Streit über Brexit Umfrage offenbart Spaltung der britischen Gesellschaft

Was macht der verbitterte Streit über den Brexit mit den Menschen im Land? Eine Umfrage unter 2000 Briten gibt einen Einblick.

Brexit-Plakat in London
REUTERS

Brexit-Plakat in London


Wer setzt sich durch im Streit über den Brexit-Kurs? Am Dienstag suchen die Abgeordneten im britischen Unterhaus erneut eine Einigung, um einen chaotischen Austritt Großbritanniens aus der EU am 29. März doch noch zu vermeiden.

In der britischen Bevölkerung sorgt der unendliche Streit über den Brexit offenbar für eine massive Veränderung der Stimmungslage. Seit dem Referendum im Juni 2016 seien ihre Mitbürger "wütender auf die Politik und die Gesellschaft" im Vereinigten Königreich, gaben 69 Prozent der Befragten bei einer Erhebung des Marktforschungsunternehmens Edelman an, über die der "Guardian" berichtet, 2000 Menschen wurden dafür befragt.

40 Prozent von ihnen glauben, dass mehr Menschen als früher bereit wären, sich an gewaltsamen Protesten zu beteiligen. Und einer von sechs Interviewten berichtete, dass es wegen des Brexits zu heftigem Streit in der Verwandtschaft oder bei Freunden gekommen sei. Rund 65 Prozent der Befragten gaben an, Großbritannien sei "auf einem falschen Weg". Bei den Gegnern des Brexits waren sogar 82 Prozent dieser Meinung, bei Befürwortern des Ausstiegs aus der EU aber auch noch 43 Prozent.

Vertrauensverlust für May und Corbyn

Sehr unterschiedlich ist auch das Meinungsbild in dieser Frage bei den Wählern der großen Parteien. Rund 60 Prozent der Anhänger der Konservativen um Premierministerin Theresa May sind der Ansicht, dass das Land in die richtige Richtung geht. Bei den Anhängern der oppositionellen Labour-Partei sind es aber nur 20 Prozent.

Nur 35 Prozent der Befragten gaben an, sie vertrauten dem Kurs von May. Aber noch weniger (26 Prozent) sagten dies über Oppositionsführer Jeremy Corbyn. Unter den eigenen Anhängern verloren beide Spitzenpolitiker seit vergangenem Mai stark an Unterstützung: Bei den Konservativen hat May nur noch die Rückendeckung von 68 Prozent (minus zehn Punkte), Corbyns Wert sank bei den Labour-Fans um zwölf Punkte auf 56 Prozent.

Groß ist laut der Umfrage auch ihre Unzufriedenheit mit dem Leben in Großbritannien: Etwa 72 Prozent der Befragten gaben an, es sei ungerecht. 68 Prozent forderten Veränderungen, und 53 Prozent hielten das sozialpolitische System für gescheitert. Die Umfrage ergab außerdem, dass 61 Prozent aller Interviewten finden, dass ihre Ansichten in der britischen Politik nicht vertreten sind.

Trotz der schlechten Stimmung berichteten 35 Prozent, dass sie jetzt mehr Nachrichten als zuvor in den Medien lesen, ansehen oder hören. Das Teilen von Onlineartikeln mit anderen stieg demnach von 41 auf 63 Prozent.

"Wir sind ein unvereinigtes Königreich", sagte Ed Williams vom Marktforschungsinstitut Edelman zu den Resultaten der Befragung. "Ein Land, das zunehmend für unfair, weniger tolerant gehalten wird und von dem viele glauben, es gehe in die falsche Richtung."

als

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insgesamt 105 Beiträge
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frenchie3 28.01.2019
1. Wenn alles so schlecht ist
wird es nach dem Brexit besser. Schuld an allem Elend ist ja die EU
Sandygirl 28.01.2019
2. Information und Fehlinformation
Ein Ergebnis des Brexitprozesses ist ein stärkeres Interesse an Politik. Das ist doch mal gut. Nichtsdestotrotz ist der Brexit an sich schon eine Folge von gezielten Fehlinformationen zur Lage in UK und Europa und zu den Zuständigkeiten und Nicht-Zuständigkeiten der EU. Immer wenn argumentiert wird "die EU hat.." wird vergessen, dass es "die EU" nicht gibt: Richtig muss es heißen "die Mitgeliedsstaaten haben sich geeingt auf....". Auch uns (in Deutschland) muss der Brexit eine Lehre sein, dass es Interessengruppen gibt, die gezielt eine Spaltung betreiben. Und immer scheinen diese Gruppen auf den ersten Blick nationalistisch zu sein (UKIP, AfD & Co) auf auf den zweiten Blick werden diese Gruppen aus Russland (siehe Geldströme oder Stichwort Trollfabrik) finanziert/unterstützt. Den ein geeintes Europa und eine geeinte NATO kann gegen China und Russland bestehen. Zerstritten sind wir schwach.
thompopp 28.01.2019
3. Nach dem Brexit wird alles gut ...
das ist doch alles verständlich und nachvollziehbar, vor so einem wichtigen Schritt steigt der Druck. Nach dem Brexit hat Land dann Zeit sich zu fangen und nachdem sich dann wieder alles einspielt und die Briten erkennen, dass es auch ohne die EU geht und sie in Europa willkommender denn je sind, gehen sie positiv gestimmt in eine gute Zukunft. Also, lasst sie machen. Alles wird gut.
wokri 28.01.2019
4. 2000
Als ich das heute Morgen im Guardian gelesen habe, viel mir sofort die geringe Anzahl der Befragten auf. Das meine ich völlig wertfrei vom Ergebnis, jedoch macht es eine Analyse wo ich mich auf Meinungen reduziere wo am Ende nur noch eine Handvoll betrachtet werden recht Aussagelos. Anstatt 2000 sollten 20000 befragt werden, nur so kann ich mehrdimensional analysieren.
dirkozoid 28.01.2019
5. Überholtes politisches System
Was vor ein paar hundert Jahren durchaus modern und fortschrittlich war, ist nun mal heute von gestern. Das Mehrheitswahlrecht führt nun mal dazu, dass nur wenige Parteien eine Chance haben, überhaupt ins Parlament zu kommen. Und von diesen ist dann in der Regel eine allein Regierungspartei. In einer Koalition hätte Cameron dieses selten dämliche Referendum, das nur seiner eigenen Karriere nutzen sollte (!), niemals durchbekommen.
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