Neue Premierministerin Theresa May Großbritanniens May-Day

Plötzlich geht alles ganz schnell: David Cameron tritt ab, Theresa May zieht in 10 Downing Street ein. Sie gilt als kühl aber konfliktfreudig. Das kann sie brauchen - denn Brüssel wird nun Druck machen.

REUTERS

Aus London berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der Wahlkampf bei den Tories wird hässlich, darin waren sich die Moderatoren des Frühstücksfernsehens am Montagmorgen einig. Ein paar Stunden später steht jedoch fest: Es wird gar keinen Wahlkampf um die Nachfolge von David Cameron geben. Theresa May wird neue Premierministerin - und das bereits am Mittwoch.

Während im Fernsehen noch eifrig über die kommende Schlammschlacht spekuliert wurde, hatte Andrea Leadsom einen Brief an ihre Partei geschrieben, den sie wenig später auch der Presse vorlas: Sie zieht sich aus dem Rennen zurück. Einzige verbleibende Kandidatin ist damit May.

Dieser überraschende Rückzug ist symbolisch für Großbritannien in diesen Tagen: Nichts scheint sicher, alles ist möglich. Zunächst trat der schrille Brexit-Befürworter Boris Johnson wider Erwarten gar nicht erst an, um Camerons Nachfolger zu werden. Nun bekommt das Land noch in dieser Woche eine neue Premierministerin - er werde am Mittwoch zurücktreten, kündigte Cameron an. Eigentlich war das für Herbst geplant.

Video: Ein Rücktritt und ein "dubi dubi duu"

Doch wer ist die Frau, die als erste nach Margret Thatcher Regierungschefin wird?

May ist in vielerlei Hinsicht der Gegenentwurf zum charismatischen Johnson: Sie gilt als Pragmatikerin und kühl, arbeitet hart und viel. Immer wieder wurde sie in den vergangenen Tagen mit Angela Merkel verglichen. Wenn es um ihr Leben jenseits der Politik geht, ist May ähnlich diskret. Erst in den vergangenen Tagen öffnete sie sich etwas und sprach über ihre Diabetes-I-Erkrankung und Kinderlosigkeit. Einzig ihre Schuhe sind deutlich extrovertierter als die der Kanzlerin: Mal waren es Overknee-Stiefel, mal Exemplare im Leopardenprint.

Sie selbst sagt über sich, sie sei "keine Politikerin für die große Show". Vielen ist sie auch deshalb in den vergangenen Jahren nicht aufgefallen. Dabei sitzt die 59-Jährige bereits seit 1992 im britischen Unterhaus, 2010 übernahm sie das Innenministerium. Eine schwierige Aufgabe: In diesem Amt kann man viele Fehler machen - doch May hält sich nun schon länger im Amt als alle ihre Vorgänger der vergangenen Jahrzehnte.

Das könnte auch daran liegen, dass sie nach ihren eigenen Moralvorstellungen handelt - sie gibt augenscheinlich wenig darauf, was andere von ihr halten. Das macht ihr Handeln manchmal unvorhersehbar.

May scheut den Konflikt nicht

Als Innenministerin hat sie sich mit ihrer Migrationspolitik einen Ruf als Hardlinerin gemacht. Sie ließ radikalislamische Prediger ausweisen, sprach sich dafür aus, die Einwanderung von EU-Bürgern zu begrenzen. Noch am vergangenen Wochenende wurde May kritisiert, weil sie sich weigerte, den bereits in Großbritannien lebenden EU-Ausländern ein Bleiberecht nach dem Brexit zu garantieren. Zugleich befürwortete sie früher als andere in ihrer Partei gleichgeschlechtliche Ehen. Sicher ist: Auseinandersetzungen scheut sie nicht.

Diese Hartnäckigkeit wird auch die EU zu spüren bekommen. Die Verhandlungen über den Austritt dürften ihre Amtszeit dominieren, ihr politischer Erfolg am Ausgang gemessen werden. Dabei steht May unter gewaltigem Druck. Vor dem Referendum hatte sie sich für einen Verbleib in der EU ausgesprochen, sich dann weitgehend zurückgehalten. Viele werteten das als taktisches Kalkül, eine leidenschaftliche Europäerin war sie nie.

Ein Zurück, ein zweites Referendum oder einen Wiedereinstieg in die EU wird es mit ihr nicht geben, das machte sie am Montag noch einmal deutlich: "Es wird keine Versuche geben, in der EU zu bleiben." Es komme darauf an, "eine neue Rolle für uns in der Welt zu finden", sagte sie in einer kurzen Rede am Montagabend. "Brexit ist Brexit", betonte sie. "Wir werden ein besseres Britannien bauen."

