Brexit Wer klug ist, bleibt

Die Briten stehen vor der Wahl: Entscheiden sie sich für einen Augenblick des Stolzes oder für eine gemeinsam gestaltete Zukunft? Wenn Großbritannien klug ist, bleibt es Mitglied der EU - weil es einsieht, dass es um die Zukunft des Westens geht.

Ein Leitartikel von und Florian Harms


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Historische Momente sind selten vorab zu erkennen, denn man weiß halt nicht, wie Geschichte sich wenden und ausgehen wird. Manchmal aber eben doch. Manchmal wissen wir, dass etwas ansteht, wonach unsere Welt eine andere sein könnte.

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Heft 24/2016
Warum wir die Briten brauchen. Why Germany needs the British

Wenn Großbritannien klug ist, bleibt es Mitglied der EU, weil es einsieht, dass es um die Zukunft des Westens geht. Es geht um die Konkurrenzfähigkeit Europas in Zeiten des Wandels und im Wettstreit der Weltmächte. Es geht um nicht weniger als die Zukunft des Projekts Frieden, das einstmals verfeindete Staaten 1946 im zerstörten Kontinent begannen (Churchill: "Let Europe arise!") und welches Westeuropa sieben Jahrzehnte lang einte.

Die Worte werden in diesen Tagen wuchtig, die EU-Gegner vergleichen Brüssel mit Hitler und lügen gefährliche Zahlen herbei, während Pathos in die Texte der EU-Befürworter fließt; denn es geht um Großes und Grundsätzliches. Großbritannien ist eine Brücke zwischen Europa und den USA. Steigt diesseits des Atlantiks Großbritannien aus der EU aus und wird auf der anderen Seite Donald Trump Präsident, werden scheinbar ewige Bündnisse wackeln, und ein geschwächtes Europa kann einsam werden, hilflos inmitten von Weltkrisen.

Wenn die Rechtspopulisten stärker werden, weil ausgerechnet in diesen Monaten ihres Aufstiegs Europa schwächelt und schrumpft: Was bleibt von der Idee des toleranten und fortschrittlichen Miteinander, das den Westen ausmacht? Wenn Großbritannien nun also klug ist, sieht es ein, dass es allein keine Weltmacht ist, dass es am 23. Juni mit einem Ja zum Brexit viel verlieren und außer einem Moment des Stolzes nichts gewinnen kann.

Kommt es aber doch zum Ausstieg, weil überdurchschnittlich viele ältere und weniger gut ausgebildete Briten diesen so leidenschaftlich wollen, dann müssen sich Deutschland und das verbleibende Europa eingestehen, dass jene EU, die wir heute haben, dysfunktional und unattraktiv ist. Die EU sollte das Ausscheiden Großbritanniens betrauern und daraus lernen, sie sollte auf demütige Geschenke für die Ausgestiegenen verzichten und Schlagkraft entwickeln.

Oder aber, hoffentlich, andersherum: Falls die Briten gegen den Brexit stimmen, vielleicht sogar mit 55 oder 60 Prozent und nicht nur mit 50,01 Prozent, dann ist dies ein Mandat. Dann sollten die Briten so souverän sein, mit dem aufzuhören, was dem Rest Europas seit Jahren auf die Nerven geht: mit Sonderwünschen, Selbstmitleid und diesem elenden Gefeilsche um allerletzte Details.

Die Briten sollten am Tag danach verstehen, dass sie jenes verhasste Europa, das sie um Haaresbreite verlassen hätten, selbst herbeigeführt haben, und damit anfangen, ein besseres zu bauen.

Die Autoren

Klaus Brinkbäumer ist Chefredakteur des SPIEGEL, Florian Harms ist Chefredakteur von SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 354 Beiträge
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Seite 1
Mister Stone 11.06.2016
1.
Jetzt weiß ich auch endlich, wie diese Umfragen gemacht werden. "Sind Sie schön und klug und wollen Sie, dass die Briten drin bleiben? Dann sagen Sie ja." "Oder sind Sie hässlich und dumm und wollen Sie, dass die Briten gehen? Dann sagen Sie nein."
emo.alberich 11.06.2016
2. Welcher Phatos : die
Der Westen abhängig von den britischen Inseln? Wohl kaum. Schon vergessen, dass Europa schon mal "integriert" war und sich Winston Churchills Wünsche nach "Extrawürsten" gegen die Eingliederung und Unterordnung, Appeasement genannt, durchsetzen und so den Kontinent retteten. Ein freies, unabhängiges Britannien wäre auch heute noch die beste Rückversicherung Europas gegen übermässige "Integration" des Kontinents. Wirtschaftlich wird ein Brexit Europa nicht umhauen, ein freies Britannien ist keine militärische Gefahr für Europa. Aber eine demokratische Rückversicherung. Wieso eine Versicherung ablehnen, deren Prämie minimal ist und so viel Schutz bietet? Irgendwo auf dem Kontinent muss es noch Freiheit geben, damit man mindestens noch ein Modell hat, wie es früher war, als es noch Freiheit gab.
freiheitimherzen 11.06.2016
3. Denkzettel
Die europäische Idee ist gut, die EU in ihrer jetzigen Form nicht. So verfahren wie die Konstruktion der EU heute ist, kann man sie mit dem dem Flughafen BER vergleichen. Deshalb ist der Brexit vielleicht das beste, was Europa passieren kann. Ein Denkzettel für völlig abgehobene Politiker um sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen. Please, get real again! Viele Grüße
JohnBobsel 11.06.2016
4. Keiner brauch die Briten.
Also raus mit denen. Von mir aus können noch andere austreten. Werden sehen was sie davon haben. Wenn die EU dann wieder gesund geschrumpft ist werden wir überleben und die anderen vor die Hunde gehen. Also alles gut. Und zu den Briten? Was bringen die der EU ? Nichts. Mir fällt nicht eine Sache ein. Einfach nichts.
Halcroves 11.06.2016
5. Die Lords haben doch längst entschieden
dass sie keine Bevormundung aus Brüssel wollen. Fingierte Geschäfte werden zunehmend eingeschränkt. Wer entscheidet heute denn noch ? Die Menschen - denk ich sofort an´s schöne hah -ha -ha vom Gerd. Und wenn TTIP mit Hilfe CETA durch die Hintertür gewunken wird, dann ist es eh vorbei. Dann glaubt nicht einmal ein Grüner 68er mehr an Demokratie alla EU.
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