei, weil erst jetzt klar ist, wie der Brexit tatsächlich aussehen wird.

Die Brexit-Option wäre diesmal nicht die märchenhafte Vision, mit der die "Vote Leave"-Kampagne die erste Abstimmung gewonnen hat. Keine zurückeroberten Milliardenbeträge, die der Insel eine paradiesische Zukunft bescheren. Keine lukrativen Handelsabkommen mit der EU und dem Rest der Welt, ganz nach britischem Geschmack und eigenen Regeln. Sondern der ernüchternde, aber nun mal ausgehandelte Deal Theresa Mays mit den Unterhändlern der Union: Draußen, aber trotzdem noch vielen Regeln der EU unterworfen - die man aber nicht mehr mitbestimmen darf.

Die zweite Wahlmöglichkeit im neuen Referendum: Der Verbleib in der Union. Allerdings, schreibt Freedland, müsse eine neue Remain-Kampagne den Wählern ein neues Angebot machen. Also nicht nur einfach drinbleiben in einer unveränderten EU, sondern in einer EU, die den Briten Zugeständnisse macht - insbesondere bei der Kontrolle der Arbeitsmigration aus anderen EU-Staaten.

Darf's ein wenig Nationalismus sein?

Auf Twitter hat Freedland für seinen Vorschlag reichlich Prügel bezogen, vor allem Brexit-Befürworter beschimpfen ihn heftig. Aber auch Anhänger des Verbleibs in der EU sehen Schwächen. Warum überhaupt sollte die EU solche Zugeständnisse machen? Ist nicht die Freizügigkeit innerhalb der Union einer ihrer Grundpfeiler? Sollen die Briten tatsächlich den Kuchen behalten dürfen und ihn gleichzeitig aufessen?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich Freedlands Ansatz für richtig halte. Aber immerhin gibt er nicht auf. Und vielleicht wäre seine Idee das kleinere Übel. Vielleicht muss man ein wenig Nationalismus in der EU zulassen, um den Rückfall in den ganz großen Nationalismus zu verhindern.

In der Kolumne Agitation und Propaganda schreibt Stefan Kuzmany über die aktuellen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft. Abonnieren Sie den Newsletter direkt und kostenlos hier:

Was jedoch klar ist: Sollte es wirklich zu einem zweiten Referendum kommen, dann darf Europa nicht tatenlos zusehen. Dann müssen wir den Briten ein Angebot machen, das sie nicht ablehnen wollen. Das Angebot einer tatsächlich diesmal im Ernst reformierten Union, die sich darauf zurückbesinnt, was sie sein muss, um zu überleben: Eine solidarische, demokratische Gemeinschaft von Staaten mit gleichen Werten, zum Wohl und Wohlstand aller ihrer Bürger. Eine Gemeinschaft, die sich dem global galoppierenden destruktiven Irrsinn entgegenstellt. Eine Gemeinschaft der Zivilisation, keine Ansammlung sich misstrauender Einzelkämpfer.

Peter und Betty Clark aus Epping

Und die Briten müssten spüren, dass wir anderen Europäer sie nicht nur trotz, sondern wegen all ihrer Schrullen schätzen und unbedingt dabei haben wollen. Lesen Sie sich einmal die Kommentare zu Freedland oder unter einem beliebigen anderen proeuropäischen Text in einem britischen Medium durch: Da tobt der Hass auf die hochnäsige EU. Da geht es nicht nur um Ökonomie. Es geht auch um verletzten Stolz.

Also, liebe Briten: Überlegt es euch bitte noch mal. Noch ist Zeit. Seit ich mit den Schulbuchfiguren Peter und Betty Clark aus Epping Englisch gelernt habe, gehört ihr für mich zur Familie. Niemand hat bessere Royals, steifere Lippen und schöneren Nieselregen als ihr. Dass ich mir auch noch die siebte digitale Neuabmischung von "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" zulegen werde, ist hiermit versprochen. Nehmt euch ein Stück Kuchen. Er ist groß genug für alle.

Es ist vollkommen sinnlos, wenn wir uns gegenseitig aufrechnen, wer den anderen mehr braucht: die EU Großbritannien oder umgekehrt. Der Brexit ist kein Wettstreit, er ist keine Wiederholung aus den Abendnachrichten, er ist auch kein Film. Wenn er wirklich kommt, verlieren wir alle. Halten wir ihn auf.



insgesamt 124 Beiträge
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Seite 1
nisse1970 17.12.2018
1. hieß der Hund nicht Barky?
.. on kick and the cupboard door is shut. À propos: nein, die (Mitglieds-)Tür zur EU ist wirklich zu. Europa ist mehr als ein Wirtschaftsraum. Die Briten (ja, ausgerechnet die Briten) haben das nie verstanden. Und die Personenfreizügigkeit ist ein Teil davon.
ulmer_optimist 17.12.2018
2. Zugeständnisse?
Falls die Briten doch in der EU bleiben, sollten sie ihre Extrawürste verlieren. Weitere Zugeständnisse für das ganze Theater, das sie jetzt veranstaltet haben? Völlig absurd.
philipkdi 17.12.2018
3. Reisende...
...soll man ziehen lassen. Blöderweise wissen die Briten nicht, wo es eigentlich hingehen soll. Aber für die Blödheit anderen bluten zu müssen ist für mich nicht einzusehen. Es gilt: Brexit means Brexit. Mir geht es wie dem Autor. Theresa May ist mittlerweile in einer Endlosschleife gefangen und nach der zehnten Wiederholung wird es echt langweilig. Also Schluss mit dem RumEiern und tschüss GB.
reinhard_becker 17.12.2018
4. Ausgeschlossen
Das, was der Autor vorschlägt, wäre der Beginn der Selbst-Demontage der EU. Das hat der Autor anscheinend nicht begriffen. Abgesehen davon wäre es mit dem grundlegenden EU-Recht unvereinbar. Die EU-Verträge müßten geändert werden. Das will niemand und niemand wird etwas derartiges in Gang setzen, glücklicherweise.
eifrigerleserhh 17.12.2018
5. Der Fehler dabei
"Also nicht nur einfach drinbleiben in einer unveränderten EU, sondern in einer EU, die den Briten Zugeständnisse macht - insbesondere bei der Kontrolle der Arbeitsmigration aus anderen EU-Staaten." Hatten und haben sie bereits, wie jedes Mitgliedsland der EU, Belgien nutzt dieses Recht auch, die Briten haben es nie eingesetzt. Demnach hat jedes EU land das Recht EU Bürger wieder nach Hause zu schicken, wenn diese nach drei Monaten nicht in Lohn und Brot stehen! http://www.commissioner.brussels/i-am-an-expat/residence-formalities/ue-citizen/78-residence-formalities-ue/79-more-than-90-days-79
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