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04. Mai 2012, 09:52 Uhr

Bin-Laden-Briefe

Streit der Anti-Terror-Kämpfer

Von , Islamabad

Das Ziel der USA ist klar: Die jetzt veröffentlichten Briefe Bin Ladens sollen zeigen, wie zerstritten und schwach al-Qaida schon beim Tod des Terrorchefs war. Auch Pakistan lässt seine Version der Ereignisse durchsickern: Sie dient dazu, das Land von Schuld reinzuwaschen.

Osama Bin Laden machte sich bis zum Schluss Gedanken darüber, wie er in die Geschichte eingehen würde. Er habe mehrere TV-Sendungen über sich gesehen und festgestellt, dass "über ihn, der nichts von seiner eigenen Geschichte preisgibt, Medienleute und Historiker eine Geschichte konstruieren", schrieb er an einen seiner Qaida-Kommandeure. "Sie werden jede verfügbare Information nutzen, unabhängig davon, ob sie richtig ist oder nicht."

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade die Veröffentlichung dieses Briefes Bin Ladens und 16 weiterer Dokumente, die die Navy Seals beim Schlag gegen den Qaida-Chef in der Nacht auf den 2. Mai 2011 im nordpakistanischen Abbottabad sichergestellt haben, genau dazu beiträgt: die Geschichte von einem einsamen, geschwächten Bin Laden zu untermauern. Inwieweit sie zutreffend ist, bleibt letztlich Spekulation.

Die US-Soldaten nahmen aus Bin Ladens Haus mehr als 6000 Seiten an Papieren mit, "Dokumente im Umfang etwa einer Schulbibliothek", wie ein amerikanischer Ermittler sagt. Nur 175 Seiten hat das Weiße Haus jetzt freigegeben, Briefe von und an Bin Laden, verfasst auf Arabisch zwischen September 2006 und April 2011, kurz vor seinem Tod. Die Texte wurden im Original und auf Englisch online veröffentlicht, bearbeitet und übersetzt von Wissenschaftlern der US-Militärakademie West Point. Grund für die jetzige Veröffentlichung sei das "neuerliche Interesse" zu Bin Ladens erstem Todestag, daher sei es "angemessen" gewesen, die Papiere freizugeben, sagte Jay Carney, Sprecher des Weißen Hauses, am Donnerstagabend.

Die veröffentlichten Briefe stützen die US-Deutung

Den ausgewählten Briefen zufolge war Bin Laden am Ende seines Lebens frustriert, isoliert und verärgert über die Inkompetenz der mit al-Qaida assoziierten Dschihadistengruppen. In einem Schreiben beschwert er sich, al-Qaida würde selbst unter Muslimen an Zustimmung verlieren. Bei Anschlägen würden zu viele "Glaubensbrüder" getötet, beklagt er. Al-Qaida müsse sich wieder mehr auf den Gegner USA konzentrieren. Die Zukunft von al-Qaida stehe auf dem Spiel.

Außerdem seien die Drohnenangriffe der USA im Westen Pakistans eine Gefahr für seine Gefolgsleute. In einem Schreiben vom Oktober 2010 fordert er seine Kämpfer auf, aus den pakistanischen Stammesgebieten nach Afghanistan zu fliehen.

Es sind sorgsam ausgewählte Briefe, die die Welt und, vor allem, die Wähler in den USA zu sehen bekommen. Die Tötung Bin Ladens ist immerhin ein großer Erfolg von US-Präsident Barack Obama, der in diesem Jahr wiedergewählt werden will. Die Dokumente sollen das Bild eines Terrornetzwerks in Belagerungszustand zeichnen, einer Organisation, die kaum noch schlagkräftig ist, und eines Anführers, der unbeholfen per Brief Befehle gibt. Zwar sollen weitere Papiere aus dem Fund veröffentlicht werden, jedoch "aus Sicherheitsgründen" nicht alle.

Es ist ein verzerrtes Bild. Tatsächlich ist al-Qaida nach den Anschlägen von 9/11 kein Angriff auf die USA mehr gelungen. Gleichwohl ist das Terrornetzwerk weit davon entfernt, besiegt zu sein. Und an den Erfolgen der Drohneneinsätze in Westpakistan, die US-Präsident Obama in seiner Amtszeit verstärkt hat, gibt es Zweifel: Abgesehen davon, dass sie völkerrechtlich umstritten sind, beklagen Bewohner der betroffenen Regionen die Tötung Hunderter Zivilisten.

Die Veröffentlichung der Briefe ist Teil eines Kampfes um die öffentliche Meinung. Wer hat die Deutungshoheit über dieses Stück Weltgeschichte? Die USA wollen ihren Krieg in Afghanistan gegen die Taliban, die sie für die Beherbergung von al-Qaida bestrafen wollten, beenden. Ihr Ziel, die Taliban dauerhaft von der Macht zu bomben, haben die Amerikaner nicht erreicht. Aber sie wissen: Sieg oder Niederlage sind auch eine Frage der Deutung. Die Tötung Bin Ladens, scheint es, soll nun zum Herzstück eines vermeintlichen US-Erfolgs definiert werden.

