Brexit-Verhandlungen Wie sich eine Nation zum Trottel macht

Kein Volk hat die Arroganz so kultiviert wie die Briten. Die traurige Wahrheit ist: Was einst eine Weltmacht war, ist heute ein Land, das es nicht einmal schafft, den Weg zur Tür zu finden, ohne über die eigenen Füße zu stolpern.

Theresa May
DPA/ PA Wire

Theresa May

Eine Kolumne von


In seinem Buch "Wir Deutschen" beschreibt Matthias Matussek einen Abend in der deutschen Botschaft in London. Der Botschafter hat zu Ehren der Romanautorin Antonia S. Byatt eingeladen. Matussek toastet der Schriftstellerin zu, worauf sie ihn mit der Frage überrascht, was er von der europäischen Verfassung halte. Ach, antwortet der Journalist, es sei vermutlich in Ordnung, wenn sich die europäische Staatengemeinschaft auf ein paar grundlegende Prinzipien einige.

Ihre schwer beringte Hand bleibt eine Weile über dem Teller schweben, dann sagt Lady Byatt: "Wissen Sie, wir Briten brauchen keine Verfassungen, wir sind die älteste Demokratie der Erde." Pause. "Für junge Nationen wie euch Deutsche mögen Verfassungen indes durchaus ihren Nutzen haben." Man könne den Tonfall, in dem das vorgebracht wurde, nicht näselnd und abschätzig genug schildern, schreibt Matussek. "Im Prinzip sagte sie: Ihr seid Barbaren, ihr habt gerade die Keule aus der Hand gelegt, ihr braucht die Kandare."

So kennen wir die Briten, so lieben wir sie. Nie um eine Antwort verlegen und stets bereit, to put someone in his place, wie es auf der Insel anschaulich heißt. Das Problem ist: Wenn man sich so aufführt, als sei man der Nabel der Welt, sollte man auch der Nabel sein oder diesem zumindest nahe kommen. So wie es ausschaut, sind die Briten bald nicht einmal mehr der Wurmfortsatz Europas.

Wie man sich als Nation vor aller Augen zum Trottel macht, das führt uns das Vereinigte Königreich gerade in spektakulärer Weise vor. Was einmal das mächtigste Imperium der Welt war, ist heute ein Land, das es nicht einmal schafft, den Weg zur Tür zu finden, ohne über die eigenen Füße zu stolpern.

28 Monate ist es jetzt her, dass die Briten entschieden, sich aus der Europäischen Union zu verabschieden. Leider sind sie seitdem keinen Schritt weiter gekommen.

Wenn Theresa May mit einem Vorschlag in Brüssel aufläuft, kann man sicher sein, dass er schon einen Tag später nicht mehr das Papier wert ist, auf dem er niedergeschrieben steht. Entweder präsentiert sie Ideen, die in Brüssel längst zurückgewiesen wurden. Oder ihre Pläne sind in der eigenen Partei bereits ad acta gelegt. Oder Boris Johnson hat sie in seiner Kolumne im "Telegraph" erledigt.

Bis vor kurzem habe ich Mitleid empfunden, wenn ich die britische Regierungschefin bei einem Gipfel durchs Bild hoppeln sah, mit ihrem schiefen Lächeln und den noch schieferen Angeboten. Inzwischen ertappe ich mich dabei, wie ich denke: Geht mit Gott, aber geht!

Theresa May
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No deal is better than a bad deal? Wenn sie in Großbritannien davon überzeugt sind: Dann muss es wohl so sein. Ein harter Brexit wird auch uns einiges kosten, keine Frage. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was die Briten erwartet.

Bei meinen Kollegen habe ich gelesen, wie die goldene Zukunft aussieht, die sie in London den Bürgern versprochen haben. Erst stauen sich die Lastwagen bis nach Wales, weil an den Grenzen nichts mehr läuft. Dann geht an den Tankstellen der Treibstoff aus und in den Hospitälern werden die Medikamente knapp. Zuhause droht der Wasserschaden: Da alle polnischen Klempner außer Landes getrieben wurden, kommt leider niemand mehr vorbei, um die Leitungen zu reparieren, wenn die Toilette überläuft.

So sitzen sie dann da in ihren tropfenden Häusern, ohne Heizöl und Aspirin, aber dafür mit extrem schlecht gelaunten Russen als Nachbarn, die sich für viel zu viel Geld auf dem englischen Immobilienmarkt eingekauft haben und nun stinkig sind, weil ihr Investment den Bach runter geht. Wir wissen, wie unangenehm schlecht gelaunte Russen werden können, liebe Engländer: Dagegen ist jeder Medikamenten-Engpass ein Spaß!

Fast alle, die beim Brexit etwas zu sagen haben, gehören zum britischen Establishment, das heißt, sie sind auf eine sündteure Schule gegangen und haben in Cambridge oder Oxford studiert. Auch in der Hinsicht ist man jetzt um eine Erfahrung reicher. Was, um Gottes Willen, lernen sie dort? Fähigkeiten, die einen auf die wirkliche Welt vorbereiten, können es jedenfalls nicht sein. Oder würden Sie einem Anwalt vertrauen, der regelmäßig so unvorbereitet in Verhandlungen geht, dass der Termin nach wenigen Minuten abgebrochen werden muss?