Noch kein Zeitplan für den Brexit festgelegt

Wann genau die Verhandlungen über einen Brexit beginnen, ließ May am Montag weiter offen. Anders als ihre Kontrahentin Leadsom hatte sich May nicht auf einen Zeitpunkt festlegen wollen, wann sie den Austrittsantrag nach Artikel 50 stellt. Stattdessen hatte sich sich dafür ausgesprochen, erst eine klare Strategie für die Verhandlungen haben zu wollen. Dass sie damit bis Ende des Jahres wartet, scheint aber unwahrscheinlich.

Bisher hieß es im Lager der Brexiteers: Keine Verhandlungen, bis kein neuer Premier da ist. Dies war nicht vor September erwartet worden. Nun ging alles ganz schnell - doch der Brexit-Zeitplan bleibt unklar. Klar ist: Brüssel wird nun Druck aufbauen, um die aktuelle Hängepartie rasch zu beenden.

Leicht wird es May dabei weder dort noch in Großbritannien haben. Bei den Tories wird sie zwar respektiert, 60 Prozent stellten sich vergangene Woche bei der Abstimmung hinter sie. Allerdings hat May - wie ihr Vorgänger Cameron - nur eine knappe Mehrheit im Unterhaus. Für einen Erfolg muss sie die zerstrittene Partei einen und auf die Brexit-Befürworter zugehen. Noch sind diese skeptisch. Das dürfte sich auch in der Besetzung ihrer Ministerposten widerspiegeln.

Große Visionen sind Mays Sache nicht, auch als Charismatikerin fiel sie bisher nicht unbedingt auf. Doch eines zeichnet sie aus, wie der "Guardian" aus ihrem Umfeld berichtet: ihr Krisenmanagement.

Da ist Theresa May an der Spitze Großbritanniens im Sommer 2016 genau richtig.


Zusammengefasst: Nach dem überraschenden Rückzug von Andrea Leadsom aus dem Rennen um die Nachfolge David Camerons, wird Theresa May bereits an diesem Mittwoch neue Premierministerin. Die 59-Jährige muss als Regierungschefin den Brexit mit der EU verhandeln und die zerstrittenen Tories einen. Keine leichten Aufgaben, doch dabei könnten ihr ihre Erfahrung und pragmatische Art helfen.

insgesamt 211 Beiträge
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Seite 1
meleatis 11.07.2016
1. i like this women
was kann man sich noch wünschen ausser weniger steuern zahlen
joG 11.07.2016
2. Es wäre so dumm ....
....von der UK, so kintraindizirt jetzt den Artikel 50 auszulösen, dass es fast nicht vorstellbar ist. Die EU ist just dabei sich wesentlich umzustrukturieren. Da gibt man doch seinen Platz am Verhandlungstisch auf. Und da es sich so auszunehmen scheint, dass wesentlich mehr Ländern die EU so sehen wie England, wäre es doppelt dumm.
tchantchès 11.07.2016
3. Die werden sich wundern
Jetzt sehen die Briten auch mal, wie schön es ist, von einer Pastorentochter regiert zu werden...
rloose 11.07.2016
4.
Zitat von joG....von der UK, so kintraindizirt jetzt den Artikel 50 auszulösen, dass es fast nicht vorstellbar ist. Die EU ist just dabei sich wesentlich umzustrukturieren. Da gibt man doch seinen Platz am Verhandlungstisch auf. Und da es sich so auszunehmen scheint, dass wesentlich mehr Ländern die EU so sehen wie England, wäre es doppelt dumm.
Falls Sie's noch nicht bemerkt haben, die Briten wollen nicht mehr mit am Verhandlungstisch sitzen. Wenn sie es weiterhin gewollt hätten, hätten sie ja einfach drin bleiben können.
Darwins Affe 11.07.2016
5. Kein Druck möglich
Zitat: »Brüssel wird nun Druck aufbauen, um die aktuelle Hängepartie rasch zu beenden.« Brüssel kann gar keinen Druck ausüben, solange GB nicht den § 50 über die Austrittsverhandlungen zieht. Und Theresa May müsste vom Affen gebissen sein, wenn sie vorher nicht informelle Verhandlungen mit Brüssel und insbesondere der deutschen Bundeskanzlerin führt. Nebenbei: Bis jetzt scheint wohl nicht klar, ob ein britischer PM den § 50 ohne Zustimmung des Parlaments in die Wege leiten kann. Weiterhin ergibt sich die Frage, ob die Königin nicht zustimmen muss – was in Anbetracht der Haltung Schottlands zumindest zweifelhaft erscheint.
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