Pressestimmen zur Brexit-Einigung "Ein gespaltenes Kabinett, eine gespaltene Partei und eine gespaltene Nation"

Aufatmen in London: Großbritanniens Premierministerin May hat eine Brexit-Einigung erzielt - nach harten Verhandlungen mit der EU und dem eigenen Kabinett. Die britische Presse bleibt aber skeptisch.

Theresa May
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"Wir sind müde, das steht fest": Der EU-Chefunterhändler Michel Barnier hat sich nach der Brexit-Einigung keine Mühe gegeben, seine Erschöpfung zu verbergen. Auch der britischen Premierministerin Theresa May dürfte es nicht anders ergangen sein. Sie hat den Deal nicht nur der Europäischen Union abringen müssen, sondern hatte auch Mühe, ihr eigenes Kabinett davon zu überzeugen. (Mehr zu den Hintergründen erfahren Sie hier.)

Die britische Presse ist bekannt für ihren martialischen Tonfall - und bleibt auch nach dem Durchbruch am Mittwochabend sehr skeptisch. Denn in den kommenden Wochen muss die Einigung auf einem EU-Gipfel zunächst eine Mehrheit finden, wenig später entscheidet dann das britische Unterhaus über Deal oder No-Deal. Ob es der 62-jährigen konservativen Ministerpräsidenten gelingt, dort eine Mehrheit zu überzeugen, ist weiter offen.

Vor diesem Hintergrund titelt der "Guardian": "Mays Brexit-Plan: Ein gespaltenes Kabinett, eine gespaltene Partei und eine gespaltene Nation". Die Premierministerin erwarte nach dem Fünf-Stunden-Meeting in Downing Street am Mittwoch eine Schlacht im Parlament am Donnerstag, schreibt die Zeitung - und benennt die größten Gegner des Deals.

Esther McVey, Staatssekretärin für Arbeit und Renten sei besonders leidenschaftlich gewesen. Sie habe vor "Chaos" gewarnt, wenn die Regierung im Parlament die Abstimmung verlieren sollte. Und Elizabeth Truss, Chefsekretärin des Schatzamtes, beschrieb das Dilemma mit den Worten: "Wir sind gefangen zwischen dem Teufel und dem tiefen blauen Meer".

Der konservative "Daily Telegraph", für den der Brexit-Befürworter und Ex-Außenminister Boris Johnson wieder schreibt, macht mit einem Zitat von May auf: "Es werden schwierige Tage bevorstehen". Nick Timothy, einer von Mays ehemals engsten Beratern, wird besonders viel Platz für seine Kritik gegeben.

Er schreibt: "Das ist kein Kompromiss - es ist die Kapitulation der Premierministerin". Und fügt hinzu: "Schlimmer noch, es ist nicht nur eine Kapitulation vor Brüssel, sondern auch vor den Ängsten der britischen Verhandler selbst, die mit ihren Handlungen gezeigt haben, dass sie nie daran geglaubt haben, dass der Brexit ein Erfolg sein kann."

Die "Times" wählt die Schlagzeile: "Ein Deal, der niemanden zufriedenstellt, war das Beste, was sie kriegen konnte." Die Premierministerin hatte am Mittwochabend öffentlich erklärt: "Ich glaube fest, mit Kopf und Herz, dass diese Entscheidung im besten Interesse des gesamten Vereinigten Königreichs ist".

Hierzu meint das Londoner Blatt: "Sie behauptet, dies sei das bestmögliche Verhandlungsergebnis, und sie glaube mit "Verstand und Herz", dass es den nationalen Interessen entspreche. Doch es steht außer Zweifel, dass der Deal weit hinter dem sonnenbeschienenen Hochland zurückbleibt, das den Wählern beim EU-Referendum versprochen worden war, und auch hinter dem, was sie selbst einst zugesagt hatte."

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Brexit: Theresa Mays Problem-Minister

Die "Sun" hatte 2016 das Brexit-Votum noch gefeiert mit der Zeile: "See EU Later!". Nun kritisiert das Boulevardblatt den "weichen Deal" von May, der "von ALLEN Seiten verdammt" werde. Die Premierministerin werde Schwierigkeiten haben, den Deal im Parlament gegen die "Tory-Meuterer" durchzusetzen.

Der "Daily Mirror" titelt "Kriegskabinett". Die Boulevardzeitung ist überzeugt: "Jetzt geht's um die Wurst!" Wenn es zu zahlreichen Rücktritten in ihrem Kabinett kommen sollte, sei es wahrscheinlich, dass eine Rebellion gegen sie gestartet werde, an deren Ende May nichts anders übrig bleibt als ein Rücktritt.

Die "Financial Times" zeigt auf ihrem Cover eine Seitenansicht von May. Die Premierministerin wirkt darauf steif - und durch die nach vorne gebeugte Körperhaltung bittend. Nach der "grausamen" Kabinettsdebatte warte nun im Parlament die nächste große Hürde auf die Premierministerin, meint das Blatt.

Kommt der Brexit-Vertrag zustande, wäre ein geordneter Austritt am 29. März 2019 gesichert sowie eine Übergangsphase bis mindestens Ende 2020, in der sich fast nichts ändert. Ob dies gelingt, dürfte sich aber erst nach einer Zitterpartie in den nächsten Wochen herausstellen.

dop/dpa



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