Briefe vom Krieg "Kumpel, der Irak ist echt beschissen"

Warum müssen wir hier unten sterben? Warum unsere Beine verlieren? Michael Moore hat die Briefe von US-Soldaten im Irak zusammengetragen. Sie dokumentieren das alltägliche Töten, die bohrende Angst und die Wut auf einen Präsidenten, der sie aus zweifelhaften Motiven in diesen Krieg geschickt hat. SPIEGEL ONLINE bringt Auszüge.


Michael Moores jüngstes Buch: Briefe von Soldaten, Veteranen, Angehörigen

Michael Moores jüngstes Buch: Briefe von Soldaten, Veteranen, Angehörigen

New York - Es sind Briefe von Menschen, die den Krieg nicht mehr verstehen. Von Soldaten, die ihre besten Freunde haben sterben sehen. Von Müttern, die um ihre Kinder bangen.

Einige der Schreiber sind schon nicht mehr am Leben, sie sind umgekommen in einem zunehmend schmutziger werdenden Krieg. Viele sind enttäuscht von ihrem Präsidenten, der ihnen nicht hinreichend gepanzerte Transporter schickt, der sie zu einem Feldzug gedrängt hat, den etliche als verlogen empfinden.

Der amerikanische Autor Michael Moore hat die Briefe und E-Mails der Verzweiflung in ein Buch gepackt. "Verraten und Verkauft - Briefe von der Front" heißt es, es erschien vergangene Woche in Amerika und kommt heute in Deutschland auf den Markt.

Als Vorwort hat Moore den Brief des jungen Michael Pederson aus dem März 2003 an seine Mutter gewählt - es war der letzte Brief des Soldaten, bevor er im Irak fiel. "Wir glauben nicht, dass in nächster Zeit hier was passiert", heißt es da. "Ich kann es gar nicht erwarten, heimzukommen und wieder ein normales Leben zu führen."

Moore selbst erklärte, er sei "stolz darauf die Truppen zu Wort kommen zu lassen". Autoren sind aktive und ehemalige GIs, ihre Eltern, Brüder, Schwestern, Frauen. SPIEGEL ONLINE präsentiert Auszüge.

VON: Anonym
DATUM: Freitag, 9.Juli 2004, 11.19 Uhr
BETREFF: Sie sind ein wahrer Patriot

Hi Mike,
Vor zwei Tagen hat einer meiner besten Freunde beide Beine verloren, als ein selbstgebauter Sprengsatz unseren Konvoi traf. Er hat vor Beginn unseres Einsatzes geheiratet und hatte nicht mal Zeit für die Flitterwochen. Wir sind alle traurig, nachdem wir ihn gesehen haben und wir begannen uns alle zu fragen: Wie viele müssen noch sterben? Wie viele müssen noch ihre Gliedmaßen verlieren, bevor wir von hier wegkommen?

VON: Al Lorentz
DATUM: Samstag, 22. Mai 2004, 10.32 Uhr
BETREFF: Ein alter Frontsoldat dankt Ihnen

Lieber Mr. Moore,
ich bin eine alter Soldat, der zurzeit im Irak im Felde steht. Ich danke Ihnen und Leuten wie Ihnen, dass sie diese wunderbaren Kids, die im Militär dienen, nicht für einfache Kriegsknechte halten, die man ohne Bedenken ganz nach Laune von ein paar Narren in sinnlose Kriege schicken sollte. Jeder von uns Soldaten schwört einen Eid, die Verfassung der Vereinigten Staaten zu wahren und zu verteidigen. Dieser Krieg hat nichts mit der Wahrung und Verteidigung dieser Verfassung zu tun.
Zweck unseres Militärs ist es, unsere Republik zu verteidigen, und nicht ausländische Diktatoren zu stürzen, in fremden Ländern die "Demokratie" aufzubauen oder die Welt für alle anderen zu einem besseren Ort zu machen. Dies mögen ja noble Ziele sein, aber es ist nicht Aufgabe einer freien und demokratischen Gesellschaft, sie überall durchzusetzen, sonst hört sie auf Republik zu sein, und wird zu einem Imperium.

