Schottland nach Brexit-Votum "Lasst uns unsere Zukunft zurückholen"

Erst kam der Schock, dann der Trotz. Die Mehrheit der Schotten will vom Brexit nichts wissen, die Unabhängigkeitsbewegung formiert sich neu.

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Aus Edinburgh berichtet


Mit dem alten Megafon ist eine normale Rede nicht zu machen - dafür sind einfach zu viele Menschen da. Aber Jonny Rhodes wollte sowieso schreien. "Wir sind stolz, schottisch zu sein - aber wir sind genauso stolz, Europäer zu sein", brüllt der 22-Jährige in das Gerät. "Das schottische Volk wird sein Schicksal selbst bestimmen." Rhodes' Stimme überschlägt sich. "Und niemand anderes."

Edinburgh am Mittwochabend. Das Brexit-Votum im Vereinigten Königreich liegt knapp eine Woche zurück, jetzt wird wieder demonstriert. Mehrere Tausend sollen es sein, die sich auf dem Rasen vor dem modernen Parlamentsgebäude versammelt haben. Studenten, Rentner, junge Familien, ein paar Politiker. Sie tragen blaue Schottlandflaggen und blaue EU-Flaggen. Ein Musiker spielt Beethovens Ode an die Freude auf dem Dudelsack. Auf einigen Schildern steht noch das "Yes" der erfolglosen Unabhängigkeitskampagne von 2014. Der Kampf geht weiter.

EU-Befürworterinnen
AFP

EU-Befürworterinnen

Die Mehrheit der Schotten will vom Brexit nichts wissen. Während die Engländer sich mehrheitlich für den Austritt Großbritanniens aus der EU aussprachen, stimmten in Schottland über 60 Prozent für den Verbleib - Mehrheiten in jedem einzelnen Bezirk. Und jetzt?

"Zweites Unabhängigkeitsreferendum"

"Lasst uns unsere Zukunft zurückholen", ruft Jonny Rhodes in die Menge. Der junge Mann gehört der parteiübergreifenden Gruppierung "Young European Movement" an, die die Kundgebung im Osten der Stadt organisiert hat. Damit meint er vor allem das: "ein zweites schottisches Unabhängigkeitsreferendum".

Musiker Ian
SPIEGEL ONLINE

Musiker Ian

2014 waren die Befürworter einer Abspaltung von Großbritannien bei einer Volksabstimmung knapp gescheitert. Jetzt, wo sich viele Schotten irgendwie betrogen fühlen, ist das alte Thema wieder auf dem Tisch. Als eigenständiger Staat, so das Kalkül, könnte Schottland trotz Brexit in der EU bleiben - und gleichzeitig vielen, egal ob links oder rechts angesiedelt, einen Wunsch erfüllen, die sich von Westminster nicht repräsentiert fühlen. Ob das jedoch so einfach funktionieren könnte, ist umstritten. (Lesen Sie hier, welche Möglichkeiten Schottland hat.)

Die EU-Begeisterung und die Wut auf London - das gehört zweifelsohne zusammen. "England und Schottland sind kulturell und politisch doch viel zu verschieden", sagt Jane Mackey, eine kleine Frau mit schulterlangen grauen Haaren. In Edinburgh arbeitet sie als Marktforscherin, jetzt steht sie auf einer kleinen Anhöhe am Rande der Kundgebung. "Ich will nicht von Westminster abhängig sein."

"Farage ist ein Witz"

Zwei Schülerinnen, 16 und 17 Jahre alt, haben sich ein paar Meter weiter postiert. Um ihre Schultern haben sie EU-Fahnen gebunden. Sie ärgere sich vor allem über Nigel Farage, sagt die Ältere der beiden. Der Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei war eines der Gesichter der Brexit-Kampagne. "Farage ist ein Witz", sagt die Schülerin. Jetzt wolle sie zeigen, dass sie die EU unterstütze. Dafür haben die Jugendlichen einiges auf sich genommen: Sechs Stunden Zugfahrt von den Highlands bis in die Hauptstadt.

