Ex-Parteichefin Warsi Prominente Brexit-Aktivistin wechselt das Lager

Die Kampagne für einen britischen EU-Austritt strauchelt. Führende Konservative hadern mit rassistischen Untertönen im Wahlkampf.

Baroness Warsi bei der Trauerfeier für Jo Cox
AFP

Baroness Warsi bei der Trauerfeier für Jo Cox


Im Kampagnen-Lager der Brexit-Befürworter tun sich wenige Tage vor der Volksabstimmung größere Risse auf: Eine der prominentesten Brexit-Aktivistinnen hat die Seiten gewechselt. Begründung: Zu den Vorkämpfern für einen Ausstieg Großbritanniens aus der EU gehörten mittlerweile vor allem nationalkonservative Kräfte.

Wegen der oft fremdenfeindlicher Rhetorik der Brexit-Kampagne warf die frühere Vorsitzende der konservativen Partei von Premier David Cameron, Sayeeda Warsi, den Befürwortern eines EU-Austritts vor, sie hätten die Grenzen des Anstands überschritten.

Den letzten Ausschlag für ihre Entscheidung habe ein Plakat gegeben, so Warsi. Es zeigte lange Schlangen von Flüchtlingen auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise an der österreichischen Grenze und den Slogan "Breaking Point", ergänzt mit dem Satz "the EU has failed us all". Das Poster sei für sie der persönliche "Breaking Point" mit der Kampagne der EU-Gegner gewesen.

"Wollen wir wirklich Lügen erzählen und Hass und Fremdenfeindlichkeit verbreiten, nur um eine Kampagne zu gewinnen?", fragte die pakistanischstämmige Politikerin in einem Interview mit der "Times".

Entsetzen über Ukip-Plakat

Kleben ließ das umstrittene Poster die euroskeptische Ukip-Partei des rechtskonservative Nigel Farage. Finanzminister George Osborne sagte, es erinnere an "extremistische Literatur aus den Dreißigerjahren". Michael Gove, Chef der Brexit-Kampagne, sagte am Sonntag, das Plakat lasse ihn "erschaudern".

Jüngste Umfragen vom Wochenende deuten derzeit auf einen leichten Vorsprung des Stay-Lagers hin - und Rechtspopulist Farage stellte das in Zusammenhang mit der Ermordung der Labour-Abgeordnete Jo Cox am vergangenen Donnerstag.

Ukip-Chef Nigel Farage
AFP

Ukip-Chef Nigel Farage

Die Brexit-Kampagne habe durch den Mord an Dynamik eingebüßt, sagte der Ukip-Chef in einer Talkshow. Das Stay-Lager habe aufgeholt, weil der Wahlkampf ausgesetzt worden sei, so Farage. Über das Wochenende hatten britische Politiker aus Respekt vor Cox kurzzeitig auf alle Kampagnenarbeit verzichtet.

Cameron: Bin eher Churchill als Chamberlain

In der dritten TV-Debatte zum Brexit mit Premier Cameron am Sonntagabend war der Mord an Cox ebenfalls kurz Thema. Ein Zuschauer fragte Cameron, ob das EU-Referendum - angesichts des Mords an Jo Cox - die Debattenkultur in Großbritannien vergiftet habe? Cameron ging darauf nicht ein, nutzte die Frage aber zu einem Appell für Toleranz.

Auch auf mehrere Fragen zum Thema Migration antwortete der Premier ausweichend und so wie meist: Ein EU-Austritt würde der britischen Wirtschaft schaden. Auf den Vorwurf eines Zuschauers, Cameron betreibe gegenüber der EU eine lasche Politik des Appeasements wie einst Neville Chamberlain gegenüber Nazi-Deutschland, antwortete Cameron, er sehe sich eher in der Tradition von Chamberlains Nachfolger Winston Churchill. Der habe Hitler bekämpft - und zwar "gemeinsam mit Franzosen, Polen und anderen".

Mit Stanley Johnson erneuerte außerdem ein prominenter Konservativer seine proeuropäische Haltung: Der frühere Europaparlamentarier und Vaters des Brexit-Befürworters Boris Johnson sprach sich in der "Bild"-Zeitung gegen einen Ausstieg aus der EU aus.

"Boris sagt, wir müssen die EU verlassen, um die Kontrolle über unser Land wieder zu bekommen. Ich sehe es genau umgekehrt: Wir müssen in der EU bleiben, um weiter die Kontrolle zu haben", so Johnson.

cht/Reuters/AFP

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webstar2568 20.06.2016
1. moment?
Heißt das, dass Leute jetzt das Lager wechseln, nur weil andere Leute die gleiche Meinung vertreten und man diese Menschen nicht mag? Sehr sachliche Entscheidung...
darkmattenergy 20.06.2016
2. Hr. Churchill und Hr. Chamberlain verwechselt Hr. Cameron also auch noch
Hr. Chamberlain wäre gewiß zuzutrauen, sich bequem und jede Verantwortung delegierend unter die EU zu ducken. Wäre jedoch ein Hr. Churchill Mitglied der EU, dann nur als alleiniger Chef des alliierten Ladens.
stefan7777 20.06.2016
3. Lasst sie doch ziehen!
EU, lieber ohne Bremsklotz am Bein! Es geht den Briten nur um "Kontrolle und Einfluß" in Europa. Die Europäische Idee kennen die Briten nicht wirklich. Genau das hat auch die aktuelle Diskussion herausgearbeitet. Die Ängste sind auch für die Brexit Gegner nur beschränkt auf ihre Insel. Ich denke noch mit Grauen an die Rolle der entfesselten Brutalfinanz aus London bei der Zockerei gegen Europäische Staaten. Es gibt absolut keine Spur von Zugehörigkeitsgefühl zum Kontinent. 50:50 ist einfach zu wenig, wirklich ein starkes Mandat bekäme die Politik ab 66:33.
viceman 20.06.2016
4. herr cameron passt wohl kaum
in die schuhe churchills , da träumt der typ eventuell von. vielleicht , was ränkespiele und intrigen betrifft , aber selbst da muß der aktuelle premier noch lernen...
hjanko 20.06.2016
5. Genau dieses Denken lässt mich hoffen....
das die Briten austreten: Zitat: "Mit Stanley Johnson erneuerte außerdem ein prominenter Konservativer seine proeuropäische Haltung: Der frühere Europaparlamentarier und Vaters des Brexit-Befürworters Boris Johnson sprach sich in der "Bild"-Zeitung gegen einen Ausstieg aus der EU aus. "Boris sagt, wir müssen die EU verlassen, um die Kontrolle über unser Land wieder zu bekommen. Ich sehe es genau umgekehrt: Wir müssen in der EU bleiben, um weiter die Kontrolle zu haben", so Johnson." Pro europäisch ist das sicher nicht. Dem ist nur klar, dass die EU dann endlich wieder die Möglichkeit hat, die Finanzmärkte strenger zu regulieren. Und das ist sicher nicht im Interesse der Konservativen und ihrer Freunde.
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