VON: Django
DATUM: Donnerstag, 27. Mai 2004, 15.07 Uhr
BETREFF: Ein Soldat im Irak

Lieber Mike,
Ich bin ein Soldat, der im Irak stationiert ist. Ich bin schon seit über einem Jahr hier und habe viele Freunde und Kameraden sterben oder Gliedmaßen verlieren sehen. Ich habe ein paar Bedenken, Ihnen zu schreiben, wegen der Bestimmung, nicht negativ über den Präsidenten zu reden, aber eigentlich halte ich ihn ja nicht für den richtigen Präsidenten. Er vertritt nicht die Mehrheit unserer Nation und hat auch niemals in unserer Haut gesteckt. (in der von Soldaten im Krieg, von Arbeitern, gebildeten Leuten usw.)
Wir werden unser Leben für unsere Kameraden opfern, aber ich habe nicht das Gefühl, hier mein Land gegen einen Feind zu verteidigen, der wirklich eine Bedrohung für unsere Nation darstellt.

VON: Kyle Waldman
DATUM: Freitag, 27. Februar 2004. 2.35 Uhr
BETREFF: Keiner

Michael Moore,
meine Zeit im Irak hat mich einiges über das irakische Volk und den Zustand dieses vom Krieg heimgesuchten, bettelarmen Landes gelehrt. Im Rahmen der humanitären Hilfe habe ich ein paar Familien näher kennen gelernt, die in diesen beiden Häusern lebten, und sie sind es, die in Zeiten des Krieges am meisten zu leiden haben, vor allem wenn dessen Ziele so unsinnig waren.
Da gab es ein paar Bauern, die wussten nicht einmal, dass es den ersten Golfkrieg "Desert Storm" oder auch diesen Krieg überhaupt gegeben hat. In diesem Augenblick erkannte ich, dass dieser Krieg von den wenigen veranlasst wurde, die von ihm profitieren würden, und es dabei keineswegs um das Volk ging. Wir Koalitionstruppen haben diese Leute nicht befreit; wir haben sie sogar noch tiefer in die Armut gestürzt. Ich sehe auch in nächster Zukunft keinen wirtschaftlichen Aufschwung für dieses Land voraus, wenn ich sehe, wie Bush dessen Öleinkünfte bereits umgeleitet hat, um sicherzustellen, dass es für unsere Geländewagen immer genug Benzin geben wird.
Wir sollen hier Frieden schaffen, dabei wurden wir nur für Zerstörung ausgebildet. Wie sollen gerade mal 200.000 Soldaten dieses ganze Land kontrollieren?

VON: Michael W.
DATUM: Dienstag, 13. Juli 2004, 12.28 Uhr
BETREFF: Kumpel, der Irak ist echt beschissen

In den wenigen Monaten, die meine Einheit jetzt im Irak stationiert ist, haben wir einen Mann verloren und viele (auch ich) sind bereits bei Kampfhandlungen verwundet worden. Und wofür? Zumindest hätte unsere Regierung dafür sorgen können, dass alle unsere Fahrzeuge eine geeignete und wirksame Schutz Ausrüstung und Panzerung bekommen.
In den frühen Morgenstunden des 10. Mai, auf den Tag genau einen Monat vor meinem 30. Geburtstag, gerieten ich und zwölf andere im südöstlichen Bagdad in einen perfekt angelegten Straßenhinterhalt. Wir wurden mit Handfeuerwaffen, einer raketengetriebenen Granate und zwei am Straßenrand gut getarnten Bomben angegriffen. Diese Bomben zerstörten fast einen unserer "Hummer", durchsiebten meine Freunde mit ihren Splittern und töteten sie beinahe.
Sie hätten keinen Kratzer bekommen, wenn die bereits die neuartige Schutzausrüstung gehabt hätten.
Das Ganze ist einfach zu lächerlich, was mich zu meinem nächsten Punkt bringt. Ein bei Blackwater angestellter Mitarbeiter verdient 15.000 Dollar im Monat, um denselben Job wie meine Kumpel und ich zu erledigen. Ich bekomme hier drüben 4000 Dollar im Monat. Was geht denn hier vor?

VON: Stabsgefreiter Willy
DATUM: Dienstag, 9. März 2004, 13.23 Uhr
BETREFF: Vielen Dank

Mike,
Es ist hart, meinen Oberfeldwebel sagen zu hören: "Wenn Sie sich dazu entschließen, einen bedrohlich aussehenden Zivilisten töten zu wollen, erschießen Sie ihn. Ich fülle lieber einen Haufen Formulare aus, als einen meiner Soldaten von so einem Kopftuchträger totschießen zu lassen."
Selbst wenn jemand nur bedrohlich aussieht, sind wir angewiesen zu handeln, bevor der uns etwas antut. Ich wurde nicht in einer solchen Angst aufgezogen, und es wird seine Zeit brauchen, bis ich mich daran gewöhnt habe.
Die Ansichten der Leute über diesen Krieg haben sich um 180 Grad gedreht, seit wir hier sind. Bereits in der ersten Woche wurde einer von uns bei einem Mörserangriff getötet, und seit dem haben sich die Dinge total verändert. Soldaten rufen ihre Familien an und fordern sie auf, John Kerry zu unterstützen.

