Angst vor Lebensmittelknappheit Wie sich Briten für den Brexit wappnen

Sie horten Lebensmittel und Medikamente, legen Trinkwasser-Vorräte an: Einige Briten wollen vorbereitet sein, sollte es zu einem ungeregelten Brexit kommen. Ihre Verunsicherung ist greifbar.

Oxford Street, London
REUTERS

Oxford Street, London

Von Sascha Zastiral, London


Nevine und Richard Mann haben sich vorbereitet. In ihren Schränken stapeln sich Linsen und Bohnen, Dosenfrüchte und Säfte, dazu Medikamente wie Ibuprofen und Paracetamol. Genug für vier Monate. In ihrem Garten in der Region Cornwall im Südwesten Englands bauen sie zudem Gemüse an. Auch ein riesiger Wassertank steht dort.

Nevine und Richard Mann sind "Prepper". Der Begriff leitet sich aus dem Englischen "be prepared" ab - sei vorbereitet. Das Phänomen stammt aus den USA. Manche Menschen horten dort Waffen oder bauen unterirdische Bunkeranlagen, um sich zu wappnen für Atom- und Bürgerkriege, Terrorangriffe, Naturkatastrophen oder den Tag des Jüngsten Gerichts.

Das Horrorszenario für britische Prepper: ein chaotischer, ungeregelter Brexit. "Wenn die Politik keine anderen Maßnahmen ergreift, dann wird es zu einem 'No Deal'-Brexit kommen", erklärt Nevine Mann. "Dann verlassen wir am 29. März die EU ohne ein Abkommen."

In der Tat könnte es dazu kommen. Die Abgeordneten in London sollen kommende Woche über das Brexit-Abkommen abstimmen, das Premierministerin Theresa May mit Brüssel ausgehandelt hat. Doch in London stößt der Deal auf heftigen Widerstand. Es gilt als wahrscheinlich, dass May sich im Unterhaus nicht durchsetzen kann. Was dann?

Sollten die Regierung und das Parlament in den Wochen darauf keine andere Lösung finden, würde das Land automatisch auf einen harten Brexit zusteuern. Und der hätte wohl vor allem kurzfristig schwerwiegende Konsequenzen.

Verzögerungen bei der Zollabfertigung

"Wir haben die Infrastruktur nicht, um damit zurechtzukommen", sagt Nevine, die früher als Hebamme gearbeitet hat. Die 36-Jährige hat sich informiert. "In Dover würde es Verzögerungen bei der Zollabfertigung geben, und das in beiden Richtungen. Das würde zu Problemen bei frischen Lebensmitteln führen." Es könne auch Probleme bei der Stromversorgung geben - oder Engpässe bei den Chemikalien für die Trinkwasseraufbereitung.

Tatsächlich gehen auch die britischen Behörden davon aus, dass es im Fall eines Brexit ohne Abkommen zu langen Verzögerungen an der Grenze kommen könnte. Allein in Dover, dem wichtigsten Fährhafen des Landes, müssten dann jeden Tag 10.000 Lastwagen kontrolliert werden. Es gibt Pläne, ein 16 Kilometer langes Autobahn-Teilstück zu schließen und in einen Lastwagen-Parkplatz zu verwandeln. Die Regierung prüft derzeit, ob auch ein kleiner Flugplatz in der Nähe genutzt werden könnte, um den Rückstau aufzufangen. Da Großbritannien rund ein Drittel seiner Lebensmittel aus der EU importiert, könnte es durchaus zu Versorgungsengpässen kommen. Und die dürften mehrere Monate lang andauern.

Im September hat die Regierung den konservativen Abgeordneten David Rutley zum Staatssekretär für Lebensmittelversorgung berufen. Es ist das erste Mal seit den Fünfzigerjahren, dass es diesen Posten wieder gibt. Etwa zur selben Zeit schrieb die Regierung Stellen für Krisen-Experten aus. Im Sommer berichtete die "Sunday Times" über Pläne Londons, im Ernstfall die Armee einzusetzen, um Lebensmittel, Treibstoff und Medikamente in entlegene Regionen des Landes zu transportieren. Die Regierung dementierte die Meldung zwar schnell. Doch immer weniger Briten glauben daran, dass die Politik die Lage im Griff hat.

"Kontrolle entglitten"

"Wir haben eine Premierministerin, der die Kontrolle entglitten ist", sagt Joanna Elgarf. Sie ist Moderatorin der Facebook-Gruppe "48% Percent Preppers". Die Gruppe ist erst vor wenigen Wochen als Ableger einer Facebook-Gruppe von Briten entstanden, die für einen Verbleib in der EU gestimmt haben. Heute hat sie schon rund 2500 Mitglieder. "Mays eigene Partei ist gespalten. Sie hat nirgendwo eine Mehrheit: Nicht in der öffentlichen Meinung, nicht in der Regierung. Selbst, wenn es morgen Neuwahlen geben würde, wäre es unklar, was kommt."

