Brief aus der Haft Türkische Journalisten appellieren an Merkel

In der Türkei inhaftierte Journalisten bitten Angela Merkel kurz vor dem EU-Sondergipfel um die Verteidigung westlicher Werte. Eine gemeinsame Haltung sei auch in der Flüchtlingskrise wichtig, schreiben sie in einem Brief.

Präsident Erdogan: Strafanzeige gegen regierungskritische Zeitung
AP/dpa

Präsident Erdogan: Strafanzeige gegen regierungskritische Zeitung


Vor dem EU-Türkei-Gipfel zur Flüchtlingskrise am Sonntag haben zwei in der Türkei verhaftete Redakteure der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet" von EU-Spitzenpolitikern ein klares Bekenntnis zur Presse- und Meinungsfreiheit gefordert.

In Schreiben an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Frankreichs Staatschef François Hollande und den britischen Premierminister David Cameron riefen der "Cumhuriyet"-Chefredakteur Can Dündar und der Leiters des Hauptstadtbüros, Erdem Gül, die Europäische Union auf, für einen gemeinsamen Flüchtlingsaktionsplan mit Ankara nicht ihre Werte zu verraten.

In ihren Schreiben in der jeweiligen Landessprache der Adressaten äußern die Journalisten die Hoffnung, dass die Suche nach einer Lösung zur Steuerung der Flüchtlingswanderung Richtung Europa die EU bei den Verhandlungen mit Ankara nicht davon abhalten werde, "die westlichen Werte wie Bürgerrechte, Meinungs- und Pressefreiheit hoch zu halten und sie zu verteidigen". Die gemeinsamen Werte könnten nur durch Solidarität und eine gemeinsame Haltung bewahrt werden, schreiben Dündar und Gül aus dem Silivri-Gefängnis bei Istanbul.

Der türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu, der am Sonntag in Brüssel erwartet wird, repräsentiere eine Regierung, die "jede Achtung und jeden Respekt für die Meinungs- und Pressefreiheit vermissen" lasse, schreiben die Autoren weiter, die am Donnerstagabend wegen des Verdachts auf Spionage und Geheimnisverrats in Untersuchungshaft genommen wurden.

Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte im Mai Strafanzeige erstattet gegen "Cumhuriyet", weil die Zeitung Fotos von der Durchsuchung eines Waffenkonvois des türkischen Geheimdienstes MIT im Januar 2014 veröffentlicht hatte, der angeblich für die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien bestimmt war. Die Festnahmen Güls und Dündars stießen auf breite Kritik. Die EU-Kommission sprach von einer "beunruhigenden Situation".

Am Sonntag wollen die EU-Staats- und Regierungschefs auf einem Sondergipfel mit der Türkei einen gemeinsamen Aktionsplan in Kraft setzen. Er zielt darauf ab, die ungesteuerte Einwanderung über das Land an der Schnittstelle zwischen Asien und Europa zu stoppen. Die türkische Regierung ist sich ihrer entscheidenden Rolle bewusst und fordert eine Reihe von Gegenleistungen für die Zusammenarbeit.

cpa/dpa/afp

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