Man muss sich nur an einer beliebigen Stelle in den Redestrom von Frau May einschalten, und man erkennt, dass man ohne jeden Realitätsbezug sogar Premierminister sein kann.

Journalist: Wenn wir die EU ohne Deal verlassen, heißt das nicht, dass wir eine harte Grenze in Irland haben werden?

May: Wir haben sehr deutlich gesagt, dass wir keine harte Grenze zwischen Irland und Nordirland sehen wollen.

Journalist: Aber wenn wir ohne Deal gehen, dann können Sie nicht garantieren, dass es keine harte Grenze gibt, nicht wahr?

May: Wir arbeiten daran, dass wir mit einem guten Deal gehen.

Journalist: Aber wenn wir ohne Deal ausscheiden, wird es eine Grenze in Irland geben, oder?

May: Wenn wir ohne Deal gehen, werden wir als britische Regierung alles tun, um sicherzustellen, dass es zwischen Irland und Nordirland keine harte Grenze gibt.

Journalist: Aber damit werden Sie letztendlich scheitern, weil es nach den Regeln der WTO unausweichlich eine Grenze wird geben müssen. Sollten Sie das nicht in Rechnung stellen und den Menschen erklären?

May: Als britische Regierung sind wir entschlossen alles zu tun, um sicherzustellen, dass es zwischen Nordirland und Irland keine harte Grenze geben wird.

Und so weiter und so fort. Der Nachteil von Intelligenz ist, dass es weh tut, wenn man sich dumm stellt. Einfalt schützt vor diesem Schmerz, deshalb sind intelligente Menschen dummen Menschen in der Politik oft unterlegen.

Wir wollen nicht ungerecht sein. Wir verdanken den Briten den Nachmittagstee, Monty Python und die Beatles, das ist mehr als viele Völker in ihrer Geschichte zustande gebracht haben. Außerdem haben sie die Queen, was für einen monarchistisch gesinnten Menschen wie mich ein Grund an sich ist, das Königreich zu bewundern. Jede Nation, könnte man hinzufügen, sieht ab einem bestimmten Punkt ihrer Geschichte dem Verfall entgegen - die eine langsamer, die andere schneller.

Dass es jetzt bei den Briten eher schneller als langsamer geht, hängt möglicherweise mit der Insellage zusammen, die von den Brexiteers so vehement verteidigt wird. Ich habe nie verstanden, wie man auf die Idee verfallen kann, dass ein Volk am besten unter sich bleibt. Wer wissen will, was ein paar Jahrhunderte Inzucht anrichten können, muss nur über den Ärmelkanal schauen. Auch in dieser Hinsicht hält der Brexit für alle, die von einem Ende der europäischen Freizügigkeit träumen, eine wertvolle Lehre bereit.

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insgesamt 232 Beiträge
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Seite 1
curiosus_ 18.10.2018
1. Na ja,...
[Quote=Jan Fleischhauer]Wer wissen will, was ein paar Jahrhunderte Inzucht anrichten können, muss nur über den Ärmelkanal schauen.[/URL] ...gegen jahrhundertelange Inzucht hatten die Britten doch jahrhundertelang das British Empire. Und viel Adel von Übersee (wie z.B. derer von Battenberg). An der Inzucht liegt’s wohl nicht.
nose 18.10.2018
2. Bitterböser Artikel
habe mich köstlich amüsiert
mvshuekh 18.10.2018
3. Ich schätze mal
Ich schätze mal, dass sie die Kurve irgendwie noch kriegen. Die reizen das Pokerspiel bis zur allerletzten Runde aus und dann steht entweder so was wie ein halbwegs tragfähiger Übergangsdeal oder ein Rückzieher. Das wird eine Menge Ärger und bestimmt auch Leid kosten. Aber so grottendoof und genetisch minderwertig wie der überhebliche deutsche Kommentator sie einschätzt, sind die Briten sicher nicht.
lazarus.beutelmoser 18.10.2018
4. ich frage mich immer,
ob wir etwas übersehen haben, das die Briten aber in weiser Voraussicht entdeckt haben und deshalb die EU verlassen. Vom Euro haben sie sich zugegebenermaßen richtigerweise fern gehalten. Aber sonst? Ich werde nicht schlau aus ihnen.
bert1966 18.10.2018
5.
Diese Art überheblicher Arroganz (auf die wenige Vertreter der britischen Bevölkerung offenbar kein Exklusivrecht haben) ist es, die jetzt gebraucht wird wie ein Loch im Kopf. Die Briten sind Scharfmachern und Populisten aufgesessen. Tun wir es ihnen bitte nicht gleich, wenn wir jetzt voll Häme auf die kommende Katastrophe sehen. Bis zum letzten Moment sollte man der britischen Bevölkerung noch jede Hilfe anbieten.
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