Brisante Ankara-Visite Erdogan wirft Merkel Hass gegen die Türkei vor

Der türkische Premier Erdogan legt im Schul-Streit mit Bundeskanzlerin Merkel nach: Er unterstellt der deutschen Regierungschefin "Hass gegen die Türkei". Kanzlerin Merkel ist inzwischen in Ankara eingetroffen - eine brisante Mission.

Politiker Erdogan, Merkel (im Februar 2008): "Warum dieser Hass gegen die Türkei?"
dpa

Politiker Erdogan, Merkel (im Februar 2008): "Warum dieser Hass gegen die Türkei?"


Istanbul - Die Fronten zwischen dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und Bundeskanzlerin Angela Merkel haben sich kurz vor dem Besuch der deutschen Regierungschefin in Ankara verhärtet. Erdogan legte im Streit um die von ihm geforderten türkischen Schulen in Deutschland nach. Während einer Reise in Libyen kritisierte Erdogan die Ablehnung seines Vorschlags. "Warum dieser Hass gegen die Türkei? Ich verstehe es nicht", sagte Erdogan demnach am Wochenende mitreisenden türkischen Journalisten. "Das hätte ich von der Bundeskanzlerin Merkel nicht erwartet. Ist die Türkei ein Prügelknabe?"

Erdogan hat sich einen heiklen Zeitpunkt für seine Äußerungen ausgesucht: Merkel ist an diesem Montag zu einem politisch brisanten zweitägigen Besuch in die Türkei gereist. In Ankara kommt sie mit Staatspräsident Abdullah Gül und Erdogan zusammen. Zu den Themen gehören die schleppenden Beitrittsverhandlungen zwischen der Europäischen Union (EU) und dem Nato-Partner Türkei, die Lage in der Region mit Blick auf Iran und Israel sowie der schwierige Versöhnungsprozess der Türkei mit Armenien. Am Dienstag besucht Merkel Istanbul. Es ist ihre zweite Türkei-Reise als Kanzlerin.

Nach dem öffentlich ausgetragenen Streit zwischen Merkel und Erdogan über den EU-Beitrittswunsch und über die Forderung nach Einrichtung türkischer Schulen in der Bundesrepublik erwarten türkische Medien, dass der Besuch von diesen Problemen überschattet wird. Auf Merkel warteten schwierige Gespräche, schrieb die regierungsnahe Zeitung "Zaman" am Montag.

Der türkische Oppositionsführer Deniz Baykal lehnte nach den Differenzen ein Treffen mit Merkel in Ankara ab. Baykal sagte der Zeitung "Vatan" vom Montag, er werde an einem Empfang Merkels in der deutschen Botschaft in der türkischen Hauptstadt nicht teilnehmen. Baykal wandte sich gegen das Angebot, wie andere Oppositionspolitiker am Rande des Empfangs jeweils zehn Minuten mit der Kanzlerin sprechen zu können.

Böhmer stellt sich im Schulstreit hinter Merkel

Zu Merkels Delegation gehört auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU). Sie gab Merkel Rückendeckung und sprach sich ebenfalls gegen türkische Gymnasien in Deutschland aus. "Wir sollten uns dem Kern des Problems widmen und das heißt: Wer auf Dauer hier in Deutschland lebt, muss wirklich gut die deutsche Sprache beherrschen, um erfolgreich zu sein", sagte Böhmer am Montag im ARD-"Morgenmagazin". Deutsche Schulen in der Türkei seien keine Rechtfertigung für die Einrichtung türkischer Gymnasien in Deutschland. Es gebe zudem in Berlin und anderen Städten bereits Schulen, in denen Türkisch unterrichtet werde, sagte die Politikerin.

"Viele wissen gar nicht, dass Türkisch auch Abiturfach sein kann", sagte Böhmer. Es komme darauf an, wie sich die Schülerschaft an einer Schule zusammensetze. Sorge bereite ihr, "dass die, die hier leben, und das sind gerade Kinder und Jugendliche, nicht genügend Deutsch sprechen, sagte Böhmer. "Damit klappt oft der Schulabschluss und die Einmündung in eine berufliche Qualifizierung nicht." Deutschkenntnisse könnten in Integrationskursen und durch frühestmögliche Spracherziehung erworben werden. Das sollte eigentlich keine Diskussion mehr sein, sagte Böhmer.

ffr/dpa/AFP



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Seite 1
El gato negro 29.03.2010
1. Oh mein Gott.
Meine Güte, wenn jetzt schon so gepoltert wird, wie wäre das denn erst, falls die Türkei tatsächlich EU-Mitglied wäre? Dann könnten man die EU bald ganz auflösen, ohne Kooperationsbereitschaft geht dort doch eh nichts.
bestoffive 29.03.2010
2. Armer Herr Erdogan
Armer Herr Erdogan, ist wohl nicht gewohnt, dass eine Frau ihm widerspricht...?
laosichuan 29.03.2010
3. Integration: ja, nur nicht von mir!
Zitat von sysopDer türkische Premier Erdogan legt im Schulstreit mit Bundeskanzlerin Merkel nach: Er unterstellt der deutschen Regierungschefin "Hass gegen die Türkei". In wenigen Stunden nun wird Merkel in Ankara eintreffen - eine brisante Mission. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,686124,00.html
Warum sind Deutsche im Ausland nicht bereit sich in dem Maße zu integrieren, wie das von den Türken in Deutschland erwartet wird? Hier in Beijing sprechen nicht wenige deutsche Manager, die seit 10+ Jahren hier leben, noch kein Chinesisch. Wenn die Firma in Schwierigkeiten gerät, wird die Ursache überall gesucht, nur nicht in diesem nächstliegenden Manko. Wie selbstverständlich gehen die Kinder auf eine deutsche Schule, deren Abschluß von China nicht anerkannt wird. Sollte nicht mehr Integration selbstverständlich sein? Einige türkische Gymnasien würden der Integration der Türken nicht schaden, genauso wenig, wie dänische Gymnasien der Integration der dänischen Minderheit schaden.
tomcat_jordan 29.03.2010
4. Also langsam
glaube ich, dass dem Erdogan langsam die guten/klugen Ratgeber ausgehen! Ich bin selber Ausländer und sehe die Bundesrepublik auch mit kritischen Augen. Aber die Aussagen,Forderungen und Vorwürfe, die Herr Erdogan nun Frau Merkel macht, sind eines guten Staatsmannes mehr als fragwürdig. Eigentlich zeigt er, dass er leider nicht viel von Diplomatie und Staatskunst kennt. Er macht sehr polarisierende/populistische Aussagen und erinnern eigentlich mehr an Staatsoberhäupter, die mehr von großen Reden halten (bzw. nur provozieren wollen) als etwas zu tun bzw. einer Sache nützlich sind. Ich kann immer wieder nur sagen, da ich selber Ausländer bin! Es zwingt mich in Deutschland nichts und niemand hier zu bleiben. Wenn es mir in diesem (oder einem anderem) Land nicht gefällt, dann kann ich jederzeit dieses (oder jedes andere Gastland!) verlassen.
Savage, 29.03.2010
5.
Tja, so etwas nennt man Dilemma, sie könnte natürlich jetzt noch ganz schnell erkranken und den Vizekanzler beauftragen sie beim Staatsbesuch zu vertreten. So wie es aussieht wird sie aber beim Türkeibesuch ein Kopftuch tragen, zumindest ein verbales.
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