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Brisante Rede: Ex-Präsident Carter soll Existenz von Israels Atomwaffen bestätigt haben

Es wäre ein Tabubruch: Laut einem Zeitungsbericht hat der frühere US-Präsident Jimmy Carter öffentlich erklärt, dass Israel Atomwaffen besitzt - und sogar gesagt, wie viele. Der jüdische Staat hat selbst nie zugegeben, dass er über ein nukleares Arsenal verfügt.

London - Dass Israel Atomwaffen besitzt, ist spätestens seit 1986 bekannt: Damals stellte der Nukleartechniker Mordechai Vanunu der britischen Sunday Times dieses Insiderwissen zur Verfügung - plus heimliche geschossene Fotos.

Ex-Präsident Carter: Politisch brisante Alleingänge
REUTERS

Ex-Präsident Carter: Politisch brisante Alleingänge

Israels Informationspolitik in punkto Atomwaffen war bislang allerdings eindeutig zweideutig: Der jüdische Staat hat öffentlich nie zugegeben, dass er über ein nukleares Arsenal verfügt - und es auch nie abgestritten. US-Politiker verfuhren bislang ebenso. Dieser diplomatische Kniff diente dazu, Israels Nachbarstaaten einerseits abzuschrecken - sie aber andererseits nicht unnötig zu einem Wettrüsten zu provozieren.

Umso befremdlicher mutet es an, dass nun ausgerechnet ein amerikanischer Ex-Präsident öffentlich Schätzungen darüber angestellt haben soll, wie viele Atomwaffen Israel besitzt. Gut 150 Atomwaffen sollen es sein - soll Jimmy Carter laut Londoner "Times" gesagt haben.

Der Ex-Präsident habe am Wochenende diese heikle Schätzung angestellt, berichtet das Blatt. Die Zahl sei auf einer Messe für politische Bücher in der walisischen Ortschaft Hay-on-Wye gefallen, wo Carter eine Rede hielt.

Die Formulierung ist überaus heikel. Der letzte Politiker, der andeutete, dass der jüdische Staat Atomwaffen besitzt, provozierte damit einen Sturm der Entrüstung. Im Dezember 2006 tat Israels Regierungschef Ehud Olmert dies in einem Sat.1-Interview. Später nahm er seine Äußerung zurück.

Der Abgeordnete der oppositionellen konservativen Likud-Partei, Juval Steinitz, forderte darauf den Rücktritt des Ministerpräsidenten und sprach von einem "unverantwortlichen Lapsus", der "die Politik von fast einem halben Jahrhundert in Frage stellt".

Carter fordert direkte Verhandlungen zwischen USA und Iran

Auch der Rest von Carters Rede dürfte kaum Zuspruch finden: Der Ex-Präsident sprach sich dafür aus, dass die USA direkte Verhandlungen mit der Regierung Irans aufnehmen, um sie vom Streben nach Nuklearwaffen abzubringen. Man könne von Teheran allerdings nicht erwarten, dass es die Existenz eines Programms zur Erlangung von Atomwaffen öffentlich zugibt.

Israels Blockade des Gaza-Streifens bezeichnete Carter als "eines der größten derzeit auf der Erde existierenden Menschenrechtsverbrechen". Es gebe "keinen Grund, dieses Volk so zu behandeln", sagte der 83-jährige Friedensnobelpreisträger.

Der Europäischen Union warf Carter vor, im Nahen Osten versagt zu haben. Die EU solle die Bildung einer Einheitsregierung mit der Hamas und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas unterstützen und die radikal-islamische Organisation zu einem Waffenstillstand ermutigen.

Carter, der von 1977 bis 1981 US-Präsident war, war einer der Architekten des historischen Friedensabkommens zwischen Israel und Ägypten 1979. Es war der erste derartige Vertrag zwischen dem jüdischen Staat und einem arabischen Land.

Es ist nicht das erste Mal, das Carter mit politisch brisanten Alleingängen von sich reden macht. Erst Anfang Mai traf er sich im syrischen Damaskus mit dem im Exil lebenden Hamas-Chef Chalid Maschaal. Die USA und die EU kritisierten dieses Treffen heftig. Sie betrachten die Hamas als terroristische Organisation und weigern sich bislang, mit ihr zu sprechen. Auch Israel verurteilte Carters Initiative: Uno-Botschafter Dan Gillerman nannte den Ex-Präsidenten gar einen "Fanatiker".

ssu/AFP/dpa

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