Danny Donoghue
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Danny Donoghue

Dass Schottland auf Distanz zum Rest des Königreichs geht, ist natürlich nicht neu. An der Regierung ist die schottische Nationalpartei (SNP), eine Partei, die sich für die Unabhängigkeit des Landes einsetzt. Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon hatte sich bereits für eine neue entsprechende Volksabstimmung ausgesprochen. In Sachen EU-Mitgliedschaft sprach sie diese Woche in Brüssel vor.

Doch nicht ganz Schottland ist im Europafieber - auch das gehört zur Wahrheit. Da gibt es Menschen, wie Straßenmusiker Ian, der ein paar Straßen von der Demonstration entfernt auf einer Bank sitzt und Jazz spielt. Ein unabhängiges Schottland wolle er, sagt Ian. Aber lieber keine EU. "Das kostet zu viel."

Und dann gibt es auch hier diejenigen, die sich von der Politik längst abgewendet haben. Menschen wie Hausmeister Danny Donoghue, blaue Mütze auf dem Kopf, eine Bohrmaschine in der linken Hand. Der 31-Jährige zuckt mit den Schultern. Ob Brexit oder nicht, ob unabhängig oder vereint - das mache doch alles keinen Unterschied, sagt er. "Hauptsache meine drei Kinder haben etwas zu essen."

Emotionale Rede im Video: "Lasst Schottland jetzt nicht im Stich"

REUTERS
insgesamt 344 Beiträge
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jeze 30.06.2016
1. Berichterstattung
Was ist denn das für eine Veranstaltung hier? Man versucht den Leuten mit Meinungs-Druckbetankung die richtigen Gedanken in den Kopf zu pressen. Brexit-Befürworter werden immer als einfache Menschen dargestellt, Brexit-Gegner als intelligent. Damit füllt man immer die ersten vier bis fünf Artikel. Andere Artikel, welche die EU in einem kritischen Licht erscheinen lassen - wie z.B. der Artikel über Junckers Plan CETA ohne die nationalen Parlamente zu verabschieden - verschwinden wie vom Erdboden verschluckt nach kurzer Zeit von der Startseite. Ist es verwunderlich, dass die Menschen mit der Neutralität der Berichterstattung unzufrieden sind?
rosskal 30.06.2016
2. Die Schotten sollten
sich hüten, auf ein siechendes Ross zu steigen. Haben sie denn keine Augen, keinen Sinn und Verstand für die Zerfallserscheinungen innerhalb der EU? Euro-Finanzdesaster, soziale Spaltung, zunehmende nationale Ressentiments, Zuwanderungschaos, undemokratische EU-Strukturen (Kommissare! - Siehe Sowjetunion) sollten doch die Alarmglocken schrillen lassen.
spon-facebook-10000640033 30.06.2016
3. Wahnsinn
1.66 Millionen in Schottland (ab 16J und nicht nur Schotten) wollten in EU bleiben 2016. In 2014 2 Millionen wollten in UK bleiben. Schottland hat Schotten in England ausgeschlossen und Ausländer in Schottland eingeschlossen. Schottland hat keine Reisepässe; die Währung ist am Pfund und B of E angeschlossen. Schottland hat Haushaltsdefizit von 9.7% (Griechenland 7.2%) Die meisten Engländer möchten von Schottland loswerden und auch Nord Irland. Es kostet £20 Mrd N Irland zu finanzieren und £30 Mrd Schottland zu finanzieren. Wenn Deutschland diese Kosten übernimmt sparen die Engländer £60 Mrd im Jahr ohne EU oder £1000 pro Kopf
eurorentner 30.06.2016
4. Beim ersten Referendum
der Schotten war die komplette EU gegen eine Separation (böse Schotten). Beim nächsten Referendum ist die EU für die Separation (brave Schotten). Nur so kann man Brüssel immer unglaubwürdiger machen.
FSteiger 30.06.2016
5. Nur noch
Man wird später in den Geschichtsbüchern nachlesen, dass die Engländer ihr "vereinigtes" Königreich mutwillig zerstört haben. Die Frage ist nur: Ist das so schlimm.
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