Pakistan will sich reinwaschen

Mehr noch als die USA hat Pakistan zu verlieren. Hier hatte Bin Laden jahrelang sein Versteck, das Land steht deshalb weltweit in der Kritik. Vergeblich und mit seltsamen Methoden hat Pakistan versucht, das Thema zu verdrängen. Ausländischen Journalisten wurde und wird der Zugang in die Stadt Abbottabad verwehrt, das Haus Bin Ladens wurde im Februar abgerissen, als könnte man das Thema mit der Abrissbirne zertrümmern.

Eine vierköpfige Kommission, "Abbottabad-Kommission" genannt und angeführt von einem pensionierten obersten Richter, soll die Geschichte aus pakistanischer Sicht deuten. Das Gremium befragte zahlreiche Beteiligte, darunter Militärs, Geheimdienstchefs und Regierungsmitglieder. Ursprünglich sollte das Ergebnis schon Ende vergangenen Jahres vorliegen. Jetzt ist der Bericht für Ende Mai angekündigt.

Vorab hat die Kommission das Ergebnis des Berichts angedeutet, nämlich dass "weder eine Institution noch ein Individuum" dafür verantwortlich sei, dass Bin Laden so lange unentdeckt blieb. Sollte dies tatsächlich der Schluss sein, zu dem die Kommission kommt, wäre der Bericht wertlos. Denn auch pakistanische Experten sind sich sicher, dass Bin Laden Helfer gehabt haben muss - nicht unbedingt die Armee oder den Geheimdienst selbst, aber doch Leute aus Kreisen dieser Institutionen. Solange die Verantwortlichen nicht benannt werden, dürften die Spekulationen andauern.

Nach Angaben eines Sprechers der Abbottabad-Kommission soll der Bericht zunächst dem Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofs vorgelegt werden. Ob er je öffentlich gemacht wird, sagte er nicht. Angeblich sei dies "Sache des Gerichts".

US-Einheit ließ Dokumente von Bin Laden zurück

Auch Pakistan nutzt Dokumente aus dem Haus Bin Ladens. Die Navy Seals nahmen in ihrer Eile nicht alle Dokumente aus dem Haus in Abbottabad mit. Ein großer Teil fiel deshalb pakistanischen Sicherheitskräften in die Hände. Pakistans Verteidigungsminister Chaudhry Ahmed Muchtar sagte dem Sender BBC, die Regierung in Islamabad und die Armee hätten eine "bedeutende Rolle" dabei gespielt, Bin Laden aufzuspüren, und zwar mit Hilfe der Sim-Karte seines Mobiltelefons. Außerdem habe die pakistanische Armee das Qaida-Netzwerk enorm geschwächt.

Während die USA also bemüht sind, einen Erfolg ihres Anti-Terror-Kriegs herbeizudefinieren, geht es Pakistan darum, sich von Schuld reinzuwaschen. In der Kritik stehen vor allem die Armee, deren Akademie in Abbottabad nur wenige hundert Meter von Bin Ladens Haus entfernt steht, sowie der Geheimdienst ISI.

Aus dem ISI sickert jetzt durch, wie er von Bin Ladens Aufenthalt in der Garnisonsstadt erfahren haben will. Demnach erhielt General Ahmed Schuja Pascha, bis März dieses Jahres Chef des ISI, in der Nacht zum 2. Mai 2011 einen Anruf von einem Bekannten aus der südpakistanischen Hafenmetropole Karatschi. Der fragte, ob er etwas über einen Hubschrauberabsturz in Abbottabad wisse. Pascha verneinte und rief daraufhin seinen ISI-Mann in Abbottabad an. Der erklärte, auch er habe von einem Absturz gehört und sei gerade unterwegs zur vermuteten Unglücksstelle.

Kurze Zeit später rief Armeechef General Aschfaq Parwes Kayani, mächtigster Mann in Pakistan und Paschas Vorgesetzter, den ISI-Chef an. Pascha meldete, ein ISI-Mann sei unterwegs, aber auf keinen Fall fehle ein ISI-Hubschrauber. Kayani ließ daraufhin überprüfen, ob ein Heereshubschrauber betroffen sei. Ergebnis: Es fehlt kein Armeehelikopter.

Konfusion nach dem Sturm auf Bin Ladens Haus

Der ISI-Mann in Abbottabad war inzwischen am Absturzort eingetroffen und berichtete per Telefon an Pascha, was er sah. Am anderen Telefon hatte Pascha Kayani, dem er die Nachrichten unmittelbar weitergab.

Der ISI-Mann sagte demnach, er sehe einen Toten am Eingangstor, außerdem sei Polizei vor Ort. Auf die Frage Paschas, welche Nationalität der Tote habe, antwortete sein Mitarbeiter, er sehe pakistanisch aus. Auf dem Grundstück, meldete der ISI-Mann weiter, sehe er nun gefesselte Menschen. Sie würden Arabisch sprechen, er könne sich daher kaum mit ihnen unterhalten. Eines verstehe er aber doch: dass diese Leute sagen, sie gehörten zu Osama Bin Laden. Den habe man getötet und mitgenommen. Eine junge Frau gab zu verstehen, sie sei dabei gewesen, als er getötet wurde.

Diese Telefongespräche, heißt es weiter in pakistanischen Geheimdienstkreisen, seien von den Amerikanern mitgeschnitten worden - und ein Beweis dafür, dass Pakistan nichts von Bin Ladens Aufenthaltsort gewusst habe.

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