Elgarf sitzt in einem Café in Worcester Park, einem einfachen Arbeiterviertel im Südwesten von London. Sie kennt sich mit Versorgungsketten in der Lebensmittelindustrie aus: Sie hat früher für einen Lebensmittelkonzern gearbeitet. "Ich weiß, wie schnell Lebensmittel verarbeitet werden. Auch Supermärkte haben in aller Regel nur Reserven für drei bis fünf Tage", sagt sie.

Am meisten Sorge bereite ihr die Frage, was aus ihrer Tochter wird, wenn es zu Engpässen kommen sollte. Denn die ist schwere Epileptikerin. Doch die Ärzte verschreiben ihre Medikamente immer nur vier Wochen im Voraus. "Meine Tochter könnte sterben, wenn sie die Medizin nicht bekommt", sagt Elgarf.

Die Facebook-Gruppe der Brexit-Prepper wirkt eher wie das Forum eines Schrebergarten-Vereins denn als Internetportal für Apokalyptiker. Die Mitglieder tauschen Kochrezepte aus und diskutieren, wie man am besten Äpfel dehydriert. Einige verbreiten Nachrichtenartikel. "Wir sind ganz gewöhnliche Leute", betont Elgarf.

Nevine Mann in Cornwall erzählt, wie das drohende Brexit-Chaos bei vielen EU-Gegnern zu einem Umdenken geführt habe. Ihre Schwiegermutter etwa sei jetzt davon überzeugt, dass es besser wäre, in der EU zu bleiben. Doch man habe den Menschen jahrzehntelang eingeimpft, dass die Europäische Union schlecht sei. "In den Medien wurde das geschrieben, Politiker haben das den Leuten gesagt. Alles Negative wurde auf die EU geschoben."

Nevine setzt nun darauf, dass sie auf ihre Vorräte niemals zurückgreifen muss. "Wir betrachten das eher als einer Art Versicherung", sagt sie. Viel lieber würde sie das Essen einer Tafel spenden. "Wir hoffen, dass wir das nicht brauchen werden", sagt sie. "Aber falls doch, dann ist es da."



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Oskar ist der Beste 09.12.2018
1. ich lebe in UK...
...im Großraum London und ich darf jedem versichern, ich kenne niemanden, der irgend etwas auf Vorrat anlegt. Das ist ja auch vollkommen absurd, da selbst bei einem Brexit ohne Deal nicht die Lebensmittelversorgung zusammenbricht, denn UK kann ja auch "danach" immer noch auf dem Weltmarkt einkaufen, nur eben aus der EU mit Zöllen. Im übrigen sind britische Häuser und Wohnungen nicht auf Vorratshaltung eingerichtet (Es gibt z.b keine Keller). Die Einzigen, die spekulieren sind Hedge funds und zwar auf ein Kollabieren der britischen Währung, das allerdings ist eine wirkliche Bedrohung. Brexit ist kein Herzinfarkt, sondern ein Krebsgeschwür, das sich langsam aber stetig in die britische Gesellschaft reinfressen wird. Politisch ist das bereits im Gange, wirtschaftlich wird das mittelfristig Folgen haben: Sozial liegt UK bereits "Dank" 8 Jahren Tory Regierung am Abgrund (14 Mio Armut, 4 Mio davon Kinder, geschätze 130.000 Tote infolge von Sozialkürzungen u.sw.), es gibt Fälle, wo Leute seit 2 Jahren keine Sozialleistungen erhalten, weil die Regierung alle Fälle überprüft (durch ein Privatunternehmen, das nach der Anzahl der Ablehnungen bezahlt wird) und bis die Gerichte die "Ablehnungen" bearbeitet haben, dauert es schon einmal etwas (zumal es keine Verwaltungs- und Sozialgerichtsbarkeit gibt.) Wer ein die DDR live im 21. Jahrhundert erleben will, der findet in Uk einiges.
capote 09.12.2018
2. Erinnerungen an den Jahreswechsel 1999/2000
.... und was ist passiert? Nullkommanull gar nichts !
rambazamba1968 09.12.2018
3. visum
das mit den Gütern wird sich schon klären. Wichtig ist, dass die Briten mit so einem Schritt sich isolieren und für ein Visum in die EU 500 Euro bezahlen müssen. Nationale Alleingänge dürfen nicht belohnt werden, sondern jeder einzelne muss es spüren.
dirkcoe 09.12.2018
4. Berechtigte Sorgen drr Briten?
Ich denke leider ja. Während May und die Politiker auf der Insel im Biotop der Parlamente die Köpfe heiss reden - fallen die berechtigten Sorgen der Bürger hinten runter. Die Regierung hat nicht den Hauch einer Ahnung, wie sie mit dem absehbaren Chaos umgehen soll.
Benjowi 09.12.2018
5.
Wie kann man sich freiwillig und offensichtlich aus totaler Uninformiertheit in eine solche Lage bringen-angetrieben von irrationalen Heilsversprechen, man werde dann "frei" sein?-Man wird nicht frei sein, sondern Gefangener eines trister werdenden Alltags-mit Ausnahme der reichen Tories, die dieses Desaster aus purem Übermut angezettelt haben!
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