VON: Anonym
DATUM: Donnerstag, 15. April 2004, 12.41 Uhr
BETREFF: Von einem KBR-Lastwagenfahrer im Irak

Mike,
Ich bin ein Lastwagenfahrer von Kellogg, Brown and Root (KBR), einer Tochterfirma von Halliburton, der gerade im Irak arbeitet. Seit ich diesen Job vor einigen Monaten antrat, tragen 100 Prozent (ganz richtig, nicht 99 Prozent) der Arbeiter, die ich hier kenne, viel mehr Stunden in ihren Arbeitszeiterfassungsbogen ein, als sie tatsächlich gearbeitet haben. Da gibt es noch so viel, was ich Ihnen erzählen könnte. Aber Tatsache ist, dass den amerikanischen Steuerzahlern und dem irakischen Volk bereits viele Millionen Dollar durch das unglaubliche Ausmaß von Habgier und Missbrauch geraubt wurden, das hier herrscht.

VON: Anthony Pietsch
DATUM: Donnerstag, 5. August 2004, 18.13
BETREFF: Soldat zu verkaufen

Lieber Mr. Moore,
Ich heiße Tony Pietsch und bin ein Nationalgardist, der die letzten 15 Monate in Kuwait und im Irak stationiert war. Viele Soldaten, mit denen ich sprach, glaubten immer noch and das Militär, aber nicht mehr an den Krieg. Viele waren der Ansicht, das Ganze finde nur statt, weil manche finanziellen Gewinn daraus ziehen, und sie hatten große Schwierigkeiten, den Tod von Freunden und Kameraden zu verkraften, die für solch eine wenig würdige Sache gefallen waren. Ich neigte dazu, ihnen zuzustimmen, obwohl ich das alles nur theoretisch nachvollziehen konnte.
Der irakische Widerstand war der reine Wahnsinn. Ich lag viele Nächte wach, nachdem Mörsergranaten in unmittelbarer Nachbarschaft eingeschlagen hatten, manchmal so nahe, dass dadurch Steine gegen mein Zelt flogen. Ich habe erlebt, wie am Straßenrand versteckte Bomben gezündet wurden und wie Irakis unser Fahrzeug von der Seite rammen wollten. Kleine Kinder zeigten uns den Stinkefinger und warfen Steine auf die Soldaten an den MGs auf den Lastwagen.
Wir haben viele Opfer gebracht; ich hatte an mehr Tagen Angst um mein Leben , als ich zählen kann. Zwar verloren wir unseren ersten Mann erst ein paar Wochen vor Ende unseres Einsatzes, aber es scheint, dass unser ganzer Einsatz völlig nutzlos ist, da wir bei den Einheimischen nur auf Feindschaft und Ablehnung stoßen.

VON: R.H.
DATUM: Montag, 12. Juli 2003, 16.57 Uhr
BETREFF: Ein Teilnehmer des Irakkriegs unterstützt Sie

Lieber Mr. Moore,
Ich kam in den Irak mit der Vorstellung, dass ich dort Leute töten würde, die ich für absolut schrecklich hielt. Ich dachte damals: "Scheiß auf den Irak, scheiß auf diese Leute, hoffentlich killen wir Tausende von denen." Warum um Himmels willen dachte ich so? eigentlich ist das sonst gar nicht meine Art. Ich glaubte eben meinem Präsidenten. Ich dachte, George W. sei einfach großartig. Endlich nahm da einer die Sache in die Hand und ließ sich und unser Land nicht mehr von al-Qaida oder irgendeinem von diesen Terroristen herumschubsen.
Meine Einheit war die 3. Schwadron des 7. Kavallerieregiments der 3. Infanteriedivision, die normalerweise in Fort Stewart in Georgia stationiert ist. Wir waren einer der ersten Verbände, die bis Bagdad vorstießen, und wir bildeten auf dem ganzen Weg durch den Irak praktisch immer die Speerspitze. Ich hatte schreckliche Angst. Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Ich sah zum ersten Mal Leichen. Menschen, die es in zwei Teile zerrissen hatte. Kleine Kinder, die dank einiger gut platzierter Kugeln keine Beine mehr hatten. Alles brach über mich herein, was ich sah, was ich hörte, die Angst.

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